Mitten in Dachau:Der oberbayerische Cato

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Mitten in Dachau: Der Dachauer OB Florian Hartmann wünscht sich eine eine Anbindung Dachaus an den S-Bahn-Nordring. Der Wunsch ist nicht neu.

Der Dachauer OB Florian Hartmann wünscht sich eine eine Anbindung Dachaus an den S-Bahn-Nordring. Der Wunsch ist nicht neu.

(Foto: Toni Heigl)

Dachaus Oberbürgermeister schickt einen Brief an die bayerische Verkehrsministerin, in dem wortwörtlich dasselbe steht wie in früheren Schreiben. Das zeugt von großer Staatskunst.

Glosse von Gregor Schiegl, Dachau

Familientreffen laufen unabhängig von der Familie fast immer gleich ab: Es werden Speisen aufgetragen, die ausreichen würden, eine ganze Mannschaft von Sumo-Ringer zu verköstigen, Tadel und Ermahnungen gegen die Jüngsten werden ausgesprochen, und sobald das zweite Glas Wein eingeschenkt ist, kramt ein älterer Stammesangehöriger eine Schnurre aus grauer Vorzeit heraus, in der Hauptrolle meist: ein nasser Schwamm und ein gestrenger Lehrer. Diese Begebenheit wird dann mit impertinenter Heiterkeit ausführlichst und wortgleich wie in den vergangenen Dekaden der betreten kauenden Familie zum Besten gegeben. Vermutlich hatte auch Friedrich Nietzsche so einen Onkel, woraufhin er seine Idee von der "Wiederkehr des ewig Gleichen" formulierte.

Seine Philosophie fand später sogar Eingang in die Programmgestaltung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Dort revolviert man in den Sommermonaten immer wieder die schönsten Wiederholungen. 1986 strahlte die ARD, angeblich aus Versehen, die Neujahrsansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl aus dem Vorjahr aus. Dass er den Bundesbürgern am letzten Tag des Jahres noch "ein friedliches 1986" wünschte, fiel den wenigsten auf; dem "Dicken aus Oggersheim" hörten die meisten eh nicht zu, und wenn man ehrlich ist: Im wohligen Gewölk der Neujahrsansprachen findet sich auch sonst selten Greifbares.

Man sollte die Kraft der Rede dennoch nicht unterschätzen. Wie der stete Tropfen tut auch das Wort seine Wirkung, wird es nur oft genug wiederholt. Cato der Ältere soll mit scholzomatenhafter Beharrlichkeit jeder seiner Reden sein berühmtes "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" vorangestellt haben. Das tat er so lange, bis Karthago tatsächlich plattgemacht wurde. Quod erat demonstrandum. Man muss nur lange genug nerven. Lange genug nerven. Lange genug nerven. Lange genug nerven.

Im Ringen um den S-Bahn-Nordring hat Dachaus Oberbügermeister Florian Hartmann jüngst einen Brief an die bayerische Verkehrsministerin Kerstin Schreyer geschickt, in dem er noch einmal dargelegt hat, dass es doch eine ganz gute Idee wäre, auch die Große Kreisstadt Dachau anzuschließen. Die Argumente, die der OB vorbrachte waren nicht neu, selbst die Formulierungen waren baugleich zu früheren Schreiben an Frau Schreyers Vorgänger Hans Reichhart. Da es gewiss keine verwandtschaftliche Bande zwischen den dreien gibt und die Dachauer Rathausverwaltung zwar langsam, aber gewiss nicht schlampig arbeitet, kann man Hartmanns Nordring-II-Projekt weder der Kategorie geschwätziger Onkel noch schusseliger Programmdirektor zuordnen. Man muss im Dachauer Oberbürgermeister wohl einen oberbayerischen Cato sehen.

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