Normalerweise organisiert das Demokratiebündnis Dachauer Land Demonstrationen, Lichterketten oder Diskussionsrunden, um Zeichen für ein Miteinander und gegen Rassismus zu setzen. Diesmal haben sich die Aktivisten etwas anderes ausgedacht. Diesmal singen sie.
Sie schauen entschlossen drein, besorgt und mutig, und sie fordern auf, „Nein“ zu sagen zu Populismus, Hass und Hetze. Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte aus dem Gymnasium Markt Indersdorf, Frauen, Männer aus dem Landkreis, Alte, Junge, mit und ohne Migrationshintergrund.
Dass das so ungeschminkt und doch professionell rüberkommt, ist einem guten Dutzend engagierter Profimusiker und Künstler zu verdanken. Sie sorgen für das Playback und den instrumentalen Hintergrund. Mit dabei: Konstantin Wecker, der gleich für das Projekt war und schließlich sogar selbst mitgemacht hat. Am Freitag, 17. Oktober, wird das Musikvideo im Indersdorfer Gymnasium um 17 Uhr vorgestellt.
„Sage Nein“ von Konstantin Wecker stand als Titel früh fest. Was aber sonst aus der Idee von Hubertus Schulz vom Demokratiebündnis werden würde, hat die Beteiligten – bei der Aktion waren auch der Runde Tisch gegen Rassismus Dachau, die Seebrücke Dachau beteiligt und die Änderwerk gGmbH dabei – selbst überrascht. Voriges Jahr schlug Schulz das Musikvideo im Demokratiebündnis vor. Dann wurde herumgefragt, wer mitmachen würde, in dem Netzwerk aus rund 70 Organisationen, Kirchen, Vereinen, Parteien und vielen Privatleuten. „Jeder hat jemanden gekannt, und so hatten wir sogar Unterstützung von Profimusikern“, erzählt Hubertus Schulz, „keiner hat Geld bekommen, nur der Kameramann.“

„Ehrlich gesagt, hat mich das am Anfang nicht vom Hocker gehauen“, sagt der Regisseur und Produzent Jakob Gatzka am Telefon. Er wohnt im Landkreis und hat die Regie übernommen. Das Lied sei gut und aktuell, aber, erklärt er seine anfängliche Skepsis: „Es gibt unzählige Versionen von ‚Sage Nein‘, in denen Leute sich mit ihren Handys filmen. Deshalb war klar: wenn, dann g’scheit.“
So trifft es sich, dass auch Albert Ginthör ins Boot kommt, der bis zu seinem Ruhestand lange Jahre Geiger im Orchester des Münchner Gärtnerplatztheaters war. Ihn hat das Thema Migration nicht mehr losgelassen, seit er 2017 einen der Darsteller aus einer Oper mit Geflüchteten, einen aus Deutschland ausgewiesenen Afghanen, aus Protest nach Afghanistan begleitete. Die filmische Umsetzung übernahm Gatzka mit seiner Filmproduktionsfirma Figurative Film GmbH.

Und den er, das erzählt er noch heute stolz, nach zwei Monaten mit einem Visum zurückholen konnte. Auch dieser Mann, der afghanische Sänger Pouya, tritt in dem Video auf, ebenso wie die syrischen Schwestern Walaa und Wissam Kanaieh. Die Drei singen auf Farsi und Arabisch das Playback für die Laiendarsteller mit Migrationshintergrund.
Aus dem Freundeskreis rekrutiert Albert Ginthör Profimusiker und -musikerinnen für das Tonstudio: Ein Streichquartett, in dem Ginthör selbst und seine Schwester Marianne Venzago, ebenfalls ehemalige Profimusikerin, mitspielen, Klavierbegleitung und eine Bassgitarre; Dirigent Andreas Kowalewitz, auch er war lange am Gärtnerplatztheater, übernimmt die musikalische Leitung.
Die männliche deutsche Stimme für das Playback stammt von Musical-Sänger Teodor Pop, die weibliche von einer gesangsbegabten Lehramtsanwärterin am Indersdorfer Gymnasium, Benita Lutter. „Von der Musik her ist das mal was ganz anderes als Rock und Pop wie sonst, es ist eine Mischung aus dem Ganzen“, schwärmt Ginthör am Telefon.

Als die Musik steht, geht es mit den Laien zu den Außenaufnahmen, auf den Dachauer Rathausplatz, vor das Schloss, in einen Maisacker, in die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Schönbrunn, wo die hauseigene Hip-Hop-Gruppe ihren Auftritt hat. Auch Michaela Widmann aus Altomünster hat mitgemacht, sie engagiert sich unter anderem beim Demokratiebündnis. Lustig sei es gewesen, erzählt sie. „Wir haben uns in Weichs getroffen, ungefähr zehn Leute, die alle nicht so recht wussten, was auf sie zukommt.“ Sehr professionell seien sie dann aber angeleitet worden, wer wo steht und wie man sich präsentiert. Als sie das Video zum ersten Mal gesehen habe, sei sie trotzdem erschrocken: „Ich hab’ gedacht, ich komm’ weniger vor.“

Regisseur Jakob Gatzka bringt die Laientruppe dazu, sich kameragerecht zu präsentieren. „Für viele war es schon sehr komisch, plötzlich irgendwo in Dachau zu stehen und da zu performen“, sagt er hinterher. Aber sie hätten es gut hinbekommen, „weil sie so überzeugt von der Sache waren“.
Für ihn selbst sei der Tag am Gymnasium das Highlight gewesen, 40 Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte in Aktion. „Dass so viele junge Menschen so engagiert sind und Haltung zeigen, das ist sehr ermutigend.“
Der Text wurde geändert. In der Ursprungsversion hieß es fälschlicherweise, die Videovorstellung in der Aula des Gymnasiums Markt Indersdorf am Freitag, 17. Oktober, finde um 19 Uhr statt. Sie beginnt aber schon um 17 Uhr.

