Stillen in der ÖffentlichkeitWeil es das Natürlichste auf der Welt ist

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Öffentliches Stillen sollte nach Meinung von Jennifer Benson kein Problem sein.
Öffentliches Stillen sollte nach Meinung von Jennifer Benson kein Problem sein. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Der bayerische Hebammen-Verband wirbt dafür, dass Stillen in der Öffentlichkeit als Selbstverständlichkeit angesehen wird. Zusammen mit dem Landratsamt in Dachau will man Geschäftsinhaber und Gastronomen überzeugen, Müttern demonstrativ einen Platz zur Verfügung zu stellen.

Von Eva Waltl, Dachau

Jennifer Benson erledigt ihren Einkauf. Als sie im Supermarkt durch die Regale streift, schreit ihr Baby. Es bekommt Hunger. Die 24-Jährige beginnt ihren Sohn im Tragetuch zu stillen, für sie in diesem Moment „das Natürlichste auf der Welt“, erinnert sie sich. „Aber ich habe auch einige Blicke auf uns gezogen.“ Eine Situation, die so ähnlich viele junge Mütter durchleben. In der Öffentlichkeit ist das Nuckeln eines Babys an der Brust noch immer ein sensibles Thema.

Die Aktion „stillfreundliche Kommune“, ins Leben gerufen vom Bayerischen Hebammen Landesverband, will hier ein Zeichen setzen. Sie soll Müttern Mut machen, ihre Babys auch im öffentlichen Raum selbstbewusst zu stillen, und zeigen, dass dies nicht nur akzeptiert, sondern ausdrücklich willkommen ist. Mit einem Aufkleber werden öffentliche Gebäude, Geschäfte und Gastronomiebetriebe gekennzeichnet, die an dem Projekt teilnehmen und stillende Frauen unterstützen. Der Landkreis Dachau möchte bayernweit Vorreiter sein und das Projekt flächendeckend etablieren.

„Es geht vor allem um eine Wertschätzung fürs Frausein“, erklärt Sandra Deichl, die Kreissprecherin des Hebammen-Verbands. Frauen sollten sich willkommen und eingeladen fühlen. Außerdem bieten die Gebäude auch bei schlechtem Wetter Platz, um auf die Bedürfnisse der Kleinsten einzugehen.

Dass ein solches Projekt überhaupt notwendig ist, sei der historischen Entwicklung unserer modernen Gesellschaft geschuldet, sagt Deichl. Sie arbeitet bereits seit 35 Jahren als Hebamme im Landkreis Dachau, ist selbst Mutter von drei Kindern und hat viele Mütter und deren Babys während des Wochenbetts betreut. Sie konnte im Laufe der Zeit einen Wandel und Abwärtstrend im Stillverhalten von Müttern feststellen: „In den 80er- und 90er-Jahren mit Kommerzialisierung der Säuglingsnahrung begann es, dass immer weniger Frauen stillen wollten“, erklärt sie.

Stillen ist nicht nur gut fürs Kind, sondern auch für die Mutter

Und auch wenn heute noch etwa 90 Prozent der schwangeren Frauen vorhätten, ihr Baby zu stillen, täten dies in den ersten Monaten nach Geburt lediglich 40 Prozent. Ursache dafür sei mitunter auch die Wahrnehmung einer stillenden Frau in der Öffentlichkeit. „Unsere öffentliche Welt ist eine Männer- und Arbeitswelt, in der die weibliche Brust sexualisiert ist und nicht für die Babys da ist“, klagt Deichl. Wenn öffentliches Stillen nicht unterstützt werde, könne dies die Stilldauer negativ beeinflussen.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Katrin Andrä gemacht. Seit 22 Jahren ist sie als Hebamme tätig, in Dachau betreibt sie die Praxis Bauchgefühl. Einmal wöchentlich findet dort ein Babytreff statt, eine Austauschmöglichkeit zwischen Müttern und Hebamme. „Es gibt viele Frauen, die sehr offen mit dem Thema Stillen umgehen. Aber einige Frauen berichten davon, dass sie sich nicht trauen, länger rauszugehen, weil sie große Hemmungen davor haben, in der Öffentlichkeit zu stillen“, erzählt Andrä.

Die Dachauer Hebamme Katrin Andrä weiß, dass viele Frauen Hemmungen haben, in der Öffentlichkeit zu stillen.
Die Dachauer Hebamme Katrin Andrä weiß, dass viele Frauen Hemmungen haben, in der Öffentlichkeit zu stillen. (Foto: Toni Heigl)

Jennifer Benson ist nach eigenen Worten von Beginn an klar gewesen, dass sie ihr Baby stillen möchte –wegen der starken Bindung, die sie dadurch aufbaue und auch wegen der vielen Vorteile für sie selbst und ihr Baby. So enthält Muttermilch alle notwendigen Nährstoffe, die das Kind vor Bakterien und langfristig vor Allergien schützen und das Immunsystem stärken. Für die Mutter sinkt das Risiko, an bestimmten Krebsarten und Diabetes Typ 2 zu erkranken.

Dennoch waren die ersten Erfahrungen, als sie ihren Sohn außerhalb der eigenen vier Wände an ihre Brust anlegte, „etwas herausfordernder als gedacht“, erinnert sich die junge Mutter. „Ich hatte Angst, dass sich die Menschen um mich herum unwohl fühlen, und für mich selbst ist es entblößend, wenn man die Brust sieht.“

Die junge Mutter hat nie negative Kommentare als Reaktion auf das Stillen ihres mittlerweile acht Monate alten Sohnes erhalten, konnte aber feststellen, dass sich Kellner beispielsweise während des Stillens eher von ihrem Tisch fernhielten und Blicke auf ihr landeten. Mit dem Projekt „stillfreundliche Kommune“ wollen Landkreis und Hebammen das öffentliche Leben „Baby- und Mama-freundlicher“ gestalten und Frauen ermutigen, ihr Kind überall zu stillen.

Im Landratsamt Dachau finden Mütter mit Babys einen ruhigen Rückzugsort. Darauf weisen Schilder hin, die Sandra Deichl und Mechthild Hofner vom Bayerischen Hebammen Landesverband, Landrat Stefan Löwl und Katharina Zausinger von der Dachauer Geburtshilfe (von links) anbringen.
Im Landratsamt Dachau finden Mütter mit Babys einen ruhigen Rückzugsort. Darauf weisen Schilder hin, die Sandra Deichl und Mechthild Hofner vom Bayerischen Hebammen Landesverband, Landrat Stefan Löwl und Katharina Zausinger von der Dachauer Geburtshilfe (von links) anbringen. (Foto: Landratsamt Dachau/oh)

Aktuell öffnen bereits das Landratsamt am Weiherweg und die Außenstellen der Behörden ihre Türen für die Bedürfnisse von Mutter und Kind. Sina Török, die Pressesprecherin des Landratsamts Dachau, beschreibt die bisherige Umsetzung des Projekts als „äußerst unbürokratisch und schnell“. Vor allem die Mitarbeiter an den Pforten der Behördengebäude seien geschult geworden, wie sie Frauen in einen ruhigen Raum begleiten können. „Einer unserer Besprechungsräume ist immer frei und dort haben die Mütter dann die Möglichkeit, sich um ihre Kinder zu kümmern“, schildert Török.

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Deichl und ihr Team arbeiten derweil daran, so viele Gewerbetreibende im Landkreis wie möglich mit ins Boot zu holen. Ziel ist, in Geschäften kleine Ecken zu schaffen, in denen Frauen geschützt stillen können und ein Glas Wasser angeboten bekommen. Die ersten Schritte seien getan, freut sich Deichl, obwohl es aktuell „noch sehr viel Zeit und Laufarbeit bedarf, den Menschen alles zu erklären“. Doch die Resonanz sei bisher durchwegs positiv. Sie erhofft sich, dass der Landkreis Dachau bis Mitte September gut vernetzt und stillfreundlich wird – und dadurch auch das öffentliche Leben ein wenig weiblicher.

Für Jennifer Benson bedeutet das Projekt vor allem Offenheit. „Wenn ich einen Aufkleber der Initiative an einem Restaurant sehe, finde ich das total einladend und würde mich sofort wohlfühlen.“ Die Stillbeziehung mit ihrem Sohn möchte die Mutter noch so lange weiterführen, wie es den beiden guttut – unabhängig ob zu Hause oder draußen.

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