bedeckt München 13°

Azubi-Mindestlohn im Landkreis Dachau:"Jeder ist froh, wenn er einen Lehrling bekommt"

Von wegen Hammer und Meißel: Werkzeugbau ist ein Hightech-Beruf

Gefragte Nachwuchskraft: Ein angehender Werkzeugmechaniker arbeitet an einer Drehmaschine.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Experten und Handwerksmeister im Landkreis Dachau bezweifeln, dass die Einführung des Azubi-Mindestlohns Wirkung zeigt.

Von Julia Putzger und Anna-Elisa Jakob, Dachau

Die Einführung des Mindestlohns für Auszubildende in Deutschland ist beschlossene Sache. Ab 2020 erhalten Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr einen Mindestlohn von 515 Euro monatlich. Experten und Handwerkermeister im Landkreis Dachau bewerten den Vorstoß von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) größtenteils positiv, geben aber auch zu bedenken, dass weitere Maßnahmen gegen den Lehrlingsmangel notwendig sind.

Inwiefern sich der neue Mindestlohn auf die Ausbildungssituation im Landkreis auswirkt, ist fraglich. Für Ausbildungen in den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistung liegt die Vergütung von Dachauer Lehrlingen sowieso bereits über dem angepeilten Mindestsatz, bestätigt die Industrie- und Handelskammer (IHK). Gleiches gilt auch für Handwerksberufe.

Der Mindestlohn ist im Landkreis Dachau bereits Standard

Der Mindestlohn ist bereits Standard im Landkreis, wie Ludwig Hardwig, Obermeister der Metallinnung Dachau erklärt. Der hohe Mangel an Lehrlingen lässt den Betrieben in der Region keine andere Wahl: "Jeder ist froh, wenn er einen Lehrling bekommt. Deswegen ist bei der Vergütung immer Luft nach oben", sagt Hardwig. Den Beschluss der Bundesregierung findet er zwar gut - doch hier in der Region werde es sowieso kaum Betriebe geben, welche die neue Vergütungsgrenze aktuell noch unterschreiten.

Ist der angesetzte Mindestlohn für Lehrlinge und Betriebe im Landkreis also einzig eine symbolische Maßnahme, die an der Realität vorbeigeht? Ulrich Dachs, Vorstand der Kreishandwerkerschaft Dachau und Obermeister der Schreinerinnung Dachau, hält den gesetzlich festgelegten Mindestlohn ohnehin für den falschen Weg. Dadurch werde die Tarifautonomie beeinträchtigt, da der Staat in Belange eingreife, für die er eigentlich nicht zuständig sei. Außerdem kritisiert Dachs, dass der Mindestlohn konjunkturunabhängig sein soll.

Eine höhere Vergütung der Azubis geht zulasten der Betriebe

Eine höhere Vergütung der Lehrlinge geht zulasten der Betriebe - die Gefahr, dass dadurch weniger Unternehmen weiterhin Ausbildungen fördern, kam auch in der bundesweiten Debatte zur Sprache. Die IHK sieht diese Gefahr im Landkreis jedoch nicht. Peter Fink, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses sagt: "Die geplante Änderung ist für die IHK-Ausbildungsunternehmen im Landkreis Dachau kein Thema."

Er zeigt sich zuversichtlich, dass der Mindestlohn keine Auswirkungen auf das Engagement der 270 IHK-Ausbildungsbetriebe im Landkreis haben werde. Für kleinere Unternehmen im handwerklichen Bereich könnte die Steigerung des Mindestlohns aber dennoch zum Problem werden, gibt Metallinnungsmeister Ludwig Hardwig zu bedenken. Das bezeichnet ein generelles Problem um den Mangel an Lehrlingen: "Die ersten zwei Lehrjahre wird weit mehr Gehalt gezahlt, als der Produktivität entspricht", sagt Hardwig. Für kleinere Betriebe bedeute der Lehrling also zunächst nur eine zusätzliche Investition, die sie erst erwirtschaften müssten.

Das Lehrlingsgehalt ist nur in den seltensten Fällen ausschlaggebend für die Berufswahl

Hardwig sieht allerdings keine andere Möglichkeit, um dem Mangel entgegenzutreten: Schließlich hätten die Auszubildenden die freie Auswahl an Betrieben - hier kann die Vergütung schnell eine große Rolle spielen. "Außerdem geht es ja auch um Bestätigung - was bringt mir ein Lehrling, der frustriert und unmotiviert ist, weil er bei mir sowieso nichts verdient?", fragt Hardwig.

Trotzdem sei das Lehrlingsgehalt nur in den seltensten Fällen ausschlaggebend für die Berufswahl, weiß Kathrin Stemberger von der Agentur für Arbeit Freising, die auch für den Landkreis Dachau zuständig ist. Beispielsweise sei der Beruf des Friseurs auch in Dachau beliebt, obwohl die Lehrlingsgehälter in diesem Bereich besonders niedrig sind - nur 481 Euro monatlich verdienen Friseurazubis im bundesweiten Durchschnitt im ersten Lehrjahr, neben Schornsteinfegern und Raumausstattern der einzige Beruf, dessen durchschnittliche Vergütung unter dem beschlossenen Mindestlohn von 515 Euro liegt. Im Baugewerbe hingegen, wo die Löhne höher sind, könnten laut Stemberger trotzdem nicht alle Stellen besetzt werden.

"Es ist gut, dass mit dem Mindestlohn auf das Problem aufmerksam gemacht wird"

Auch Johannes Sommerer, Schulleiter der Berufsschule Dachau, weist auf andere Faktoren bei der Berufsentscheidung hin. Arbeitszeiten, der spätere Verdienst und Möglichkeiten der Weiterbildung spielten eine wichtigere Rolle als das Gehalt. Das gesellschaftliche Bild vom Lehrberuf müsse sich verändern und die Tätigkeiten wieder mehr wertgeschätzt werden. "Es ist gut, dass mit dem Mindestlohn auf das Problem aufmerksam gemacht wird, aber das Ungleichgewicht zwischen akademischer und dualer Ausbildung wird so nicht ausgeglichen", so Sommerer.

Kreishandwerksmeister Dachs schlägt darum vor, anstatt den Mindestlohn einzuführen, bereits in der Grundschule verstärkt auf die Lehre aufmerksam zu machen. "Die Kinder werden alle für den Besuch eines Gymnasiums getrimmt, unabhängig von ihren eigentlichen Neigungen", meint Dachs. Wenn man die Kinder schon früh für einen Lehrberuf begeistern könne, würden sie sich auch später - unabhängig vom Gehalt - für eine Ausbildung entscheiden, die ihnen gefällt: "Das Geld ist für die meisten nur zweit- oder drittrangig." Wichtig seien außerdem Weiterbildungsmöglichkeiten und eine berufliche Perspektive.

© SZ vom 16.05.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite