Süddeutsche Zeitung

Kampfjets überfliegen Dachau:"Das war ein echtes Highlight für mich"

Israelische und deutsche Kampfflugzeuge fliegen für eine Übung über Dachau. Der Holocaust-Überlebende Abba Naor ist tief bewegt von diesem Ereignis.

Von Julia Putzger, Dachau

Während in Dachau Kampfjets der deutschen und israelischen Luftwaffe erstmals überhaupt gemeinsam an Dachau vorbei und über den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck flogen, saß Abba Naor in seinem Wohnzimmer. Später, als eine ehrwürdige Delegation, der unter anderem die beiden Chefs der deutschen und israelischen Luftwaffe, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und der israelische Botschafter aus Berlin, Jeremy Issacharoff, angehörten, die KZ-Gedenkstätte in Dachau besuchte und vom Regen nass wurde, machte es sich Naor weiterhin in seinem trockenen Heim vor dem Bildschirm gemütlich. Trotzdem war dieser Tag und das Geschehen nicht weniger aufregend für den ehemaligen Häftling und Vizepräsidenten des Internationalen Dachau-Komitees: "Dass ich das noch erlebe, das war ein echtes Highlight für mich."

Die gemeinsame Übung der deutschen und israelischen Luftwaffe am Dienstag war ein historisches Ereignis. Erstmals in der Geschichte flogen Kampfjets der beiden Einheiten am Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers vorbei, um den Opfern des Holocausts zu gedenken. Danach drehten sie noch eine Runde über den Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck, um an die Opfer des Olympiaattentats von 1972 zu erinnern und im Anschluss besuchte eine Delegation die KZ-Gedenkstätte. Aufgrund der Corona-Pandemie musste dieser feierliche Anlass jedoch in kleinem Rahmen stattfinden. "Sonst wäre ich wahrscheinlich in Dachau gewesen", sagt Naor. Stattdessen verfolgte er die Geschehnisse per Live-Übertragung gemeinsam mit seinen Besuchern. Drei Angehörige der israelischen Luftwaffe besuchten ihn nämlich in seinem Zuhause in Israel. "Die wollten mich trotzdem dabei haben", erklärt der 92-Jährige.

Die Veranstaltung sieht der Holocaustüberlebende Abba Naor als wichtiges Zeichen des Friedens: "Man konnte wirklich sehen, wie gut die Beziehungen jetzt sind. Wie bei der Zeremonie gesprochen wurde, wenn man sich beim Namen nennt, das alles zeigt eine Ernsthaftigkeit und ist kein Spiel mehr." Auf die Frage, ob es denn nicht befremdlich sei, wenn militärische Einheiten mit dem Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft in Verbindung gebracht werden, entgegnet er: "Ich habe schon längst Frieden geschlossen mit Deutschland. Hass muss nicht verewigt werden. Wir wissen wie es war und können daraus lernen."

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erlebe"

Es sei sehr aufregend gewesen, dieses historische Ereignis mitzuverfolgen: "Ich muss sagen, als alter Mann mit 92 hätte ich nicht gedacht, dass ich das noch erlebe. Das war etwas ganz Besonderes und ein echtes Highlight, das ich nie vergessen werde." Das Auftreten der beiden Luftwaffenchefs und der gemeinsame Formationsflug hätten eine enorme symbolische Wirkung und Strahlkraft.

Doch nicht nur die Geschehnisse in Dachau bereiteten Naor große Freude, sondern auch die fast vier Stunden, die die Besucher mit ihm verbrachten. Während die zwei Frauen und der Mann, die der Presseabteilung der israelischen Luftwaffe angehören, gemeinsam mit Naor die Live-Übertragung verfolgten, erzählte der ehemalige Häftling aus seinem Leben. "Die jungen Leute waren ein bisschen geschockt, die hatten solche Geschichten noch nicht gehört", sagt Naor. Auch um Investitionen der bayerischen Staatsregierung in die Gedenkstätte und die - nicht immer rosige - generelle Situation sei es gegangen. "Ich sage immer: Wunder gibt es immer wieder. Das heute war eines und darum kann ich hoffen, dass es noch besser wird."

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SZ vom 19.08.2020
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