NS-Verbrechen:"Das Unerträglichste waren die moralischen Bedingungen"

Im Dachauer Hauptprozess sagen einige ehemalige Häftlinge aus. Für viele ist es die erste Möglichkeit, ihre traumatischen Erfahrungen in den Lagern zu verarbeiten. Immer wieder sollen sie ihre früheren Peiniger identifizieren, die mit Nummern um den Hals auf der Anklagebank sitzen.

Der tschechische Häftlingsarzt Franz Blaha, der viele Jahre im KZ Dachau verbringen musste, nimmt als einer der ersten Kronzeugen im Zeugenstand Platz. Auch der Belgier Arthur Haulot, Gründungsmitglied des Internationalen Gefangenenkomitees, sagt aus. Er gibt an, dass nicht der Hunger oder die sadistischen Misshandlungen das schlimmste im Lager gewesen seien.

Dachauer Prozesse

Dachauer Prozesse Dr. Franz Blaha, a former camp inmate, confronts Dachau commandant Martin Gottfried Weiss in the prisoner's dock.

(Foto: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Vincent Paul Donaghue)

"Das Unerträglichste waren die moralischen Bedingungen, unter denen wir leben mussten." Viele seiner belgischen Kameraden seien nicht physisch, sondern "moralisch zugrunde gegangen".

Nach Ende des Dachau-Hauptprozesses sagt Haulot einem Reporter der SZ: "Ich halte solche Prozesse für wichtig, die Schuldigen sollen, im Gegensatz zu den Gepflogenheiten der Nazis, nicht ohne Verfahren bestraft werden; wir wollen der Welt beweisen, dass wir da ein anderes, ein besseres Rechtsgefühl haben. Darüber hinaus hat die Weltöffentlichkeit ein Recht darauf zu erfahren, was in den KZ-Lagern vor sich gegangen ist."

Haulots Wunsch geht nur bedingt in Erfüllung. Der Dachauer Hauptprozess gilt zwar als juristisches Vorbild für alle weiteren Verfahren, doch diese kommen in der Öffentlichkeit immer schlechter an. Die deutsche Gesellschaft weigert sich, sich der eigenen Schuld zu stellen und ihre NS-Vergangenheit aufzuarbeiten.

Spätestens mit dem Malmedy-Prozess, einem der Verfahren in Dachau, treten Teile der Presse, Kirchen und Parteien eine öffentliche Hetzkampagne gegen das gesamte "War Crimes Program" los.

Im Malmedy-Prozess verhandelt das Gericht die Ermordung von amerikanischen Kriegsgefangenen im Zusammenhang mit der Ardennenoffensive der deutschen Wehrmacht. Das Tribunal will die Schuldigen im Prozess schnell schuldig sprechen. Doch die SS-Männer, die an den Morden beteiligt waren, versuchen es, den amerikanischen Ermittlern schwer zu machen. Sie leugnen die Taten oder schieben sie auf diejenigen, die im Krieg gefallen sind. Von den 73 Angeklagten werden 43 zum Tode verurteilt.

Nach dem Prozess machen Gerüchte die Runde, die Geständnisse der SS-Männer seien unter Folter entstanden. Eine Lüge, Beweise dafür fehlen bis heute. Doch Kichen, Presse, Juristen und Parteien erheben immer wieder den Vorwurf der "Siegerjustiz". In Heidelberg gründet sich ein Juristenkreis um Eduard Wahl, einen späteren CDU-Bundestagsabgeordneten.

Dieser koordiniert den Widerstand gegen die Prozesse. Auch unterstützt von der Bundesregierung. Der US-Militärgouverneur in Deutschland, General Lucius D. Clay, sieht sich genötigt, in einem Schreiben an Josef Kardinal Frings, Erzbischof von Köln, das "War Crimes Program" zu verteidigen: Die Kriegsverbrechertribunale seien im Interesse der hohen Justiz und "in der Hoffnung errichtet wurden, dass die Welt ihren Beitrag zum Frieden anerkennen würde und dass sie ein Abschreckungsmittel für künftige Angreifer darstellen möchten".

Doch die Kampagne gegen die Dachauer Prozesse zeigt Wirkung. Von den 43 Todesurteilen im Malmedy-Prozess zum Beispiel wird keines vollstreckt, alle werden zu Haftstrafen abgemildert. Die Verurteilten mussten ihre Haft im Gefängnis in Landsberg abbüßen. Der Druck der deutschen Öffentlichkeit, Kirchen, Presse, Parlamente, Regierungen führt über ein System von Amnestien, Strafmilderungen und Gnadenerlässen dazu, dass 1958 die letzten Gefangenen entlassen werden.

Auch aufgrund ihrer damaligen Ablehnung und der damit verbundenen Verdrängung der deutschen Schuld sind die Dachauer Prozesse heute, zum 75. Jahrestag, nur einem Fachpublikum ein Begriff, während die Nürnberger Prozesse weltweit für die juristische Ahndung der Nazi-Verbrechen stehen.

Die KZ-Gedenkstätte möchte dieses "Missverhältnis" ändern und plant deshalb eine Sonderausstellung zu den Dachauer Prozessen, die voraussichtlich ab Oktober 2021 zu sehen sein wird. Man wolle "aus dem Schatten von Nürnberg" heraustreten, sagt Christoph Thonfeld, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Gedenkstätte. "Dachau ist als KZ international ein Begriff."

Doch gleichzeitig sei an diesem Ort auch eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen erfolgt. "Wir wollen diesen engen Zusammenhang zur Aufarbeitung sichtbar machen", sagt Thonfeld.

Auch will die Gedenkstätte darauf aufmerksam machen, dass das Gerichtsgebäude noch immer steht, in dem die Dachauer Prozesse stattfanden. Es befindet sich auf dem Gelände der bayerischen Bereitschaftspolizei. Diese nutzt es bezeichnenderweise hauptsächlich als Lagerhalle. Im Hinterhof ist die Gärtnerei eingerichtet.

Wie Yvonne Schäfers von der Gedenkstätte erklärt, existiert auch noch ein Lageplan, auf dem die verschiedenen Haftbereiche des Internierungslagers eingezeichnet sind. "Der Plan wurde bis Ende letzen Jahres noch von den Elektrikern der Bereitschaftspolizei verwendet", sagt sie. Das Dokument soll neben vielen anderen Dokumenten, Fotos, Audio- und Videoaufnahmen in der Ausstellung zu sehen sein.

Dachauer Prozesse

Dachauer Prozesse Stadt Dachau, Bereitschaftspolizei, Gebäude in dem die Dachauer Prozesse stattfanden, Zeitgeschichte, KZ-Gedenkstätte, npj/Foto: Jørgensen

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Ein Dokument, welches das United States Holocaust Memorial Museum in Washington aufbewahrt, ist ein Brief des zum Tode verurteilten Tropenmediziners Claus Schilling an seinen Anwalt.

Schilling hat diesen am 26. Februar 1946 im Landsberger Gefängnis verfasst, wo er auf seine Hinrichtung wartet. Schilling schreibt: "Ich bitte Sie, nicht auf meine Unschuld zu bestehen. Ich wünsche zu sterben. Das Leben, das ich jetzt im Gefängnis lebe, ist kein Leben. Wenn das Gericht mir einen Gefallen tun möchte, lassen sie mich einen schnellen und schmerzlosen Tod haben."

Am 28. Mai 1946 wird Schilling im Landsberger Kriegsverbrechergefängnis gehängt.

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