Gedenkveranstaltung in DachauDrei Kilometer gegen das Vergessen

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Etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen beim „March of the Living“ von der KZ-Gedenkstätte Dachau zum Bahnhof.
Etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen beim „March of the Living“ von der KZ-Gedenkstätte Dachau zum Bahnhof. Toni Heigl
  • Beim ersten „March of the Living“ in Dachau gehen 500 Menschen drei Kilometer vom ehemaligen KZ zum Bahnhof, um gegen das Vergessen und Antisemitismus zu protestieren.
  • Die Veranstaltung erinnert an die Opfer des Hamas-Attentats vom 7. Oktober 2023 und soll ein Zeichen gegen aktuellen Antisemitismus setzen.
  • Politiker, Vertreter der Kultusgemeinde und Schüler mahnen, dass jüdisches Leben in Deutschland Verbündete braucht und „Nie wieder ist jetzt“ gilt.
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Beim ersten „March of the Living“ in Dachau legen 500 Menschen die geschichtsträchtige Strecke vom ehemaligen KZ zum Bahnhof zurück. Jugendliche, Politiker und Vertreter der Kultusgemeinde und des Staates Israel finden mahnende Worte gegen Antisemitismus.

Von Helmut Zeller, Dachau

So viele Namen. 1200 stehen auf dem Banner, das Jochen Lupprian während der Veranstaltung, eineinhalb Stunden lang, in der eisigen Kälte hochhält. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutsch- Israelischen Gesellschaft Bamberg ist an diesem Sonntag 225 Kilometer nach Dachau gefahren, zum „March of the Living“, dem ersten in Bayern. Es sind die Namen der Frauen, Männer und Kinder, die am 7. Oktober 2023 in Südisrael von Hamas-Terroristen brutal ermordet wurden; die Namen der 251 nach Gaza Verschleppten stehen auf einem angehängten gelben Winkel. 133 haben nicht überlebt, die letzten 20 Geiseln wurden vergangenen Oktober freigelassen – nach 738 Tagen Gefangenschaft.

Dass auch der Leichnam des 24-jährigen Polizisten Ran Gvili, der am 7. Oktober getötet wurde, wieder in Israel ist, wird die israelische Armee erst am Montag bestätigen. Auch die israelische Generalkonsulin Talya Lador Fresher weiß es am Sonntag noch nicht, als sie in ihrer Rede an den Mann erinnert. „Er ist immer noch nicht zu Hause“, sagt sie. Das Gedenken an die Opfer des Hamas-Attentats findet am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau statt, weil die Organisatoren damit ein Zeichen setzen wollen. Lador Fresher sagt, der gegenwärtige Antisemitismus komme von drei Seiten: von rechtsextremer Seite, von den Linksradikalen und ihrem Einfluss in den Universitäten und im Kulturbetrieb. Und von der islamistischen Seite. „Wir brauchen euch, die guten Menschen in der breiten Mitte“, erklärt die Generalkonsulin.

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Circa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind gekommen – auch wenn viele aus München anreisten, ist das schon ein großer Erfolg in einer Stadt, in der seit dem 7. Oktober zu den zwei Demonstrationen gegen Antisemitismus jeweils nur weit unter 100 Menschen kamen. Dachau zeige, sagt die israelische Diplomatin, dass es nicht nur ein Erinnerungsort sei, sondern auch dazu stehe: „Nie wieder ist jetzt.“ Landrat Stefan Löwl (CSU), Schirmherr der Veranstaltung, sagt, auch wenn es „berechtigte Kritik am Staat Israel“ gebe, könne man nicht die Juden hierzulande „in Sippenhaft“ nehmen. Er gebe jüdischen Israelis im Landkreis Dachau ein „persönliches Schutzversprechen“.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, dankt dem Münchner Wirtschaftswissenschaftler Guy Katz, der zusammen mit Michael Holland, dem Antisemitismusbeauftragten des Landkreises Dachau, den March of the Living in Dachau organisiert hat. Und sie grüßt die Schauspielerin Uschi Glas, die auch zu dieser Gedenkveranstaltung gekommen ist. Diese Art zu erinnern, habe es bisher in München und Dachau nicht gegeben.

„Wir haben heute die Wahl zu erinnern oder zu vergessen, wir können tatenlos zusehen, wie sich die Geschichte der 1930er-Jahre in Deutschland wiederholt. Aber Deutschland ist ein anderes Land geworden, in dem nicht mehr der Hass, sondern Respekt und Toleranz – mit Einschränkungen – regieren.“ Gemeinsam müsse man denen den Weg versperren, die Deutschland in seine finsterste Zeit zurückstürzen wollen, sagt Knobloch, auch im Blick auf die rechtsextreme AfD.

„Wir haben die Wahl zwischen Erinnern und Vergessen“, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Rechts von ihr der Holocaust-Überlebende Abba Naor.
„Wir haben die Wahl zwischen Erinnern und Vergessen“, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Rechts von ihr der Holocaust-Überlebende Abba Naor. Toni Heigl
Der Wirtschaftswissenschaftler Guy Katz hat den Marsch in Dachau mitorganisiert.
Der Wirtschaftswissenschaftler Guy Katz hat den Marsch in Dachau mitorganisiert. Toni Heigl

Die KZ-Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann sagt, man erlebe 2026 wieder eine Zeit, in der jüdisches Leben in Deutschland und in der Welt massiv bedroht werde. Das Gedenken müsse eine wehrhafte Antwort auf Antisemitismus sein, „den wir nicht dulden“. Hammermann erklärt den Weg, auf dem die Teilnehmer anschließend zum Bahnhof Dachau gehen. Zehntausende Häftlinge mussten ihn zurücklegen. Die drei Kilometer lange Strecke zeige auch, wie das Lager und die Stadt verbunden waren.

„Das Leben hat über den Tod gesiegt“, wie Knobloch sagt. Das sei die Botschaft des March of the Living, den Katz und Holland nach Dachau gebracht haben. Unter diesem Titel haben seit 1988 haben mehr als 300 000 Jugendliche aus Israel und 49 weiteren Ländern an dem drei Kilometer langen Marsch vom Stammlager Auschwitz zum Vernichtungslager Birkenau teilgenommen – für die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen der Shoah und als Zeichen gegen den Antisemitismus, der nach 1945 geblieben ist.

Die Teilnehmer des Marsches setzen sich in Bewegung, auf der Strecke, die Zehntausende Häftlinge gehen mussten.
Die Teilnehmer des Marsches setzen sich in Bewegung, auf der Strecke, die Zehntausende Häftlinge gehen mussten. Toni Heigl
Beim March of the Living sind zahlreiche israelische Fahnen zu sehen.
Beim March of the Living sind zahlreiche israelische Fahnen zu sehen. Toni Heigl

Katz, der in München den wöchentlichen „Run for their Lives“ initiiert und 40 000 Unterschriften für eine Petition zur Umsetzung eines Fünf-Punkte-Plans gegen Antisemitismus gesammelt hat, ist in sozialen Medien angefeindet und sogar mit dem Tod bedroht worden. Er hat in Holland einen Partner gefunden, den er auf der Bühne vor dem Parkplatz der KZ-Gedenkstätte Dachau bittet, um ihn umarmen zu dürfen.

Dann kommen Schülerinnen und Schüler zu Wort. Klara vom Effner-Gymnasium sagt, sie sei in Dachau aufgewachsen. Die Stadt sei ihr Alltag. Aber es gebe hier einen Ort der Stille, der in besonderer Weise spreche – von den Geschichten der Überlebenden des Konzentrationslagers. Es wäre leicht, sich davon zu distanzieren. Aber dann würde man missverstehen, dass die Geschichte jeden angehe, dass sie aus vielen kleinen Entscheidungen bestehe, dass sie auch eine Brücke zwischen Judentum und Christentum und anderen Kulturen bauen könne.

„Ich führe sein Vermächtnis fort“

Der 16-jährige Samuel vom jüdischen Helene-Habermann-Gymnasium in München erzählt von seinem Großvater, der 16 war, als er deportiert wurde. Er überlebte acht Konzentrationslager, darunter Auschwitz, Dachau und Flossenbürg. Als er mit 20 befreit wurde, wog er noch 29 Kilogramm. Samuel sagt, er sei traurig an diesem Ort Dachau. Aber auch: „Ich führe sein Vermächtnis fort.“ Veronika, 19, auch vom Habermann-Gymnasium, bringt es auf den Punkt: „Jeder Überlebende der Shoah war ein Neuanfang.“

Es sei unvorstellbar gewesen, dass es in Deutschland nach 1945 wieder jüdisches Leben geben werde. „Der Blick zurück ist wichtig, Erinnerung ist eine Verpflichtung, aber kein Selbstzweck“, mahnt die junge Frau. Genauso wichtig sei es, nach vorn zu schauen. „Wir sind Teil der Gesellschaft. Die Nazis haben nicht gewonnen.“ Aber der Antisemitismus, so Veronika, sei nicht vorbei. Auch Nichtjuden müssten sich entschieden gegen ihn stellen, jüdisches Leben brauche Verbündete. Der Marsch ist dann ein Zeichen, ein: „Wir sind hier“, wie die Überlebenden der Shoah 1945 gesagt haben.

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