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Stellenabbau:OB Hartmann fordert von MAN Verlässlichkeit

Neue Busse

Die Stadtwerke Dachau kaufen zwölf neue Erdgasbusse von MAN.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Mit der Aufkündigung der Vereinbarung zur Standort- und Beschäftigungssicherung für das Werk in München verunsichert der Konzern nicht nur Tausende Beschäftigte, er stößt damit auch einen guten Kunden vor den Kopf: die Stadtwerke Dachau, die gerade ihre Busflotte verdoppeln.

Von Thomas Radlmaier, München/Dachau

Die Inszenierung ist top. Die zwölf nigelnagelneuen Erdgasbusse mit der typischen rot-weißen Stadtwerke-Dachau-Lackierung stehen nebeneinander aufgereiht. An der Windschutzscheibe des vordersten Busses klebt eine rosafarbene Riesenschleife. Christoph Huber, Vorsitzender der Geschäftsführung der "MAN Truck & Bus Deutschland GmbH", überreicht dem Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) als Symbol der feierlichen Übergabe einen viel zu großen Schlüssel.

Es ist frisch an diesem Donnerstagvormittag. Auf dem Gelände des "MAN Bus Forums" in München-Ludwigsfeld sind OB Hartmann, Stadtwerke-Chef Robert Haimerl sowie Busfahrer zusammengekommen, um von MAN-Vertretern die neuen Busse der Stadtwerke-Flotte in Empfang zu nehmen. Eigentlich ein PR-Termin, es wird mit Sekt angestoßen, jeder darf sich mal hinter ein Lenkrad setzen und in Kameras grinsen. Doch auch die beste Inszenierung kann die Schlagzeilen dieser Tage nicht verdecken. Und weder Hartmann noch Haimerl haben große Lust, das Offensichtliche zu verschweigen.

"Treue zum Standort"

Die MAN-Konzernspitze hat die Vereinbarung zur Standort- und Beschäftigungssicherung gekündigt. Der Bus- und Lkw-Hersteller will mit der Nutzung einer sogenannten Schlechtwetterklausel den bereits angekündigten Abbau von 9500 Stellen vorantreiben. Um die geplante Neuausrichtung einzuleiten, sehe sich das Unternehmen gezwungen, die für die Standorte in Deutschland und Österreich geltenden Verträge zum 30. September zu kündigen, teilte MAN am Dienstag mit. Der Betriebsrat bezeichnete den Schritt als "Kulturbruch" und kündigte starken Widerstand an. Die Mitarbeiter, darunter etwa 2200 aus dem Landkreis Dachau, bangen um ihre Arbeitsplätze.

Bisher hielten sich Kommunalpolitiker aus dem Landkreis mit Kritik an MAN zurück. Jetzt spricht OB Hartmann mahnende Worte ins Mikrofon, hinter ihm rauscht der Verkehr der B 304 vorbei. Er sei von der Qualität der Busse begeistert, sagt er. Doch er hoffe schon, dass diese Fahrzeuge auch künftig noch vom Band rollen werden. Er wendet sich an MAN-Mann Huber: Dieser solle dem Konzernvorstand ausrichten, dass die Stadt Dachau die "Treue zum Standort als gegeben" voraussetze. Werksleiter Haimerl wird noch deutlicher: "Ich hoffe, dass MAN beim geplanten Stellenabbau die Kollegen für den Erdgasantrieb außen vor lässt, damit die Wartung gewährleistet ist."

Neue Busse

Christoph Huber, Vorsitzender der Geschäftsführung der MAN Truck & Bus Deutschland GmbH, überreicht dem Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (l.) symbolisch einen Schlüssel für die neuen Erdgasbusse.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Die Stadtwerke Dachau verdoppeln ihre Busflotte fast, um zum Fahrplanwechsel im Dezember den Zehn-Minuten-Takt auf den Ringlinien 720, 722 und 726 gewährleisten zu können. Dafür geben sie viel Geld aus. Einer der zwölf Busse kostet rund 360 000 Euro, die Stadtwerke haben 36 neue Busfahrer eingestellt. Ein Busdepot wird an der Otto-Jahn-Straße in Dachau-Ost gebaut. Auf dem Gelände wird auch eine Erdgastankstelle errichtet. Insgesamt 9,5 Millionen Euro investieren Stadtwerke, Stadt und Landkreis in die Einführung des Zehn-Minuten-Taktes. Viel Geld, das man gut angelegt wissen will. "Wir hoffen, dass wir eine Investitionssicherung erhalten", sagt Haimerl "Die Verkehrswende kann nur funktionieren, wenn es ein Mix ist." Man wolle versuchen, die Menschen dazu zu bewegen, vom Auto auf den Bus umzusteigen.

Damit auf Dauer alles funktioniert, haben die Stadtwerke mit MAN einen Wartungsvertrag für die neuen Fahrzeuge geschlossen. Dieser gilt acht Jahre, mit Option einer Verlängerung auf zehn Jahre. Reinhard Dippold, Abteilungsleiter der Verkehrsbetriebe bei den Stadtwerken, sagt, er gehe schon davon aus, dass es zehn Jahre werden. Den Service erhalten die Stadtwerke direkt in der Nachbarschaft.

"Wir halten uns an Verträge"

Doch vor dem Hintergrund des Stellenabbaus gibt es die Befürchtung, dass es in Karlsfeld vielleicht bald keine MAN-Mitarbeiter mehr geben wird, welche die neuen Busse warten werden. Christoph Huber von MAN verspricht auf Nachfrage: "Wir halten uns an Verträge." Mehr sei zu diesem Thema an dieser Stelle nicht zu sagen. Stattdessen verweist er auf die moderne Technologie der Erdgasbusse. Diese sind schadstoffarm, sie verfügen über einen sogenannten CNG-Antrieb - CNG steht für Compressed Natural Gas. Wie Haimerl sagt, werden die Busse mit Biomethan betrieben. Zudem haben sie neben dem Erdgasmotor auch einen Elektromotor; bei jedem Bremsvorgang wird elektrische Energie erzeugt, die den Gasmotor unterstützt. Auch an die Sicherheit für Fußgänger oder Radfahrer hat man gedacht. Alle Busse haben einen Abbiegeassistenten eingebaut. Zudem soll der Infektionsschutz für Busfahrer verbessert werden. Es gibt die Möglichkeit, bei jedem Bus eine große Glasscheibe einzuziehen, die den Fahrer von den Fahrgästen trennt. In einem Bus wurde die "Corona-Schutz-Scheibe" bereits verbaut. Die neuen Busse rollen von nächster Woche an über die Dachauer Straßen. Doch das sei vorerst nur eine Testphase, so Diepold. Richtig starten die Fahrzeuge erst zum Fahrplanwechsel.

Wie es bei MAN weitergeht, ist unklar. Durch die nun erfolgte Kündigung der Jobgarantie wären betriebsbedingte Kündigungen von 1. Januar 2021 an denkbar und vom 1. Oktober 2021 an flächendeckend möglich. Wie MAN mitteilte, können die Verträge ganz oder teilweise wieder in Kraft gesetzt werden, wenn "sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite bis Jahresende auf ein gemeinsames Programm zur Neuausrichtung von MAN" einigten. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) will sich einschalten: "Wir tun alles, um auf die Unternehmensspitze einzuwirken", sagte er der DPA. Aiwanger forderte die MAN-Spitze insbesondere auf, die Entwicklung von Wasserstoff-Lkw als zukunftsträchtige Technologie zu forcieren. Stoppen könnte die Politik laut Aiwanger die geplanten harten Einschnitte aber nicht: "Wenn die nicht anders können, können wir als Politik das zwar massiv kritisieren, aber am Ende nicht verhindern."

© SZ vom 02.10.2020

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