Mensch-Hund-Teams:"Dem Hund sind Fehler egal"

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Mensch-Hund-Teams: Karl-Michael Brand von den Dachauer Maltesern besucht mit seinem Hund regelmäßig Kindereinrichtungen. Kinder mit Leseschwäche lesen dann seinem Hund vor.

Karl-Michael Brand von den Dachauer Maltesern besucht mit seinem Hund regelmäßig Kindereinrichtungen. Kinder mit Leseschwäche lesen dann seinem Hund vor.

(Foto: Toni Heigl)

Die Dachauer Malteser bieten einen Hunde-Begleitdienst an. Dabei besuchen Ehrenamtliche mit ihren eigenen Vierbeinern Senioren- oder Kindereinrichtungen, um körperlich oder geistig behinderten Menschen eine Freude zu bereiten.

Interview von Eva Waltl, Dachau

Der stellvertretende Dachauer Malteser-Kreisbeauftragte Karl-Michael Brand setzt seinen eigenen Hund selbst regelmäßig als Vorlesehund in Kindereinrichtungen ein. Im Interview erzählt er von der positiven Wirkung der Besuchsstunden und wie die Tiere es schaffen, die Lethargie und Einsamkeit zurückgezogener Menschen zu durchbrechen und jungen, alten, behinderten und kranken Menschen Freude zu bereiten.

Seit sechs Jahren sind die Mensch-Hund-Teams der Dachauer Malteser in verschiedenen Einrichtungen des Landkreises im Einsatz. Wie sieht ein solcher Besuch in der Regel aus?

Die Besuche sind ganz individuell und orientieren sich an den Klienten. In Senioren- und Behinderteneinrichtungen arbeiten wir vor allem mit ruhigeren Hunden, die die Bewohner beispielsweise auf dem Schoß streicheln können. Manche Kinder gehen mit den Hunden spazieren. Ich selbst habe einen lebhaften Hund, der ein geprüfter Begleithund ist. Ihn setzen wir als Vorlesehund bei Kindern mit Leseschwäche ein. Wir sehen großartige Entwicklungen. Wohingegen ein Erwachsener dazu neigt, Fehler zu korrigieren und das Kind zu unterbrechen, hört der Hund geduldig zu. Dem Hund sind die Fehler egal. Er freut sich über die Zuneigung und die Kinder haben mehr Spaß am Lesen. Der Junge, mit dem mein Hund regelmäßig das Vorlesen übt, macht bereits Fortschritte. Im Fokus steht aber stets die Freude an der Begegnung. Als es während einer Lesestunde plötzlich ganz still im Zimmer wurde, habe ich nachgesehen, ob denn alles in Ordnung sei. Die beiden waren verschwunden und ich fand sie im Garten Fußball spielen. Der Junge sagte, der Hund hätte eben mehr Lust auf Fußball spielen gehabt als auf Vorlesen. Zwischen dem Klienten und dem Hund entwickelt sich eine Beziehung.

Der Hund kann oft eine Brücke bauen, wo dies dem Menschen misslingt?

Genau. Wir stellen dies vor allem auch in der Arbeit mit demenzkranken Menschen fest. Im Zusammensein mit den Hunden kommen Fähigkeiten wieder zum Vorschein, die bereits lange Zeit verschwunden waren. Schwer demenzkranke Menschen neigen dazu, sich zurückzuziehen und kaum mehr Nähe zuzulassen. In der Arbeit mit den Hunden aber zeigen sie Emotionen und öffnen sich. Diese positive Erfahrung machen wir ständig.

Welche Rolle spielt der Hundeführer hierbei?

Die Rolle des Hundeführers liegt darin, an genau dieser Stelle anzuknüpfen. Der Hund baut Vertrauen auf und der Hundeführer kann dieses nutzen, um ein Gespräch anzufangen und Zugang zu dem Betroffenen zu finden. Der Hund schafft ein Umfeld, in dem sich der Mensch nicht eingeengt, bedroht oder gar beurteilt fühlt. Hunde nehmen Menschen so an, wie sie sind und daraus lassen sich zwischen Klienten und Hundeführer wunderbare Gespräche schaffen. Außerdem hat der Hundeführe die Aufgabe, das Programm zu organisieren, die Besuchsstunde zu strukturieren und er ist für die Hygiene des Hundes verantwortlich.

Können die Besuchsstunden für den Hund auch zur Belastung werden?

Ja, es kann auch eine Belastung sein, denn der Hund muss am meisten aushalten. Damit dies aber nicht passiert, ist der Hundeführer verantwortlich. Er muss einschätzen, was dem Hund guttut und wann es zu viel ist. Der Hundeführer kennt seinen Hund sehr gut und kann die Kommunikation des Hundes klar verstehen. Aber es gibt auch Grundregeln, damit sich der Hund nicht überfordert fühlt. Beispielsweise dauern die Besuche in der Regel maximal eine Stunde und bei Besuchen von Gruppen gibt es immer einen klar gekennzeichneten Rückzugsort für den Hund, den niemand sonst betreten darf. Es ist wichtig, den Hund nicht zu überfordern.

Wie läuft die Ausbildung zum Besuchs- und Begleithund ab?

Die Ausbildung kann in drei bis vier Monaten absolviert werden. Das richtet sich natürlich immer nach den Vorkenntnissen des Hundes. Unerzogene Hunde fallen bereits beim Eignungstest raus. Das würde zu viel Zeit und Energie kosten. Wir prüfen aber nicht nur den Hund, sondern immer das Team aus Mensch und Hund, das dann auch gemeinsam arbeitet. Kann der Hund die Grundkommandos befolgen und auf Distanz bleiben, hat aber gleichzeitig keinen starken Fluchtreflex und kann der Hund gut mit unerwarteten Situationen umgehen? All diese Eigenschaften sind ausschlaggebend für die Ausbildung. Daneben beinhaltet die Prüfung auch einen tiermedizinischen Teil. Im Zweijahresrhythmus wird dies dann alles wiederholt.

Zwölf neue Mensch-Hund Teams konnten zuletzt mit der Abschlussprüfung ihre Einsatzreife erlangen. Dadurch sind die Malteser in Dachau wieder in der Lage, neue Anfragen für diesen Dienst zu berücksichtigen. Interessierte können sich per Mail an iris.koelbl@malteser.org wenden.

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