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Dachau liest:Hinter die Seiten lauschen

Das Literaturfest "Dachau liest" bietet in privatem Ambiente Krimi, Unterhaltung und Anspruch

Der Rote Faden eines Romans fesselt den gebannten Leser an das Buch, sodass er es manchmal gar nicht mehr weglegen kann. Beim Literaturfestival "Dachau liest" wird der Spannungsbogen der insgesamt sechs Lesungen lieber über die Vielfalt und Gegensätzlichkeit der vorgelesenen Werke gezogen. "Wir wollen nicht zwangsläufig einen thematischen roten Faden vorgeben, das würde schnell künstlich wirken", sagt Steffen Mollnow, Leiter der Stadtbücherei Dachau und seit fünf Jahren Mitorganisator des Literaturfestivals. Bei Dachau liest geht es darum, die Menschen hinter den Büchern kennenzulernen und mit ihnen in einen Dialog zu treten, erzählt Mollnow. Die 500 bis 600 Besucher, die dieses Jahr erwartet werden, sollen schließlich jederzeit Fragen stellen können.

Gaby Hauptmann

Gaby Hauptmann unterhält mit "Plötzlich Millionärin".

(Foto: Dieter Wehrle/Piper)

In der kommenden Woche, vom 3. bis 8. Oktober füllt "Dachau liest" nicht das Ludwig-Thoma-Haus, das wegen Brandschutzmaßnahmen umgebaut wird, sondern ein "sehr viel intimeres und familiäreres" Ambiente in der Stadtbücherei Dachau. Dass bei den Lesungen von Wolfgang Schorlau, Gaby Hauptmann, Gert Heidenreich, Michael Köhlmeier und Franzobel für jeden etwas dabei ist, genau darum geht es. Die Autoren lesen aus ihren aktuell erschienenen Romanen vor und der Sams-Autor Paul Maar präsentiert mit musikalischer Begleitung sein neues Kinderbuch "Schiefe Märchen und schräge Geschichten". Bei der Auswahl der Autoren war das persönliche Interesse der Organisatoren ausschlaggebend. Aber auch Autoren nach Dachau zu holen, die hier noch nicht vorgelesen haben und zusammen ein großes Genrespektrum bieten. Nicht nur sei die Belletristik kein Selbstläufer mehr und der Roman verschwinde immer mehr aus dem Bewusstsein der Leute. Auch auf der literarischen Landkarte sei Dachau noch kein Pilgerort der Dichter, erklärt Mollnow. Durch persönliche Kontakte habe man jedoch immer wieder große Namen für die kleinen Veranstaltungen gewonnen.

Kinderbuchautor und Sams-Erfinder Paul Maar

Paul Maar stellt am 8. Oktober sein neues Kinderbuch vor.

(Foto: Gregor Fische/dpa)

Bis zu 250 Interessierte fanden sich in den letzten Jahren im Ludwig-Thoma-Haus ein und lauschten den Lesungen, die teilweise improvisierten Theaterstücke glichen. In den etwas kleineren Räumlichkeiten der Stadtbücherei können dieses Jahr 80 bis 90 Besucher ihre Lieblingsautoren mit Fragen löchern und hinter Seiten und Druckerschwärze horchen.

Wolfgang Schorlau und Gert Heidenreich lesen jeweils aus ihren Kriminalromanen. Zum Auftakt am Dienstag um 20 Uhr, dreht es sich in Schorlaus "Der große Plan" um die Suche eines Privatermittlers nach einer Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes in Berlin. Als Ermittler Dengler erfährt, dass die Entführte an den Verhandlungen zur Griechenlandrettung beteiligt war, fallen ihm Unstimmigkeiten auf und er gerät schnell selbst ins Visier. Heidenreich hingegen lässt seinen Romanhelden, den Psychotherapeuten Hans Sahlfeldt, an seinem gesunden Verstand zweifeln und vermuten dieser habe ein Verbrechen begangen, an das er sich nicht mehr erinnern kann. Am 4. Oktober liest Heidenreich, der schon vor zwei Jahren bei Dachau liest zu Gast war, aus "Schweigekind" vor und schaut hinter die Fassaden der kleinstädtischen Idylle. Gaby Hauptmann unterhält mit "Plötzlich Millionärin - nichts wie weg!" und lässt im Titel schon die Reise ihrer Heldin anklingen, die kurz entschlossen ihr altes Leben zurücklässt. Auch bei Michael Köhlmeier bestimmt das Zurücklassen der eigenen Familie den Handlungsverlauf. In "Bruder und Schwester Lenobel" formen die verschlungenen Lebensläufe der Geschwister Jetti und Robert sowie ihrer Familien, das Portrait einer Epoche. Den Abschluss des Erwachsenenprogramms bildet der österreichische Autor Franzobel mit "Das Floß der Medusa". Ein epochaler Roman über 15 überlebende Schiffbrüchige, deren Geschichte den Kern des Menschlichen für den Leser hervorbringt.

Bayerischer Buchpreis 2017

Der preisgekrönte Franzobel liest aus "Das Floß der Medusa".

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Nach der Methode von Dachau liest, werden die Zuhörer den Roman aktiv erleben. Die Organisatoren möchten weg von dem Modell der Lesungen, in denen es eine regelrechte Barriere zwischen Autorenpodium und Zuschauerraum gibt. "Solche Lesungen setzen sich immer weniger durch. Deswegen wollen wir mit unserem Programm auch gar nicht so hochgreifen, sondern als Stadtbücherei die Grundlagen vermitteln und einfach wieder die Lust am Lesen wecken", sagt Mollnow.

Über ein Rahmenprogramm, das außer den Autorengesprächen im Anschluss an die Lesung auch eine Schreibwerkstatt enthalten könnte, habe man sich dieses Jahr noch nicht geeinigt. Der Wille ist da, auch Schulen einzubinden und Leuten, die nicht nur lauschend Platz nehmen, sondern sich aktiv beim Schreiben ausprobieren möchten, einen Raum zu geben. Es sei jedoch immer schwieriger Kooperationen zu finden, sagt Mollnow. Vor allem die Schulen seien schon in vielen anderen Projekten aktiv.

Früher gab es auch viele Lesungen, die von Musik begleitet wurden. Auch dieses Jahr sollen sie wieder stattfinden, im November beispielsweise. Bei Dachau liest steht allein die Literatur im Mittelpunkt. Abschweifen ist natürlich erwünscht, aber nicht zu untermalenden Klängen, sondern tief eintauchend in die rauen Buchseiten. Karten hierfür sind noch für zehn Euro bei der Stadtbücherei Dachau, in der Touristeninformation oder an allen Vorverkaufsstellen von München Ticket erhältlich. Der Eintritt zu den Kinderveranstaltungen ist frei.