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"Dachau liest":Erbarmungslos gut

Großer Auftritt: Alice Schwarzer, Monika Baumgartner und Michael Lerchenberg bei "Dachau liest". Auf faszinierende, auch mal verstörende literarische Entdeckungsfahrten nehmen Volker Hage, Helmut Krausser und Heinrich Steinfest den Besucher mit

Von Helmut Zeller

Dafür kann der Münchner Komiker Karl Valentin nun wirklich nichts, dass die Münchner Narrhalla einen Orden nach ihm benannt und ihn 2019 an Alexander Gabalier verliehen hat. Und schon gleich gar nichts kann der "rote Teifi aus der Au" dafür, dass in dem Streit über die Preisverleihung an den österreichischen Schlagersänger, dessen Sprachwitz noch nicht so richtig entdeckt worden ist, auch noch Landsmann Heinz-Christian Strache irgendwas von der Freiheit der Kunst oder Kunst der Freiheit getutet hat. "Kunst kommt von 'können', nicht von 'wollen', sonst müsste es ja 'Wunst' heißen", hätte der Münchner Komiker vielleicht geraunzt - weil der Strache doch so viel gewollt hat, die Kronenzeitung, die ganze Republik und obendrein eine Oligarchin. Gewollt hat er schon, aber gekonnt hat er's nicht. Aber das ist alles bekannt und hat mit dem Münchner "Wortzerklauberer", wie ihn zeitgenössische Kritiker lobten, nur insofern zu tun, als der Komiker in seinem Leben in noch braunere Abgründe hinabgestiegen ist.

Der Regisseur, Schauspieler und Autor Michael Lerchenberg, ein gebürtiger Dachauer, lotet die Abgründe im Leben und Werk Valentins in der Reihe "Dachau liest" aus. Lerchenberg liest und rezitiert, er erzählt und spielt und schlägt die große Trommel. Mit ihm agiert und streicht am Cello, was puren Genuss verspricht, Jost-H. Hecker. Karl Valentins (1882- 1948) Sketche, Stücke und Filme sind Klassiker: Der "Firmling", die "Orchesterprobe" zum Beispiel. Den "Buchbinder Wanninger" kennen im süddeutschen Sprachraum auch noch jüngere Semester, aber wirklich Verwendung findet das geflügelte Wort in Zeiten von Whatsapp und Social Media nicht mehr. Aktuell hingegen ist Valentins tragisch-komische Darstellung des alltäglichen Kampfes mit Behörden und Mitmenschen geblieben.

"Und wie sich die Tücken und Katastrophen des Alltags in seinem künstlerischen Schaffen berghoch türmten, taten sie das auch in seinem Privatleben", heißt es im Ankündigungstext. Das läuft schon aufs Abgründige zu: Aus seiner Akte der Reichskulturkammer zwischen 1933 und 1945 (heute im Berliner Bundesarchiv) geht hervor, dass Karl Valentin ein zwiespältiges Verhältnis zu den Nazis hatte. Einerseits soll er auf Abstand gegangen sein, andererseits versuchte er, Behörden und Nazibonzen für seine Zwecke einzuspannen. Den Filmemacher Walter Jerven, es ging um Geld, denunzierte er 1934 bei einem Beamten, der Regisseur musste seine "arische Abstammung" nachweisen. Valentin schrieb auch für die Nazipostille Münchener Feldpost - weil er Geld brauchte. Lerchenbergs Programm heißt mit vollständigem Titel: "Karl Valentin - Abgründe eines Komikers. Eine Hommage an Liesl Karlstadt".

Abgründe, unerwartete Wendungen, Auf- und Ausbrüche - das kennzeichnet alle diesmal präsentierten Werke. Alice Schwarzer beginnt den Lese-Reigen mit ihrem Buch "Lebenswerk", in dem sie zurückblickt, Bilanz zieht und einen Ausblick gibt - auf den fortgesetzten Kampf um eine "Vermenschlichung der Geschlechter", ihr Lebensthema. Alice Schwarzer verkörperte in den Siebziger und Achtziger Jahren geradezu den Aufbruch der Frauen, sie ist die Ikone der Frauenbewegung, die das ganze Land geprägt hat. Die Feministin und Journalistin, die 1977 die Zeitschrift Emma gründete, kämpfte und kämpft gegen Gewalt an Frauen und Kindern, gegen die Männerjustiz, das Abtreibungsverbot, Sexismus, Pornografie und Prostitution und für die Aufhebung der Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern. Aus der Rebellin ist längst eine anerkannte Stimme in den gesellschaftlichen Diskursen geworden - nicht immer zum Vorteil der deutschen Frauenbewegung, wie Kritiker meinen. In den vergangenen Jahren brachte ihre rigorose Position zum Islam Alice Schwarzer den Vorwurf des Rassismus ein.

Lerchenberg und Schwarzer, diese Namen schmücken die Lesereihe und ziehen das breite Interesse des Publikums an. Aber "Dachau liest" greift viel weiter: Die Reihe, die in diesem Jahr zum siebten Mal veranstaltet wird, nimmt die Zuhörer auf literarische Entdeckungsfahrten mit, die denen ähnlicher Veranstaltungen in Großstädten ebenbürtig sind. Dafür stehen der Dachauer Kulturamtsleiter Tobias Schneider, der Schriftsteller, Literaturkritiker und Kulturmanager Thomas Kraft und der ehemalige Bibliotheksleiter Steffen Mollnow, der mit 43 Jahren im August dieses Jahres gestorben ist. Steffen Mollnow hat "Dachau liest" von Anfang an geprägt, die Reihe war für den Mann der großen Ideen eine Herzensangelegenheit.

Auch das diesjährige Programm hat er noch zusammengestellt. Er und Thomas Kraft haben mit der Einladung von Volker Hage einen richtigen Treffer gelandet. Der Schriftsteller und Literaturkritiker liest aus seinen "Schriftstellerportäts". Es dürfte einer der beeindruckendsten Abende werden - seine spannend erzählte Begegnungen mit Büchern und Autoren von Marcel Proust bis Christoph Ransmayr erwecken im besten Fall ein leidenschaftliches Interesse an Literatur. Das liegt daran, dass Volker Hage ein begnadeter Erzähler ist, aber auch daran, dass er wie jeder große Literaturkritiker in seinen Analysen und Besprechungen von literarischen Werken vom Leben erzählt. Volker Hage führt den Leser in das Herz des schriftstellerischen Schaffens, und seine vielen Begegnungen mit Schriftstellern, die er als Redakteur der Frankfurter Allgemeinen, der Zeit oder dem Spiegel machte, brachten eine reiche Beute an staunenswerten und überraschenden Beobachtungen .

Helmut Krausser liest aus seinem Roman "Für die Ewigkeit", der in Buenos Aires im Jahr 1902 spielt. Der aus Deutschland geflohene Student Jörg Jäger verdingt sich als Klavierlehrer der schönen Fabrikantentochter Francisca "Cis" Alameda, verfällt ihr und fordert sein Schicksal heraus. Die beiden fliehen quer durch Südamerika, verfolgt von den Häschern des Vaters und einem besonderen Detektiv, dem perfiden Fredo Torres, der die junge Cousine für sich selbst haben will. So weit die Beschreibung - doch Helmut Krausser breitet Satz für Satz die ganze südamerikanische Welt des 20. Jahrhunderts aus, er breitet sie nicht nur aus, sondern erweckt sie, detailverliebt wie er ist, zum Leben, in dem sich der Leser hin- und hergerissen und am Ende mit einer spektakulären Wendung konfrontiert. In der Sprache Kraussers gehen Leidenschaft und Künstlertum eine schicksalhafte Verbindung ein. Wäre möglich, dass sich der Besucher nach der Lesung im Adolf-Hölzl-Haus auf die Straßen der Stadt für einen Augenblick nicht mehr zurechtfindet.

Während Krausser eine Welt aufbaut, zerbricht sie der österreichische Schriftsteller Heinrich Steinfest. Erbarmungslos gut, kann man seinen Roman "Der Chauffeur" nennen, auch unbequem und ärgerlich, weil der Steinfest festgefahrene Seh- und Denkgewohnheiten zertrümmert - vor allem jene, denen wir uns alle gerne ergeben, dass irgendetwas auf der Welt von Dauer wäre, der Mensch trotz Klimawandel und anderen Zerstörungen, auch des einst liberal und freiheitlich gedachten Europas, schon noch irgendwie alles unter Kontrolle hätte. Die Welt des Chauffeurs Paul Klee ist übersichtlich und präzise angeordnet, es läuft wie ein Uhrwerk. Das ist eben der grundlegende Irrtum, wie der Autor beschreibt. Nach einem schweren Autounfall und einer nicht minder schweren Fehlentscheidung, der Chauffeur rettet den Chef statt ein Mädchen, beschließt er, ein kleines Hotel zu führen. "Und das Glück will es, dass er sich in die Maklerin Inoue verliebt. Also planen sie das Haus gemeinsam, von den Zimmern bis zur Bar, von den Sesseln bis zum Frühstück. Aber Klees ideale Welt zerbricht ein zweites Mal - und er entschließt sich zu einem für ihn sehr überraschenden Schritt..."

Literatur-Highlight aus Klagenfurt

Dachaus Städtepartnerschaft mit der Klagenfurt besteht seit 1974. Fast genauso lange, nämlich seit 1977, wird der von der Stadt Klagenfurt gestiftete Ingeborg-Bachmann-Preis im jährlichen Rhythmus verliehen. Der Preis ist eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Vor diesem Hintergrund haben SPD und Bündnis für Dachau in einem gemeinsamen Antrag vorgeschlagen, einen oder mehrere der Preisträger zu einer Lesung auf der Veranstaltungsreihe "Dachau liest" einzuladen. Dies könne, je nach Termindichte der Autoren auf die Preisvergabe des folgenden Herbsts oder im darauf folgenden Jahr geschen.

Die Lesung soll durch eine kurze Einführung über die jeweilige Entscheidungsfindung der Jury begleitet werden. Darüber hinaus solle die Stadtverwaltung auch prüfen, ob und inwieweit das Angebot einer jährlichen Reise des "Kulturbusses" zu der mehrtägigen Leseveranstaltung in Klagenfurt ermöglicht werden könne, in deren Rahmen die Jury ihre Entscheidung trifft. So soll das Dachauer Publikum die Gelegenheit bekommen, die Gewinner des Wettbewerbs bei "Dachau liest" "hautnah zu erleben", wie es in dem Antrag heißt. Dachau und Klagenfurt würden dadurch ein Stück weiter zusammenwachsen. Gleichzeitig erhielte das Festival "Dachau liest" noch ein weiteres Highlight. SZ

Gute Kinder- und Jugendbücher sind enorm wichtig, weil sie die Fantasie fördern und das Interesse am Lesen wecken können, doch sind sie leider rar. Die Veranstalter von "Dachau liest" sprechen bewusst wieder diese Zielgruppe an und haben die Autorin Sylvia Englert gewonnen, die ihr neues Buch vorstellt: "Frag doch mal... die Maus - Vulkane und Erdbeben" . Dabei lässt Sylvia Englert Kinder von sechs Jahren an spannenden Experimente teilnehmen, sie erzählt von ihren aufregenden Reisen zu aktiven und schlafenden Vulkanen der Welt. Auch erwachsene Begleiter können dabei noch etwas lernen.

Sie war schon ein paar Mal in Dachau, zu Weihnachtslesungen, jetzt liest Monika Baumgartner aus ihrem gerade erschienenen Buch "Alles eine Frage der Einstellung". Vielen Fernsehzuschauern ist sie als Lisbeth Gruber aus der ZDF-Fernsehserie "Der Bergdoktor" bekannt. Doch darin erschöpft sich das Repertoire der beliebten Schauspielerin noch lange nicht. Monika Baumgartner rückt in ihrem berührenden Buch den Figuren, die sie auf der Bühne oder im Film dargestellt hat, auf den Leib, besagte Gruberin zum Beispiel. Und darüber erzählt sie ihr Leben, und was für eins. Sie schreibt über ihre Kindheit zu fünft auf 42 Quadratmetern Wohnfläche, von den wilden Sechziger Jahren in München, von großen und kleinen Lieben, ihrem für damalige Verhältnisse unkonventionellen Entschluss, Schauspielerin zu werden und von ihren Rollen, der Rumpelhanni etwa, der Polly in der "Dreigroschenoper", von in Inszenierungen des Thalia Theaters, der Münchner Kammerspiele - die Liste ist endlos. Für das wirkliche, nicht kommerzialisierte Volksschauspiel, hat Monika Baumgartner viel geleistet. Ob sie bei ihrer Lesung aus ihrer Autobiografie Geheimnisse enthüllt, vielleicht, was der Leser schon immer wissen wollte über die faszinierende Welt des Schauspiels und der Schauspieler? Zu einer Antwort verhilft nur: runter vom Sofa, hingehen.

Informationen zu Terminen und Kartenvorbestellung auf open.dachau.de/Dachau-liest.

© SZ vom 26.09.2020

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