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Tassilo-Kulturpreis-Nominierung:Lebendiges Geschichtsbuch

Stadtführung

Bringt den Besuchern die Geschichte ihrer Heimatstadt in einem historischen Kostüm näher: Brigitte Fiedler, Gästeführerin.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Brigitte Fiedler und ihr Gästeführerverein tragen dazu bei, dass Dachau tatsächlich zum Lernort wird.

Von Daniela Gorgs, Dachau

Haben Sie gewusst, dass Königin Therese ihren Geburtstag im Dachauer Hofgarten gefeiert hat? Dort, wo derzeit die Streuobstwiese so herrlich blüht? Nein, das ist neu für die Besucher. Wenn sie nun Brigitte Fiedlers Erzählungen hören, können sie sich sehr gut vorstellen, wie die Gattin von König Ludwig I. an der Familientafel saß und den Blick vom höchsten Punkt des Altstadtbergs genossen hat. Freie Sicht über die Münchner Schotterebene bis zu den Alpen. Seinerzeit natürlich ohne Hochhaus und Olympiaturm.

Gästeführerin Brigitte Fiedler sitzt im Schlossgarten auf einer Bank, blinzelt in die Sonne und grüßt Spaziergänger, die eine Runde durch Lindenallee und Obstgarten drehen und die Blumenpracht bewundern. Brigitte Fiedler begleitet Besucher auch durch die KZ-Gedenkstätte oder den Kräutergarten. Der Name klingt so harmlos, weil dort in der NS-Zeit Heilpflanzen angebaut wurden. Für die KZ-Häftlinge aber brachte er Leiden und Tod.

"Pretty old town"

Sehr gern zeigt Brigitte Fiedler Besuchern "ihre" Altstadt und ist stolz, wenn diese dann "ganz baff" sind von der "pretty old town", wie neulich die junge Journalistengruppe aus North Carolina. Die Dachauer Gästeführerin schlüpft auch schon mal in ein Kostüm, um beispielsweise als "Wally", der Frau des Schmieds, bei einem kurzweiligen Themenspaziergang von der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zu erzählen. Brigitte Fiedler unterhält ihre Gäste und wird nicht müde, interessante Details zu suchen und weiterzuerzählen. Touren durch die Altstadt und das Schloss Dachau sind für sie eine willkommene und notwendige Alternative zu den Führungen durch die KZ-Gedenkstätte. Auch dort vermittelt sie nicht nur nüchterne Fakten, sondern personalisiert das Grauen. Man könnte auch sagen, Brigitte Fiedler ist ein lebendig gewordenes Geschichtsbuch. Immer macht sie die Geschehnisse anhand von Schicksalen begreifbar und fühlt auf ihre ganz persönliche Art mit, wenn sie einer Schulklasse oder Touristengruppe das Leid eines Häftlings vermittelt.

Brigitte Fiedler, 59, ist seit drei Jahren Vorsitzende des Vereins Dachauer Gästeführer, der 2003 gegründet wurde. Damals war der Erfolg des Zusammenschlusses noch nicht absehbar. Die 22 aktiven Gästeführerinnen und einige wenige Männer bieten längst mehr als Standardführungen durch Stadt und Schloss. 65 Themenspaziergänge, Kostüm- und Nachtführungen, Kinderrallyes und informative Radtouren durch Stadt und Landkreis konzipierten die Dachauer Gästeführer in den vergangenen 13 Jahren und zeigen den Besuchern nicht nur die Schönheiten, sondern auch die ganze Geschichte der Kreisstadt. "Wir wollen die Zeitgeschichte nicht vergessen. Uns liegt an einem ausgewogenen Bild der Stadt", sagt Brigitte Fiedler.

Repräsentantin des Lernorts Dachau

Lange bevor sie sich zur Gästeführerin ausbilden ließ, engagierte sie sich bereits in der Dachauer KZ-Gedenkstätte und berichtete dort über die Gräueltaten der Nazis. Immer wieder wird sie von Besuchern gefragt, wie viel die Dachauer Bürger von Zwangsarbeit, Folter und Mord im damaligen Konzentrationslager gewusst haben. Vor 25 Jahren noch hätte man von offizieller Seite die tiefdunkle Geschichte am liebsten unter den Teppich gekehrt. Brigitte Fiedler ist froh über den Sinneswandel und bekommt jetzt öfter Anfragen von alteingesessenen Dachauern, die um eine Führung durch die KZ-Gedenkstätte bitten. "Man muss das offensiv angehen", sagt sie. Insofern ist sie eine Repräsentantin des Lernorts Dachau, die nur eine Geschichte kennt und nicht die des einen oder anderen Dachaus. Und die das Spannungsfeld zum Thema erhebt.

Brigitte Fiedler ist in Dachau geboren. In der Altstadt. Der Weg durch die Klosterstraße hoch zum Schloss führt direkt an ihrem Elternhaus vorbei. Sie entstammt der Schmiede-Familie Hardwig. 200 Jahre war die Werkstatt im Familienbesitz. Bis ihr Bruder die Räume in der Altstadt im Jahr 1999 aufgab und die Schmiede in die Münchner Straße verlegte. Brigitte Fiedler ging als Kind in die Klosterschule, hörte das Scheppern der ehemaligen Flaschenabfüllerei unterhalb des Schlosses, sah die Pferdekutschen vorbeifahren, die die Bierfässer abholten, und zapfte im Feinkostgeschäft Glück frische Milch.

Strukturwandel der Handwerks- und Produktionsbetriebe

Sie erlebte den Strukturwandel der Handwerks- und Produktionsbetriebe hautnah mit und kann so authentisch berichten, wie sich das Gesicht der Dachauer Altstadt in den vergangenen fünfzig Jahren veränderte und die Augsburger Straße zur "Flaniermeile" wurde. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum Brigitte Fiedler immer diesen liebevoll kritischen Blick auf ihre Heimatstadt hat und sie deren Geschichte so vermitteln kann, als sei man dabei gewesen. Jede Tour wird von ihr akribisch vorbereitet und auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten. Brigitte Fiedler ist der Prototyp einer Gästeführerin, die man alles fragen kann, wenn es um Historisches in Dachau geht. Und der es gelingt, die Stadt in all ihren Facetten unaufgeregt zu beschreiben.

Gerne würde sie noch eine weitere Führung planen. Eine Tour etwa durch ein Arbeiter- und Industriemuseum in der ehemaligen MD-Papierfabrik, von dem Bezirk, Landkreis und Stadt derzeit träumen. Ein Museum zur Industriegeschichte - "das würde Dachau sehr gut stehen". Den Platz in dem denkmalgeschützten Gebäude der alten Fabrik fände Brigitte Fiedler geradezu ideal.

© SZ vom 02.06.2016/gsl

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