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KZ-Gedenkstätte Dachau:Wegen Coronavirus: Gedenkfeiern stehen auf der Kippe

Befreiungsfeier

Die Vorbereitungen für den Jahrestag der Befreiung laufen - doch die Ausbreitung des Coronavirus stellt die geplanten Feierlichkeiten in Frage.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nach der Ankündigung der Staatsregierung, wegen des Coronavirus Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen bis zum 10. April abzusagen, ist auch der Festakt zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau Anfang Mai gefährdet.

Von Julia Putzger, Dachau

Die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Dachau stehen mehr denn je auf der Kippe. Grund dafür ist das Coronavirus, dessen Ausbreitung auch im Landkreis bereits für die Absage von Großveranstaltungen jeglicher Art sorgte. Da sich der schwarz-orange Koalitionsausschuss am Montag in München dazu entschieden hat, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen zunächst bis Karfreitag, 10. April, zu untersagen, könnte auch die für den 3. Mai geplante Gedenkfeier mit 90 Zeitzeugen an der KZ-Gedenkstätte vorsorglich abgesagt werden. Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, tendiert bereits zu einer solchen Absage.

Nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montagnachmittag dazu geraten hatte, alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern vorerst abzusagen, um eine weitere Ausbreitung des Virus möglichst zu unterbinden, reagierte am Abend die bayerische Staatsregierung und kündigte ein einmonatiges flächendeckendes Verbot an. Zur Befreiungsfeier Anfang Mai werden 1500 bis 1800 Menschen erwartet - rund 90 davon sind Überlebende und Befreier des KZ am 29. April 1945, also hochbetagte Menschen, die zur meistgefährdeten Risikogruppe zählen. "Unter keinen Umständen wollen wir die Gesundheit unserer Gäste riskieren", sagt Stiftungsdirektor Freller. Auch Andrea Heller, Geschäftsführerin des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau, hat, wie sie sagt, mit Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann entschieden, dass die erste Sorge der Gesundheit der Überlebenden gelte. Noch aber "hänge man in der Luft", denn über eine mögliche Absage der Veranstaltung wird aktuell noch beraten, so Heller. Involviert sind neben der Gedenkstätte das Kultusministerium, der Stiftungsrat der Gedenkstättenstiftung und das Gesundheitsamt. Die Vorbereitungen seien schon ziemlich weit, doch "die aktuelle Situation stellt vieles oder gar alles in Frage", fasst Stiftungsdirektor und Landtagsvizepräsident Freller die Situation zusammen. "Die Tendenz geht eher Richtung Absage", eine Entscheidung möchte er aber erst auf einem "festen Fundament" treffen, wie er sagt. Er wolle sich mit allen Beteiligten genau absprechen. Denn sollten die Feierlichkeiten tatsächlich abgesagt werden, benötige er rechtliche Sicherheit für nötige Stornierungen.

"Das ist alles sehr komplizuert"

"Das ist alles sehr kompliziert." Andrea Heller ist ebenfalls der Meinung: Eine Entscheidung muss sobald als möglich fallen, da sonst umsonst gearbeitet wird und unnötig Gelder fließen. Sowohl Freller als auch Heller denken bereits über Alternativen zum bisher geplanten Ablauf der Gedenkfeiern nach. So sieht Heller die Möglichkeit verkleinerter Gedenkfeiern, die dann wohl vor allem ohne die hochbetagten Gäste stattfinden würden. "Für sie stellt allein schon die Reise ein Risiko dar", sagt Heller.

Sie warnt, dass im Fall einer tatsächlichen Infektion - besonders bei Gästen aus dem Ausland - möglicherweise später in deren Heimatland nicht dieselbe ärztliche Versorgung gewährleistet werden könne. "Das Risiko für diese Gruppe ist zu hoch", betont Heller. Eine kleinere Version der Feiern kann sie sich angesichts des derzeitigen Stands vorstellen. Freller schlägt für den Fall einer Absage vor, beispielsweise die Reden aus kleinerem Kreis medial zu übertragen. Laut bisherigem Veranstaltungsplan war eine Übertragung der Gedenkfeiern ins Festzelt, das am ehemaligen Appellplatz für alle geladenen Gäste aufgebaut werden soll, sowie auf eine Leinwand außerhalb, ohnehin geplant. Sollte eine solche Übertragung bei einer kleineren Feier nicht möglich sein, müsste man "notfalls im 76. Jahr nach der Befreiung eine Feier in nötiger Größe abhalten", sagt Freller. Eine Verschiebung noch in diesem Jahr hält er hingegen für unwahrscheinlich, da die Entwicklung der Ausbreitung des Coronavirus überhaupt nicht absehbar seien.

In der KZ-Gedenkstätte Dachau sind die Auswirkungen des Coronavirus bereits zu spüren

Unabhängig davon, ob die Gedenkfeiern Anfang Mai stattfinden oder nicht: Bereits jetzt sind in der Gedenkstätte in Dachau die Auswirkungen des Coronavirus zu spüren: Derzeit erreichte sie täglich mindestens eine Absage, erzählt Andrea Heller. Besonders häufig handle es sich dabei um Gruppen aus Italien, auch Busunternehmen hätten teilweise den Betrieb eingestellt und darum Besuche abgesagt. "Momentan ist es wesentlich leerer, als für März üblich", so Heller, die selbst Besuchergruppen über das Gelände führt. Denn besonders im März sei die Gedenkstätte sonst sehr gut besucht.

Freller geht davon aus, dass diese Woche noch über eine Absage entschieden wird. Trotzdem seien die Entwicklungen in der verbleibenden Zeit schwer abzusehen. "Eine Absage würde uns sehr weh tun", sagt Freller - und die "Singularität des Ereignisses", also der 75. Jahrestag, mache die Entscheidung keinesfalls leichter.

© SZ vom 10.03.2020

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