bedeckt München

Dachau:KZ-Gedenkstätte bekommt Ersatz für gestohlene Tür

Begleitet von großem Medieninteresse montiert Michael Poitner die Tür.

(Foto: Niels P. Joergensen)

"Arbeit macht frei": Die Tür mit der zynischen Nazi-Parole wurde im November in Dachau gestohlen - mit ihr ein Teil des Gedenkens an die NS-Verbrechen. Pünktlich zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers wird die Lücke wieder geschlossen.

Von Viktoria Großmann, Dachau

Der technische Ausdruck lautet Schlupftüre. Nun ist sie wieder da: Wenn schon nicht das Original, so doch eine sehr gute Nachbildung von Deutschlands zumindest in den vergangenen Monaten bekanntester Eisentür. Jener mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei", hinter der im ehemaligen Konzentrationslager Dachau mehr als 200 000 Menschen alles andere als die Freiheit erwartete.

Zwischen 1933 und 1945 schufteten Menschen dort, bis sie vor Erschöpfung, an Auszehrung, Krankheit, Hunger starben oder auf andere Weise ermordet wurden. Der Schriftzug wurde zum Symbol ihrer Leiden. In der Nacht vom 2. November 2014 wurde die Tür gestohlen - und mit ihr ein Teil des Gedenkens an die NS-Verbrechen.

Die Diebe sollen aber nicht recht behalten, sagt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), als am Mittwochnachmittag die Replik der Tür in das klaffende Loch eingefügt wird. Spaenle ist Vorsitzender des Stiftungsrats Bayerischer Gedenkstätten und dieser hatte im Januar beschlossen, eine Kopie in Auftrag zu geben, um "dem Anschlag die Stirn zu bieten". Die Wahl fiel auf Kunstschmied Michael Poitner aus Biberbach. "Wer hierher kommt, will der Opfer gedenken", sagt Poitner in der Gedenkstätte. "Der Schock, den der Besucher erlebt, trägt wesentlich dazu bei, nicht zu vergessen, was hier passiert ist." Die Tür und ihre Aufschrift zu sehen, verstärke den Schock.

Der 36-Jährige, der in dem Röhrmooser Ortsteil einen Familienbetrieb in der dritten Generation leitet, hat mit seinem Gesellen 65 Stunden an der Kopie gearbeitet. Unzählige Fotos und Zeichnungen haben sie gesichtet und sich der originalen Herstellungsverfahren bedient, um dem historischen Stück gerecht zu werden.

Glänzend schwarz von frischer, neuer Farbe hebt sich das Schmiedewerk vom Tor ab. An diesem blättert an einigen Stellen die Farbe ab. Nicht nur Schwarz, auch verschiedene Grüntöne und Grau kommen darunter zum Vorschein. Poitner und die Historiker halten es für am wahrscheinlichsten, dass die Tür zur Zeit des Bestehens des Lagers schwarz gestrichen war. So genau könne man das allerdings nicht wissen, sagt Poitner.

Eine schlichte Glastafel neben der Tür weist darauf hin, dass es sich um eine Kopie handelt. Der Diebstahl wird dort als "schwerster Angriff auf den historischen Gebäudebestand in der Geschichte der Gedenkstätte" beschrieben. Die Tür war im Jahr 1936 von Häftlingen des Lager angefertigt worden, heißt es auf der Tafel. Sie mussten auch den Schriftzug "Arbeit macht frei" schmieden. In der Sprache der NS-Propaganda wurden die KZ als "Arbeits- und Umerziehungslager" verharmlost. Der originale Schriftzug verschwand jedoch nach dem Krieg, er wurde 1972 rekonstruiert. Die gestohlene Tür selbst war vermutlich das Original.

Mehr als 100 Kilo wog sie und so viel wiegt nun auch die Kopie. Allein das Gewicht ist laut Stiftungsdirektor Karl Freller ein Hinweis darauf, dass die Tür "organisiert entwendet" wurde. Stiftung, Gedenkstätte und Polizei vermuten ein politisches Motiv. Trotz verschiedener Spuren, denen die Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck nachgeht, gibt es wenig Hoffnung, das Original wieder aufzufinden.

Kunstschmied Michael Poitner braucht noch zwei Messingringe und ein Schweißgerät, um die Tür fest zu verankern. Er hat eine Sicherung eingebaut, so dass die Tür nicht ohne weiteres ausgehängt werden kann. Vor den Augen von Kultusminister, Stiftungsdirektor, Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann und dem SPD-Landtagsabgeordneten Martin Güll wird die Tür von Poitner und zwei seiner Kollegen in den Rahmen des Tores im Jourhaus genietet.

Poitner holt ein Töpfchen schwarzer Farbe und streicht noch etwas nach. Dann sieht es wieder so aus, wie es am 29. April vor 70 Jahren in etwa ausgesehen haben muss, als die Amerikaner das Lager erreichten: Mauer, Wachtürme, blühende Sträucher, ein strahlender Apriltag - und ein schwarzes Tor hinter dem sich unfassbares Grauen verbarg.

© SZ vom 30.04.2015/odg
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema