An einem sonnigen Aprilnachmittag sucht Sikko Neupert auf dem Besucherparkplatz der KZ-Gedenkstätte Dachau die Stelle, wo er die Coca-Cola-Flasche aus der Erde zog. Zwischen zwei Reisebussen mit italienischen Kennzeichen stoppt der 50-Jährige: Hier muss es gewesen sein. Unter den Blicken der Busfahrer zeichnet der Archäologe mit den Armen einen Kreis in die Luft, um den Durchmesser des Lochs zu verdeutlichen, auf das er vor ein paar Jahren gestoßen war. Wo heute Asphalt die Oberfläche überzieht, grub er einen Meter tief, fand eine historische Mülldeponie, fand darin Militaria, darunter Ausrüstung zum Schutz gegen Senfgas. Dann sah er die Coca-Cola-Flasche, aus Glas, hergestellt in New York – ein Zeichen, dass die Grube unmittelbar nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die US-Armee entstanden sein musste. Die SS trank ja keine Cola.
Als er die Flasche aus der Grube holte, ging gerade eine Gruppe US-amerikanischer Rentner am Bauzaun vorbei. Es hätten die Kinder oder Enkel der damaligen Befreier sein können. Neupert zeigte ihnen die Flasche, rief: „Look here.“ Für ihn verdichteten sich in diesem Moment Vergangenheit und Gegenwart. „Das war ein unglaubliches Gefühl.“
Die Archäologie kann die Zeitzeugen nicht ersetzen, aber sie kann ihren Verlust ausgleichen
Sikko Neupert bringt Vergessenes ans Licht, im buchstäblichen Sinn. Als Archäologe ist er spezialisiert auf den „zeitgeschichtlichen Horizont“, wie er es nennt. Nur dass bei ihm die Horizonte im Boden und nicht am Himmel liegen. Er sucht bei Ausgrabungen an historischen Orten aus der Zeit des Nationalsozialismus nach Gegenständen, die Rückschlüsse auf das Leben damals geben: Schuhe, Geschirr oder Kleidung von KZ-Häftlingen, Rückstände einstiger Bauten, Konserven oder militärische Ausrüstung. Was er findet, sind keine Schrift- oder Bildquellen. Und trotzdem erzählen ihm die Dinge meistens eine Geschichte. „Wir graben aus, was wirklich war“, sagt er.
Vor genau 81 Jahren, am 29. April 1945, befreiten Einheiten der US-Armee das Konzentrationslager Dachau. Sie beendeten damit das Grauen, das mehr als 200 000 Häftlinge von 1933 bis 1945 in Dachau und seinen Außenlagern erleiden mussten. Mehr als 41 500 Menschen überlebten nicht. Sie wurden ermordet oder starben an den Folgen der unmenschlichen Zustände im Lager. Heute gibt es nur noch ganz wenige Überlebende dieser Verbrechen. Das Verschwinden der Zeitzeugen bedingt einen fundamentalen Wandel der Gedenkkultur in Deutschland. Jahrzehntelang waren die ehemaligen Häftlinge, die ihre Geschichten unter der Last ihrer Traumata immer und immer wieder erzählten, die stärksten Kräfte gegen das Vergessen. Ihren Verlust müssen jetzt andere ausgleichen.


Einer dieser Akteure der Erinnerung ist die Archäologie. Nicht nur in Dachau, sondern an vielen einstigen Tatorten in Deutschland hat der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus Spuren im Boden hinterlassen. Fundamente einstiger KZ-Bauten, persönliche Gegenstände von Häftlingen oder auch Waffen – letztlich Beweise oder zumindest Belege der Verbrechen, über die mit der Zeit Gras gewachsen ist. Nach wie vor liegen sie oftmals nur wenige Meter tief verscharrt in der Erde. Archäologen wie Sikko Neupert wirken dem Vergessen entgegen, indem sie freilegen, was in Deutschland und den von Deutschen besetzten Gebieten geschah.
Sikko Neupert geht über den ehemaligen Appellplatz in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der Kies unter seinen Schuhen knirscht. Auf dieser Fläche ließ die SS die Häftlinge oft stundenlang strammstehen. Das ständige Zählen der Gefangenen bei jeder Witterung war eine von vielen Foltermethoden im Lager. Neupert, Schiebermütze, Drei-Tage-Bart, blickt hinüber zu den beiden Baracken, die sich am Anfang einer Allee aus Pappeln befinden. Es sind Rekonstruktionen, von den originalen Baracken steht heute keine mehr. Neupert glaubt, dass sich echte Überbleibsel aus der Zeit des Lagers hier relativ schnell finden ließen. „Wenn ein Häftling auf dem Appellplatz mal etwas hat fallen lassen und verscharrt hat, könnte es hier immer noch im Boden liegen“, sagt er.
Für ihn wäre es spannend, hier überall zu graben. Doch so einfach ist das nicht. Neupert ist einer von drei Inhabern einer Grabungsfirma aus München. Er und seine Mitarbeiter werden meist dann beauftragt, wenn an historisch bedeutenden Orten wie einer KZ-Gedenkstätte Baumaßnahmen anstehen – wenn zum Beispiel eine Infotafel eingelassen oder ein Parkplatz saniert wird. Gemäß strenger Vorgaben müssen diese Bodenarbeiten archäologisch begleitet werden. Ein schmales Fenster für Archäologen. Aber Neupert und seine Kollegen nutzen es. „Das, was wir finden, ist oftmals das, was vergessen ist.“
Für die KZ-Gedenkstätten ist die Erfassung archäologischer Funde eine Aufgabe, die immer wichtiger wird. In Dachau widmen sich Mitarbeitende der Erschließung der Ausgrabungsgegenstände und bereiten sie für Ausstellungen auf. Besucher der Gedenkstätte können etwa Handschellen besichtigen, die Anfang der 2000er-Jahre am ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen ausgegraben wurden. 1941 und 1942 ermordeten SS-Männer dort mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene. Sie ketteten die Soldaten mit diesen Handschellen an Pfähle, um sie anschließend zu erschießen.
Vor mehr als zehn Jahren entdeckten Neupert und seine Mitarbeitenden bei archäologischen Ausgrabungen am ehemaligen Außenlagerkomplex mehr als 1000 Objekte aus der Zeit des Konzentrationslagers oder kurz danach. In Allach mussten ab 1943 fast 20 000 KZ-Häftlinge, vor allem Juden, für BMW Flugmotoren produzieren. Nach der Befreiung nutzten die Amerikaner das Gelände zunächst als Kriegsgefangenenlager, anschließend wurde ein Camp für Displaced Persons (DP) errichtet. 1952 entstand die Siedlung Ludwigsfeld.
„Das ist eine Herausforderung unserer Zeit: dass man Dinge wieder sichtbar macht“
Als die Stadt München viele Jahre später das Areal des sogenannten OT-Lagers Karlsfeld, ein Teil des Allacher KZ-Komplexes, für eine künftige Bebauung überplante, bekam Neuperts Büro den Auftrag zur Ausgrabung – es war seine erste Grabung im NS-Bereich. Bagger trugen drei Hektar Oberboden ab. Hunderte Zeichnungen wurden angefertigt, weit über tausend Fotos gemacht. Am Ende füllten die Fundstücke 109 Kisten: Kleidungsfetzen, Tassen, Teller, einfaches Besteck, alles Dinge, die für die Häftlinge überlebenswichtig waren. Doch da waren auch Porzellangeschirr und Waschschüsseln der Wachmannschaften. Ein Stahlhelm der US-Army. Und eine Coca-Cola-Flasche, das Getränk der Befreier.
Neupert erinnert sich an einen völlig verrosteten Blechtornister, den sie einen halben Meter neben einem Barackenfundament fanden. In dem Tornister, der einem US-Soldaten gehört haben muss, befand sich ein Fernrohr. Bei solchen Funden beginne bei ihm immer ein Kopfkino, sagt Neupert. „Was für eine Geschichte steckt hinter dem Tornister? Hat ihn jemand aus einem Jeep der Amerikaner geklaut und versteckt. Vielleicht ein Wehrmachtssoldat, der nach der Befreiung dort gefangen war? Oder war es später eine Displaced Person? Warum hat er den Tornister aus dem Versteck nie wieder rausgeholt? Konnte er nicht? Wurde er woanders hingebracht? Es ist sehr spannend, wenn man solche Gegenstände findet. Damit ist ja immer eine Geschichte über einen Menschen verbunden.“
Gerade das Schicksal der Häftlinge in den KZ-Außenlagern wie Allach sei im kollektiven Gedächtnis gar nicht so präsent, sagt Neupert. Sehr oft sind diese früheren Tatorte von der Oberfläche verschwunden, auf den ersten Blick erinnert nichts mehr daran, was hier vor mehr als 80 Jahren passierte. Doch die Spuren sind noch da, sie liegen nur tiefer. „Das ist eine Herausforderung unserer Zeit: dass man Dinge wieder sichtbar macht oder eben nicht vergisst“, sagt Neupert.
Knapp 100 der Fundstücke aus Allach waren von 2020 bis 2022 in der Sonderausstellung „Zeitspuren“ in der KZ-Gedenkstätte Dachau zu sehen – und sind seither als virtueller 360-Grad-Rundgang online verfügbar.



Neupert und seine Mitarbeitenden fanden im Allacher Boden aber nicht nur Gegenstände. Hinter einer Baracke stießen sie auf die Skelette von zwölf Häftlingen. Diese und die Leichen vieler anderer Gefangenen waren kurz nach der Befreiung auf diesem improvisierten KZ-Friedhof begraben worden. Die meisten seien 1950 exhumiert worden, sagt Neupert. Aber zwölf habe man offenbar vergessen. Die Knochen wurden untersucht. Es zeigten sich Frakturen an Rippen und Oberarmen, die auf eine körperliche Misshandlung der Menschen hindeuteten. Anschließend wurden die Gebeine auf dem Dachauer Waldfriedhof feierlich beerdigt. Neupert sagt, als Archäologe sei es schon ein Unterschied, „ob man einen jungsteinzeitlichen Menschen ausgräbt oder jemanden, der noch Zahnersatz drin hat und man weiß, dass das ein Mordopfer ist“.
Besucherparkplatz, KZ-Gedenkstätte Dachau. Die Frühlingssonne wirft den Schatten der parkenden Reisebusse auf den Asphalt. Sikko Neupert erzählt von der Cola-Flasche, die er hier aus dem Boden fischte. Er hatte sie damals untersuchen lassen. Es stellte sich heraus, dass die Flasche 1939 in New York produziert wurde. Anschließend wurde sie immer wieder abgefüllt und im Zweiten Weltkrieg nach Europa gebracht. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau warf sie mutmaßlich ein US-Soldat einfach weg. Wo heute die beiden italienischen Busse parken, hob jemand eine Grube aus, um darin Müll zu sammeln. Das Lager war nach der Befreiung ein Ort des Chaos. Irgendwer räumte auf und warf Gegenstände in ein Loch.
Für Neupert sind solche historischen Müllgruben die archäologisch spannendsten Orte überhaupt. „Das sind Sachen, die einen ganz nah an den Menschen heranführen“, sagt er. Eine weggeworfene Flasche, ein vergessener Gegenstand – und eine Geschichte, verborgen im Boden, aber doch in unmittelbarer Nähe. Man muss nur suchen.

