Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Dachau:Verletzliche Urgewalt

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Mane Hellenthal zeigt in der KVD-Galerie ihre neue Ausstellung "Finisterre". Eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ende der Welt und der Verletzlichkeit der Natur.

Von Martin Wollenhaupt, Dachau

Da steht man mit einem Mal, inmitten eines Gemäldes von Mane Hellenthal, in einem gewaltigen, schneeversunkenen Wald aus windschiefen Bäumen. Eine Traumlandschaft, in der Konturen verschwinden, angedeutete Schemen in Erscheinung treten. Ein Dickicht aus feinen Verästelungen, in der man leicht die Orientierung verliert. Beinahe übersieht man es: Steht dort nicht ein kleines Menschlein inmitten des Waldes, der es größenmäßig um das Hundertfache übersteigt?

Man könnte viel Abstraktes dazu sagen, über das Verhältnis von Natur und Mensch. Vor allem ist es aber ein Gefühl, das den Betrachter überkommt: Eine Ahnung, dass er nur ein winziges Pünktchen in einem gewaltigen Universum ist, ein Treibholz mit Bewusstsein, das von der Zeit unwiederbringlich verschluckt werden wird. Trägt jene Wirklichkeit, die er meinte, zu tragen, in Wirklichkeit ihn?

Wer bereit ist, sich dieser Gefahr auszusetzen, ein Quäntchen Wirklichkeit zu erblicken, dem sei geraten, noch bis zum 26. März die KVD-Galerie zu besuchen. Zu sehen ist dort die Ausstellung "Finisterre" der saarländischen Künstlerin Mane Hellenthal.

Finisterre? Der Titel der Ausstellung scheint zunächst auf einen konkreten Ort zu verweisen. Vielleicht das sagenumwobene Ende des Jakobsweges in Spanien, an dem sich der Atlantik donnernd zu schroffen, steil abfallenden Klippen heranwälzt? Solche Orte, an denen die Landschaft abweisend ist, die Bedingungen unwirtlich sind, habe sie, sagt Hellenthal, zwar auch im Sinn. Genauso interessiert sie aber ein weiterer Aspekt des Titels, der dem Lateinischen "Finis Terrae" entspringt - dem Ende der Welt. "Der Titel hat etwas Poetisches. Es geht auch um die Angst, dass die Welt untergeht", erklärt Hellenthal bei der Vernissage ihrer Ausstellung.

Auffällig ist, dass die Künstlerin an solchen markanten Orten die Poesie nicht auf der offenen, von Stürmen zerrissenen See sucht. Nein, ihr Blick wandert in das Landesinnere, dorthin, wo die empfindsame Vegetation der Rohheit der Bedingungen ausgesetzt ist. Wo die Natur im selben Windstoß brachial und verletzlich, karg und zart ist.

Besonders ins Auge fällt eine Bilderserie, in der sie mit echtem Schiefer arbeitet. Unwirtlich und hart ist das Gestein, schwarz wie ein Blick in den Schlund des Nichts. Trotzdem trauen sich in flüssiger Farbe kleine, grazile Pflänzchen hervor. So ungeschützt und verletzlich kommen sie emporgewachsen, dass man den Atem anhält, damit sie nicht umknicken.

Hellenthals Weg in die Kunst war ungewöhnlich. Mit 20 Jahren macht sie eine Ausbildung zur Goldschmiedin, später arbeitet sie als Zahntechnikerin. Erst spät merkt sie, dass sie die Arbeit nach Maß nicht zu erfüllen vermag. Ihre kreative Ader sehnt sich nach freieren Ausdrucksformen. Mit 33 Jahren beginnt sie ein Kunststudium in Saarbrücken, erhält immer wieder Stipendien und erarbeitet sich mit der Zeit einen Ruf, der über das Saarland hinausreicht. Leipzig, München, Berlin, aber auch Österreich und Luxemburg sind einige der Stationen, an denen ihre Kunst bereits ausgestellt wurde.

Nach Jahrzehnten des Schaffens geht die Anzahl ihrer Werke in die Tausende. Bei aller Vielfalt ihre Œu­v­res, lässt sich ein Thema ausmachen, das sie ihr Leben lang begleitet: Die Natur, in ihrer Verletzlichkeit und Brachialität. Nicht immer ist der Mensch dabei nur das kleine, staunende Pünktchen, das sich genügsam seinem Schicksal fügt.

So findet man in der Ausstellung in der KVD-Galerie auch Malereien, die ganz andere Saiten anschlagen. Surreal thront in der Talsohle eines schneebedeckten Gebirgsmassivs eine minutiös gezeichnete, scharfkantige Stahlkonstruktion. Der Mensch möchte herrschen. Apokalyptische Endzeitstimmung, als habe sich die Zivilisation längst in die Nicht-Existenz überführt, die Natur aber damit zu kämpfen, sich von ihr zu erholen.

Rote Flecken wabern durch das Gebirge. "Wenn man es etwas melodramatisch interpretieren möchte: Die Landschaft blutet", sagt Hellenthal. Die Technik des Marmorierens, mit der die Künstlerin das "Blut" geschaffen hat, hat nicht nur etwas Irrational-Traumhaftes, das sich dem Zugriff des Bewusstseins entzieht, sondern auch eine weitere metaphorische Dimension: Wo genau die verflüssigte Farbe hinfließt, ist ein Zufall. Hellenthal gibt den Anstoß, die Auswirkungen hat sie nicht mehr im Griff.

Woher die Künstlerin ihren Ideenreichtum schöpft? "Das begegnet mir", erklärt sie. "Mal finde ich am Wegrand auffällige Blumen, mal treffe ich unverhofft auf seltsame Architekturen, mal finde ich ein Motiv beim Blättern durch das Familienalbum." Viele ihrer Werke sind daher Nachbildungen und Verfremdungen von real Existierendem. "Wenn ich alle Ideen verarbeiten würde, wäre ich lange beschäftigt, vermutlich bis zum Lebensende."

Wer genau hinsieht, entdeckt auf Hellenthals Bildern aber auch Andeutungen der Wehrhaftigkeit der Natur. Ein zum Schlingen entschlossener Gletscher reißt bereits an den Grundfesten der unheilvollen Stahlkonstruktion. Sie gerät in Schieflage. Wer werden wir gewesen sein? Das Gebirgsmassiv grollt: Nichts.

Der Mensch - nur eine missglückte Erscheinungsform der Natur? Wie auch immer es ausgehen wird, fest steht: Mit dem Staunen beginnt bekanntlich die Philosophie und mit der Philosophie das Weltverständnis. Hellenthal ist es zu verdanken, dass Ersteres seinen Weg in die KVD-Galerie gefunden hat.

"Finisterre", Ausstellung von Mane Hellenthal in der KVD-Galerie, Pfarrstraße 13. Öffnungszeiten Donnerstag bis Samstag 16 bis 19 Uhr und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Zu sehen bis 26. März.

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