Historische Werkstatt in DachauEin letzter Ort der Druckkunst

Lesezeit: 4 Min.

Der gelernte Schriftsetzer Richard Wallner an der historischen Abziehpresse in der KVD-Druckwerkstatt.
Der gelernte Schriftsetzer Richard Wallner an der historischen Abziehpresse in der KVD-Druckwerkstatt. Jana Islinger
  • In der historischen Druckwerkstatt der Künstlervereinigung Dachau arbeiten Künstler und Laien jeden zweiten Dienstag im Monat an alten Druckerpressen aus verschiedenen Epochen.
  • Der Fortbestand der einzigartigen Werkstatt ist gefährdet, da wichtige Experten wie Bruno Schachtner und Dieter Faustmann in den vergangenen zwei Jahren verstorben sind.
  • Die Werkstatt verlagert ihren Fokus von den Maschinen auf die Wissensvermittlung, da das handwerkliche Know-how für die historischen Drucktechniken zu verschwinden droht.
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In der Druckwerkstatt der Künstlervereinigung Dachau wird noch auf alten und sehr alten Geräten gearbeitet. Doch das geht nur, solange es auch Menschen gibt, die sie noch bedienen können.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Wer in Dachau die Stufen in die Kellerräume in der Brunngartenstraße 5 hinabsteigt, verlässt das 21. Jahrhundert und begibt sich eine Welt der Zahnräder, der Hebel und Walzen. Überall stehen Druckerpressen, große und kleine, Maschinen für Holz- und Linolschnitt, für Lithografien und Kaltnadelradierungen, eine große Siebdruckanlage und zwei Tiegeldruckpressen, eine von circa 1840 und eine von 1858. Jeden zweiten Dienstag im Monat sind sie in Betrieb. Dann öffnet die Druckwerkstatt der Künstlervereinigung Dachau (KVD) ihre Türen. Grafik-Künstler wie Alfred Ullrich arbeiten hier – oder einfach Laien, die gerne mal die alte Drucktechnik ausprobieren wollen.

2012 wurde die KVD-Druckwerkstatt mit dem Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet, in der Münchner Region ist sie einzigartig. Doch wie alle Nischenexistenzen ist ihr Fortbestand hochgradig gefährdet. 2019 wäre es fast aus gewesen. Wasser drang in den Keller ein. Nur weil man die Überschwemmung rechtzeitig entdeckte, hielt der Schaden sich in Grenzen. Der Vorfall befeuerte die Hoffnungen auf ein Industriemuseum in der ehemaligen Dachauer Papierfabrik. Ein sicheres Habitat für die Technik.

„Das war ein schöner Traum“, sagt Michael Braun vom Werkstatt-Team. Die Museumspläne sind seit vergangenem Jahr Makulatur. Zu teuer in diesen Zeiten.

Nicht nur die Maschinen machen diese Werkstatt einzigartig – es sind auch die Menschen, die das kulturhistorische Erbe bewahren. Richard Wallner gehört zu den wenigen, die das alte Handwerk, die „Schwarze Kunst“, noch richtig erlernt haben. „Ich bin hier in der Druckwerkstatt der letzte Typograph“, sagt er. Die Drucktechnik mit Blei-Lettern, wie sie hier tonnenweise in alten Holzregalen lagern, war schon Mitte der Sechzigerjahre ein Auslaufmodell. Und es wird schnell klar, warum. Wallner zeigt ein Büttenpapier mit einem kurzen Text, zwei, drei Sätze vielleicht, aber schön gelayoutet im Blocksatz, mit Jugendstil-Verzierung. „Schätzen Sie mal, wie lange man für so was braucht.“ Er lächelt vielsagend. „Mindestens zweieinhalb Stunden.“

Meister des Drucks waren in der Dachauer Werkstatt auch Bruno Schachtner und Dieter Faustmann, beide verstorben in den vergangenen zwei Jahren. Schachtner, der Pionier, baute den historischen Maschinenpark über 20 Jahre Stück für Stück auf und hielt die Werkstatt mit einem kleinen Team am Laufen. Wichtigster Mann darin war der gelernte Buchdrucker Dieter Faustmann. Sie nannten ihn den „Druckprofessor“. Keiner kannte sich mit den historischen Maschinen und ihren Eigenheiten so gut aus wie er. Wenn mal jemand wieder einen zu dicken Papierbogen unter den Greifer der Druckerpresse eingespannt hatte, der die Halteklammern verbogen hatte: Faustmann wusste, wie man das geradebiegt.

Ein Blick in den Raum der KVD-Druckwerkstatt.
Ein Blick in den Raum der KVD-Druckwerkstatt. Jana Islinger
Neben den kleinen Blei-Lettern gibt es auch noch große Frakturenschriften aus Holz in den Setzkästen.
Neben den kleinen Blei-Lettern gibt es auch noch große Frakturenschriften aus Holz in den Setzkästen. Jana Islinger

Ab und zu eine Walze wechseln oder eine Greiflippe austauschen, das kann Wallner auch, kein Problem. Aber den kompletten Maschinenfuhrpark von Gutenberg bis Macintosh instand zu halten, für den es schon seit Ewigkeiten keine Ersatzteile mehr gibt, das konnte nur einer: der Druckprofessor. Die Folgen werden bereits sichtbar. Wallner deutet auf ein Stahlungetüm, das die Dimensionen eines Kleinwagens hat: „Die Maschine da kann man nicht mehr nutzen.“ Und auch nicht die „Diatype“, ein Foto-Setzgerät, das 1962 in Serie ging und mal als hypermodern galt. Aber da weiß Wallner wenigstens, woran es liegt: kein Strom.

„Mein Hirn langweilt sich nicht“

Die Verluste in den eigenen Reihen haben den Fokus in der Druckwerkstatt zuletzt ein wenig verschoben – weg von den Maschinen, hin zu den Köpfen. Das Wissen zu bewahren, müsse jetzt im Vordergrund stehen, sagt Michael Braun. Deswegen planten auch einige Mitglieder, sich in einer alten Druckwerkstatt im Allgäu ausbilden zu lassen. Es gilt, die Wissenslücken zu schließen, solange es noch geht. Die Maschinen sind nur leere Hüllen ohne die Kenntnisse der Technik.

Und diese historische Kulturpflege macht ja auch Spaß. Beate Bakels ist der beste Beweis. Seit 2012 arbeitet die Münchnerin in der Druckwerkstatt. Jeden Monat druckt sie hier ein anderes selbst gestaltetes Fabelwesen; mittlerweile füllen ihre Linolschnitte schon ein ganzes Buch. „Es ist immer sehr schön hier“, sagt Bakels, während sie mit geübter Hand Farbe über eine Druckplatte walzt. „Ich bin beschäftigt, und mein Hirn langweilt sich nicht.“

Beate Bakels kommt jeden Monat aus München in die KVD-Druckwerkstatt, um ein neues Motiv zu drucken.
Beate Bakels kommt jeden Monat aus München in die KVD-Druckwerkstatt, um ein neues Motiv zu drucken. Jana Islinger
Frisch aus der Druckerpresse: ein neues Fabelwesen im Linoldruck.
Frisch aus der Druckerpresse: ein neues Fabelwesen im Linoldruck. Jana Islinger

Der Grafiker Michael Braun ist Experte für Siebdruck, die einzige kommerziell noch relevante Technik, die in der historischen Druckwerkstatt gepflegt wird. Mit ihr kann man beispielsweise Tassen bedrucken oder Textilien. Beim jüngeren Publikum hat sich das zu einem Renner entwickelt. „Siebdruck ist der aufsteigende Stern“, sagt Richard Wallner. Andere Techniken haben es dagegen schwer, besonders der Steindruck. Das Verfahren erfordere großes Können, sagt Wallner, man müsse gut zeichnen können. Und zeitaufwendig sei es auch.

Nur wenige bringen so viel Geduld auf. In Dachau muss auch die Blase lange durchhalten können, eine Toilette haben sie in der Werkstatt nämlich nicht. Wenn es pressiert, müssen sie erst über die Straße und im Stadtkeller oder im Jugendzentrum freundlich fragen, ob sie mal das stille Örtchen benutzen dürften. Fließendes Wasser gibt es in der Werkstatt auch nicht. Selbst zum Vorbereiten der Platten für Steindruck muss man das Wasser selber mitbringen. In der Vergangenheit haben sie das oft genug beklagt.

Was hier herumsteht, wiegt mehrere Tonnen

Das tun sie immer noch, nur jetzt etwas sanfter. „Wir sind dankbar, dass wir diese Räume haben“, sagt Michi Braun. Auch er weiß, dass bei der Stadt Dachau das Geld knapp ist. Würden sie die Kellerräume verlieren, wäre dies wohl das Ende der Druckwerkstatt. Bleisätze und Maschinen wiegen zusammen mehrere Tonnen, einige lasse sich ohne Hilfsmittel gar nicht bewegen. Wohin sollten sie auch?

Jetzt heißt es: weitermachen, die Maschinerie am Laufen halten – und Unterstützer gewinnen. Beste Gelegenheit dafür bietet die offene Werkstatt zum „Tag der Druckkunst“, in Dachau allerdings schon einen Tag früher, am Samstag, 14. März von 14.30 bis 18 Uhr. „Jeder, der Lust hat, kann reinschnuppern“, wirbt Richard Wallner.

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