Erinnerungskultur:Dokumentation des Verfalls

Kräutergarten

Vergessen: Die Original-Gewächshäuser des "Kräutergartens" rotten vor sich hin.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Verein "Zum Beispiel Dachau" widmet sich in einer Broschüre dem "Kräutergarten", wo KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Die Verfasser beklagen den heutigen "erbärmlichen Zustand" der Gewächshäuser.

Von Walter Gierlich, Dachau

"Was lange währt, wird endlich gut", lautet ein altes Sprichwort. Insofern kann der zeitgeschichtliche Verein "Zum Beispiel Dachau" stolz sein auf die 136 Seiten starke Broschüre mit dem Titel "Vom ,Kräutergarten' zum ,Schwarzen Graben'". Handelt es sich dabei doch um den Begleitband zu einer gleichnamigen Ausstellung, die bereits im Januar 2014 im Thoma-Haus zu sehen war. Diese zeigte die Geschichte des weithin unbeachteten Dachauer Betriebsteils der SS-Firma "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung", deren noch vorhandene Überreste immer mehr verfallen.

Häftlinge des benachbarten Konzentrationslagers mussten hier Zwangsarbeit leisten. Zwischen 1939 und 1945 starben insgesamt mehr als 800 Häftlinge - sie erlagen den Folgen der brutalen Sklavenarbeit, wurden erschossen oder zu Tode geprügelt. Der tschechische Historiker und ehemalige Dachau-Häftling Stanislav Zámečník schrieb später darüber: "Niemand wird vergessen, wie die Häftlinge abends in die Lager zurückkehrten. Hinter der Kolonne entkräfteter, taumelnder Menschen wurden immer zehn und mehr Schubkarren mit den Toten und den Sterbenden geschoben."

Zur Vorstellung des reich bebilderten Büchleins luden nun der Vereinsvorsitzende Karl Hönle und Monika Lücking, die mit ihm zusammen die Hauptarbeit geleistet hatte, in einen der authentischen Orte der "Plantage", wie die KZ-Häftlinge damals das Kommando nannten: das Bienenhaus, wo sich heute das Vereinsarchiv befindet und die Mitgliedertreffen von "Zum Beispiel Dachau" stattfinden. "Wir haben das Material der Ausstellung mitverwertet und erweitert, zum Teil auch mit vielen neuen Unterlagen", erklärt Hönle. "Wir haben dabei auch versucht, alle Aspekte zu beleuchten."

"Quo vadis Gedenk-Kultur?"

So wird etwa dargestellt, welch enormen Stellenwert der biologisch-dynamische Anbau heimischer Heilpflanzen unter esoterisch angehauchten oder anthroposophischen SS-Leuten wie Heinrich Himmler oder Rudolf Heß genossen. Aber auch, dass deren Anbau andererseits Teil der Autarkiepolitik war, durch die Deutschland von Importen ausländischer Medikamente und Gewürze unabhängig werden sollte. 1938 begannen KZ-Häftlinge unter härtesten Arbeitsbedingungen den Moorboden zu entwässern, um überhaupt einen Anbau von auf dem Gelände östlich des Lagers möglich zu machen.

1939 ließ der Leiter des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes und General der Waffen-SS Oswald Pohl dann die "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" gründen. Die Nähe zum KZ war Voraussetzung, weil ohne die billige Arbeitskraft der Häftlinge der SS-Kräutergarten, der schließlich nach Schätzung Hönles eine Gesamtfläche von 200 Hektar umfasste, nicht möglich und 1944 gar rentabel gewesen wäre. SS-General Pohl besuchte den Dachauer Betrieb nicht nur häufig, sondern hatte auch im Obergeschoss des Forschungsinstituts eine Ferienwohnung.

Von 1939 an entstanden Gewürzmühlen, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, sechs Gewächshäuser und das Forschungsinstitut. Auf den Freilandflächen wurden riesige Felder mit Gladiolen angelegt, aus denen Vitamin C für die Wehrmacht gewonnen wurde. Die Häftlinge wurden dafür von brutalen Kapos malträtiert und mussten ohne Maschinen das Land urbar machen. Der tschechische Häftling Karel Kašák beschrieb in seinem Tagebuch von April und Mai 1941, wie die SS-Posten täglich Häftlinge erschossen. In den Sommermonaten 1942, dem sogenannten Hungersommer, arbeiteten ungefähr 1500 Häftlinge auf der Plantage. Etwas besser erging es den Männern, die unter Dach - in Gewächshäusern oder im Labor - beschäftigt wurden. Ein Malerkommando, dem auch Kašák angehörte, sollte ein Pflanzenherbarium anfertigen.

Der "Kräutergarten" war aber auch ein Ort des Überlebenswillens und der Selbstbehauptung. Häftlinge dokumentierten in Zeichnungen und in Notizbüchern die Verbrechen der SS. Der Verkaufsladen, in dem die damaligen Bewohner Dachaus und der Nachbargemeinden einkauften, stellte manchen Kontakt zur Außenwelt her, "ein kleines Türchen zum Leben", wie es der Jesuitenpater Otto Pies nannte. Die Familie Steinbüchler beispielsweise brachte den Häftlingen Lebensmittel. Auf Himmlers Anordnung hin wurden von April 1942 vor allem Priester zur Arbeit eingesetzt. Über den Laden schmuggelte Josefa Mack für sie Medikamente, Messwein und Hostien ins KZ, sogar eine heimliche Priesterweihe des Diakons Karl Leisner gelang den Geistlichen.

Recht kurz kommt insgesamt die Nachkriegsgeschichte in der Broschüre: Vom Mai 1945 an wurde die Plantage als Landwirtschafts- und Gartenbaubetrieb weitergeführt. Schon 1949 ging die Firma in Konkurs, sechs Angestellte und 59 Arbeiter verloren ihre Stellen. Seit 1957 ist der Kräutergarten im Besitz der Stadt Dachau. "75 Jahre nach dem Ende des SS-Betriebes und der Vernichtungs- und Überlebensstätte ,Plantage' ist der größte Teil des Geländes als Gewerbegebiet ,Schwarzer Graben' verwertet", schreibt Hönle und beklagt den "erbärmlichen Zustand" von Verwaltungs- und Forschungsgebäude und vor allem der Reste der Original-Gewächshäuser. "Quo vadis Gedenk-Kultur?", fragt er daher am Ende. Auch als Leser hat man einen Grund zur Klage: Man hat zwar jetzt den umfangreichen Ausstellungskatalog in der Hand, würde aber gerne auch die vor sieben Jahren gezeigte Ausstellung noch einmal sehen.

Die im Akademischen Verlag München erschienene Broschüre kann bei Karl Hönle, Telefon 08131/12221, oder Monika Lücking, 08131/94059 erworben werden.

© SZ vom 29.06.2021
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