Mit 18 Jahren ist Michail Alexiou die mit Abstand jüngste Landratskandidatin in Dachau. Alexiou, die sich als queere Person bezeichnet, bewirbt sich für den Kreisverband Amper der Linken. Die Schülerin ist als jugendpolitische Sprecherin Teil des Landesvorstandes der Linken in Bayern und engagiert sich für jugend- und bildungspolitische Themen, wie beispielsweise bei der bayerischen Petition „Schluss mit Abfragen und Exen!“, teilt der Verband mit.
Alexiou ist in Griechenland geboren und mit acht Jahren mit der Familie nach Dachau gezogen. „Ich bin als migrantische Person in Dachau-Ost aufgewachsen und später auf das Josef-Effner-Gymnasium gegangen, wo ich den Politik-Leistungskurs besucht habe“, erzählt sie. Obwohl beide Orte nicht weit voneinander entfernt lägen, trennten sie Welten. „Viele Leute haben überhaupt kein Bewusstsein für die Disparitäten hier im Landkreis Dachau“, sagt Alexiou. Sie selbst habe erlebt, wie sich die Lebensbedingungen etwa von Rentnern in ihrer Nachbarschaft drastisch verschlechterten, während an ihrer Schule viele ihrer Mitschüler davon ausgingen, dass „alle ein Haus und ein Auto“ hätten.
Nach der Nominierung als Spitzenkandidatin gab Michail Alexiou bekannt: „Dass unsere Jugend immer mehr in Großstädte zieht und ihre Heimat auf dem Land verlässt, ist ein bundesweiter Trend, der aber vor allem von der Kommunalpolitik mit beeinflusst wird. Als Landkreis haben wir die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Jugendliche einen Ort haben, an dem sie sich am kulturellen und politischen Geschehen beteiligen können und sich natürlich auch ein Leben leisten können.“
Als jüngste Landratskandidatin will Alexiou ein Zeichen dafür setzen, dass die Jugend die Zukunft des Landes sei. Seit 2024 ist sie Parteimitglied der Linken. „Ich bin direkt nach der Europawahl und den Enthüllungen über die AfD rund um deren Remigrationspläne in die Politik gegangen.“
Sie übt klassischen Gesang im Keller des Jugendzentrums
Seit einem Jahr ist Alexiou im Freiraum aktiv, im bayernweit letzten autonomen Jugendzentrum. Zuvor war vor allem das Juz in Dachau-Ost ein wichtiger Ort für sie. Bis heute nutzt Alexiou dort den Bandproberaum im Keller – vor allem zum Singen, ohne ihre Nachbarn zu stören. Alexiou will klassischen Gesang studieren. Das Gymnasium hat sie kurz vor den Weihnachtsferien abgebrochen – auf die Aufnahmeprüfung für das Gesangsstudium und das Abitur könne sie sich nicht gleichzeitig vorbereiten, sagt die 18-Jährige.
Im Wahlkampf will Alexiou wöchentlich an Infoständen mit Menschen ins Gespräch kommen und auch Haustürwahlkampf betreiben, worin sie bereits Erfahrung hat. Im Zentrum des Wahlkampfs stehen für die Partei im Landkreis Dachau nach eigenen Angaben drei Themen: zum einen der Kampf gegen den Mieten-Notstand in der Region. Diesem will die Partei mit einem radikalen Ausbau des kommunalen Wohnungsbaus und dem Einsatz gegen Leerstand begegnen. Zum anderen müsse der ÖPNV als Grundbedingung für gesellschaftliche Teilhabe ausgebaut und perspektivisch kostenfrei werden. Daneben fordert die Linke eine gezielte Kulturförderung im Landkreis, vor allem für Jugendliche, um Raum für politischen und kulturellen Austausch zu schaffen.
Ein lokales Thema, das Alexiou besonders beschäftigt, ist die Gesundheitsversorgung im Klinikum Dachau. Dieses gehört zum Helios-Konzern, der Landkreis hält nur noch rund fünf Prozent an dem einstigen kommunalen Krankenhaus. „Es war ein Riesenfehler, das Krankenhaus überhaupt zu privatisieren“, sagt Alexiou. Die Arbeits- und Pflegebedingen hätten sich in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert, etwa seitdem Pflegekräfte auch für die Fahrdienste der Betten zuständig seien.
„Schlechte Arbeitsbedingungen führen zu Fehlern, die im Gesundheitssystem tödlich sein können“, sagt Alexiou. Vom amtierenden Landrat Stefan Löwl (CSU) hätte sie sich gewünscht, sich in den jährlichen Anhörungen der Klinikgeschäftsleitung im Kreistag viel stärker öffentlich zu den Zuständen im Krankenhaus zu positionieren. Der Helios-Konzern hatte Vorwürfe über eine Überlastung des Personals und gravierende Ausstattungsmängel zuletzt immer wieder dementiert.
„Ich bin schon mein ganzes Leben queer“
Ein Thema, auf das Alexiou im Wahlkampf hingegen nicht reduziert werden will, ist ihre Geschlechtsidentität. „Ich bin ein Mensch – Geschlecht interessiert mich nicht“, sagt Alexiou und fügt hinzu: „Ich bin schon mein ganzes Leben lang queer und kämpfe für queere Rechte.“ In ihrem Leben habe sie deshalb auch schon Ablehnung erfahren. Ihre Erfahrungen beschreibt sie mit soziologischem Blick auf ihr Herkunftsmilieu: „In prekären migrantischen Räumen aufzuwachsen ist von viel Queerphobie begleitet.“
Alexiou betont: „Wir sind Teil dieser Gesellschaft – und zugleich will ich meine Identität nicht zu meinem politischen Hauptthema machen, sondern mit eigenen Inhalten überzeugen.“ Dass Alexiou – mit dunklem Bart und langen Locken – auch sprachlich betrachtet als „Landrätin“ kandidiert, sei für sie „auch ein politisches Statement.“


