Tierschutz im Landkreis StarnbergZahl streunender und kranker Katzen nimmt stark zu

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Eingefangene Katzen bringen das Dachauer Tierheim an die Kapazitätsgrenze.
Eingefangene Katzen bringen das Dachauer Tierheim an die Kapazitätsgrenze. (Foto: Toni Heigl)

Das Tierheim in Dachau ist am Anschlag: Mehr als 100 Katzen werden momentan gepflegt. Um den Zuwachs an wild lebenden Tieren zu begrenzen, ruft das Landratsamt zur Kastration von Katzen auf.

Von Eva Waltl, Dachau

Ein vier Wochen altes Katzenbaby, nicht schwerer als 450 Gramm und von Krankheit gezeichnet, liegt auf einem Feld. Tierpfleger des Dachauer Tierheims finden die junge Katze und versorgen sie: über 100 Zeckenbisse auf dem winzigen Tierkörper, außerdem Flöhe und Würmer. Zudem leidet das Kätzchen unter Blutarmut. Solche Funde gibt es häufig, denn die Zahl streunender Katzen nimmt massiv zu. So stark, dass das Tierheim der Versorgung der Tiere nicht mehr Herr wird. Deshalb schlägt das Landratsamt Alarm.

Sieben Tage in der Woche ist das Dachauer Tierheim im Einsatz. „Es ist nicht mehr stemmbar“, klagt Silvia Gruber, Vorsitzende des Tierschutzvereins Dachau. Jeden Tag erhält das Tierheim neue Meldungen, dass sich Katzen im Landkreis unkontrolliert vermehren. Auch Sophia Rothammer vom Dachauer Veterinäramt spricht von „massiven Ansammlungen frei lebender Katzen in mehreren Gemeinden des Landkreises“.

Dazu gehören Altomünster, Markt Indersdorf, Petershausen und Teile von Vierkirchen. Besonders drastisch ist die Situation in Röhrmoos. Dort hat das Team um Gruber bereits 26 Katzen eingefangen, davon waren drei Katzen hochträchtig. Zusätzlich holt das Dachauer Tierheim täglich ein bis drei tote Katzen von den Straßen. „Wir kommen mit dem Einfangen der Katzen nicht mehr hinterher“, sagt Gruber.

Das Tierheim in Dachau kommt an seine Grenzen - personell, finanziell und räumlich. Eingerichtet ist es für die Aufnahme von 80 bis 90 Katzen. Aktuell befinden sich aber 108 Katzen in Betreuung. Das Kleintierhaus wurde bereits umgebaut, auch dort können nun Katzen gepflegt werden. Außerdem sind zwölf Kitten, wie die ganz jungen Katzenbabys heißen, und zwei ausgewachsene Katzen aufgrund der Schwere ihrer Krankheiten in Quarantäneboxen untergebracht.

„Es ist nicht mehr stemmbar“: Silvia Gruber, Vorsitzende des Tierschutzvereins, klagt über die Überbelastung ihres Teams.
„Es ist nicht mehr stemmbar“: Silvia Gruber, Vorsitzende des Tierschutzvereins, klagt über die Überbelastung ihres Teams. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Hinzu kommen all die Babys in den Bäuchen trächtiger Kätzinnen. „Da wissen wir noch nicht genau, wie viele es werden“, sagt Gruber. Zwei Kitten sind aktuell in der Tierklinik wegen massivem Parasitenbefall und Katzenschnupfen. Wenn sie die Eingriffe gut überstehen, braucht das Tierheim zwei weitere Plätze. „Wir möchten helfen, aber in diesen Mengen ist es nur noch frustrierend“, sagt Gruber.

Die streunenden Katzen, die das Tierheim einfängt, vor der elenden Situation draußen rettet und pflegt, sind oft schwer krank und sehr scheu. Was für das Tierheim wiederum bedeutet, dass die Pflege intensiver und langwieriger ist. Meist arbeiten Pflegerinnen und Pfleger in Zweierteams. Das erleichtert die Tablettengabe, die Untersuchungen, das Baden der Katzen.

In vielen Fällen sind die Katzenmütter so ausgemergelt von den vielen Würfen, dass sie ihre Babys nicht mit Milch versorgen können. Dann übernehmen die Pfleger auch dies: Im Zwei- oder Vierstundentakt füttern sie den Nachwuchs mit der Flasche. Auch haben die streunenden Tiere eine lange Aufenthaltsdauer im Tierheim, weil sie sich nach Genesung erst Schritt für Schritt an Menschen gewöhnen müssen.

Eng beisammen: eine Katzenmutter und ihre Jungen im Tierheim in Dachau.
Eng beisammen: eine Katzenmutter und ihre Jungen im Tierheim in Dachau. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Vier Vollzeitkräfte und zwei Aushilfen sind im Einsatz. Nachteinsätze gehören dazu, weil besonders in der Dunkelheit viele Katzen angefahren werden. Drei Vollzeitstellen hat das Tierheim derzeit zu besetzen. Ohne Ehrenamtliche, so Gruber, würde es überhaupt nicht mehr gehen. Vor allem im Reinigungs- und Wäschebereich braucht das Tierheim dringend Unterstützung.

Um die Population hiesiger Katzen einzudämmen, appelliert nun das Landratsamt Dachau an alle Katzenbesitzer, ihre Katzen kastrieren, kennzeichnen und registrieren zu lassen. Durch eine Registrierung können gefundene Katzen schnell ihren Besitzern zurückgegeben werden. Besonders aber eine Kastration, sagt Gruber, sei unabdingbar, um das derzeit bestehende Elend zu begrenzen. „Die aktuelle Situation ist auch der Unwissenheit der Katzenbesitzer geschuldet“, sagt sie.

Fortpflanzungsfähig vom fünften Lebensmonat an

Katzen sind bereits ab dem fünften Lebensmonat fortpflanzungsfähig und schon drei bis vier Wochen nach der Geburt wieder deckbereit. Vor allem Freiläufer, also Katzen, die ein Zuhause haben und dies auch verlassen, sollten dringend kastriert werden, empfiehlt Gruber. Katzen sollten zudem in den ersten sechs bis acht Wochen nur im Haus gehalten werden, damit sie sicher wissen, wo sie daheim sind.

Bereits vom vierten Lebensmonat an können Katzen kastriert werden. Es sei, erklärt Gruber, ein kleiner, unkomplizierter Eingriff für die Tiere, den der Tierarzt vornimmt. Kater sind bereits nach einem Tag wieder fit, Kätzinnen benötigen etwa eine Woche zur Erholung. Durch eine Kastration sind die Tiere nicht nur vor ungewolltem Nachwuchs geschützt, sondern auch vor Verletzungen bei Revierkämpfen. Zudem verhindert eine Kastration unerwünschtes Markierverhalten.

Gruber und das Tierheimteam kämpfen um jedes Katzenleben. „Wenn wir dann sehen, dass es den Katzen nach langer Krankheitsphase besser geht und sie herumtollen und spielen, ist es jeden Aufwand und Cent wert“, sagt Gruber. Doch nicht für jede Katze geht die Geschichte gut aus. Das 450 Gramm schwere Katzenbaby wurde drei Wochen lang intensiv betreut: Täglich bekam es Augensalbe und Antibiotika. Zwei Pfleger versorgten das kleine Tier rund um die Uhr und fütterten es mit der Flasche. Doch sie konnten das Leben der Katze nicht retten.

Was zu tun ist, wenn man eine streunende Katze findet: Silvia Gruber empfiehlt, sich zuerst in der Nachbarschaft zu erkundigen, ob die Katze jemandem gehört. Wenn Tiere augenscheinlich krank oder zu dünn sind, möge man sich sofort mit dem Dachauer Tierheim oder dem Dachauer Veterinäramt in Verbindung setzen. „Wenn es der Katze nicht gut geht, ist es sehr wichtig, sie für die Überbrückungszeit, bis Hilfe eintrifft, zu sichern“, erklärt Gruber. Die Tierpfleger übernehmen dann die weitere Versorgung der Katze. Auch gibt es ein entsprechendes Meldeformular unter der Homepage des Dachauer Landratsamts: www.landratsamt-dachau.de/tierschutz

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