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Verkehrsplanung:"Der geplante Radschnellweg ist weit weg vom Idealbild"

Fahrradschnellweg

Die Augustenfelder Straße in Dachau: Hier könnte der geplante Radschnellweg verlaufen.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Der Karlsfelder Bürgermeister und einige Gemeinderäte sind sauer über die Pläne für einen Radschnellweg von Dachau nach München. Gerät das interkommunale Projekt schon jetzt ins Stocken?

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

In Karlsfeld regt sich Protest. Eine Radlautobahn, auf der man zügig, ohne Ampeln und andere Hindernisse von Dachau über Karlsfeld nach München sausen kann, wünschen sich viele Pendler. Auch die Kommunalpolitiker der staugeplagten Kommunen sind begeistert von der Idee. Doch das, was das Ingenieurbüro Inovaplan und das Büro PGV-Alrutz aus Hannover nun als beste Route vorgestellt haben, lässt Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe und einige Gemeinderäte nur mit dem Kopf schütteln. "Für Dachau hat das Charme", sagt Fahrradreferent Franz Trinkl (SPD) - dort soll die Augustenfelder Straße nun zur Fahrradstraße werden. "Aber für Karlsfeld ist das indiskutabel."

Die Planer hatten als besten Weg eine Weiterführung über die alte Münchner Straße durch die Rothschwaige vorgesehen. An der Hochstraße soll die B 304 gekreuzt werden. Die Route führt an den Einkaufsmärkten vorbei die Bayernwerkstraße entlang und schließlich nach links auf den Erlenweg. Diesem folgen die Radfahrer immer parallel dem Würmkanal, über die Leinor- und Wehrstaudenstraße gelangen sie zum Bahnhof und von dort über die Würm zur Münchner Stadtgrenze. "Das funktioniert nicht", sagt Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU). Das habe er dem Landratsamt Dachau bereits mitgeteilt. Eine Antwort kam bis jetzt jedoch nicht.

"Das kann man sehenden Auges nicht machen"

Das größte Problem dieser Route ist wohl die Wehrstaudenstraße. "Sie ist dafür völlig ungeeignet", konstatiert Trinkl. Denn sie ist eng und überall parken Autos. "Wenn wir diese Straße zur Fahrradstraße erklären, bedeutet das extremste Einschränkungen für die Anwohner", erklärt Kolbe. Etwa 200 Parkplätze würden wegfallen, sagt Günther Rustler, der im Rathaus für Verkehr zuständig ist. Und das größte Problem sei, dass die Anwohner und ihre Besucher in der Nähe praktisch keine Ausweichmöglichkeiten hätten, da die Bahnlinie den Platz begrenze und die übrigen Straßen, speziell rund um den Bahnhof, ohnehin schon völlig zugeparkt sind. So sehr, dass die Gemeinde künftig die Kommunale Verkehrsüberwachung bemüht, um wenigstens die Rettungswege frei zu bekommen. "Die Anlieger der Strecke müssen damit leben können", sagt Kolbe. Und das sei in der Wehrstaudenstraße eindeutig nicht der Fall.

Auch beim Erlenweg gibt es Bedenken: "Er ist furchtbar eng. Außerdem sind dort zwei Doppelkurven mit hohen Hecken, bei denen man nichts sieht", sagt Verkehrsreferent Bernd Wanka (CSU). Wenn da einem schnellen Radler ein Auto entgegenkäme, das wäre unverantwortlich. "Das kann man sehenden Auges nicht machen." Begradigen könne man dort auch nichts, da drumherum überall Privatgrund sei, erklärt Rustler.

Bayernwerk- und alte Münchner Straße müssten verbreitert werden, denn Radschnellwege müssen mindestens sechs Meter breit sein, wenn sie in beide Richtungen verlaufen. Andernfalls erhalte die Gemeinde keine Förderung, so Rustler. An der Münchner Straße könnte das allerdings schwierig werden, weil dort eine Eschenallee ist, die ein Naturdenkmal ist und unter Schutz steht. Momentan verkehrt auch die Buslinie 710 im 20-MinutenTakt auf der alten Münchner Straße. "Wir müssten sie verlegen", moniert Kolbe. "Das hat das Büro völlig missachtet."

Doch was den Bürgermeister am meisten aufregt: "Die sogenannte Bestvariante ist nichts für unsere Pendler." Die meisten Karlsfelder wohnten östlich der Münchner Straße, deshalb wählten sie eine Strecke parallel zu B 304 und nicht so weit im Westen. Noch dazu sei eine Hauptzielgruppe bei dieser Planung nicht berücksichtigt: Die Beschäftigten von MAN und MTU. Wenn Karlsfeld eine solche Radlautobahn plane, gehe es schließlich auch darum, Alternativen zum Autofahren aufzuzeigen, um so den Verkehr auf dieser Hauptverkehrsader zu reduzieren.

Karlsfeld bevorzugt eine andere Route

"Der geplante Radschnellweg ist weit weg vom Idealbild", beklagt Fahrradreferent Tinkl. Statt einer neu asphaltierten linearen Route strebe das Büro nun einen Zickzackweg an. Das könne schnelle Radler nicht begeistern, sagt Trinkl. Der Weg firmiere inzwischen auch nicht mehr unter dem Titel Radschnellweg, sondern werde als Radschnellverbindung tituliert, so Rustler. Das beinhalte nicht ganz so strenge Vorgaben.

Karlsfeld bevorzugt eine andere Trasse, die auch an die Augustenfelder Straße in Dachau anknüpfen würde. Sie verläuft über die Wallbergstraße, überquert die B 304 und führt auf den Rothschwaigeweg, der parallel der Umgehungsstraße verläuft und schließlich in die Reschenbachstraße mündet. An deren Ende müssten die Radler ein kurzes Stück der Bayernwerkstraße folgen, um dann auf die Nibelungenstraße zu kommen. Noch ist diese unterbrochen, doch im Zuge der Pläne auf dem Ludl-Areal soll sie schon bald verbunden werden. An der Allacher Straße könnten die Radpendler die Hans-Carossa-Straße zum Würmkanal nehmen und dann links zu MAN und MTU fahren.

"Diese Route hätten den Vorteil, dass die Radler nicht über die Brücke an der Theodor-Heuss-Straße müssten", erklärt Rustler. Es würden auch kaum Parkplätze wegfallen. Die landwirtschaftlichen Wege im nördlichen Teil der Gemeinde müssten womöglich etwas verbreitert, auf jeden Fall wohl neu geteert werden, so Rustler. Die Route wäre kürzer und würde sicher auch von den Dachauern angenommen. Dennoch haben sich Inovaplan und das Büro PGV-Alrutz dagegen entschieden. Der Grund sei wohl eine "Kosten-Nutzen-Untersuchung" gewesen, sagt Rustler. Wie sich die beiden Trassen finanziell unterscheiden, konnte weder er noch Bürgermeister Kolbe sagen. "Es sind Vorplanungen", so der Rathauschef.

Einer der Vorteile für die Bestway-Variante ist laut Landrat Stefan Löwl (CSU), dass sie am neuen Gymnasium vorbeiführe. Dies soll an der Bayernwerkstraße gebaut werden. Am 13. November wird der Kreistag über die Planung abstimmen.

© SZ vom 23.10.2020
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