Verkehr in Dachau:Radler sind immer noch stark benachteiligt

Fahrradstreifen

Die Bemühungen der Stadt sind immerhin erkennbar: Fahrradstreifen in der Schleißheimer Straße mit Abbiegepunkt in den Liebhofweg.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Beim Fahrradklima-Test des ADFC schneidet Dachau nur mittelmäßig ab. Etwas besser fällt die Bewertung für die Gemeinde Karlsfeld aus. Im Gegensatz zur Kreisstadt hat es dort in letzter Zeit allerdings keine nennenswerten Maßnahmen gegeben, um den Radverkehr zu fördern.

Von Julia Putzger, Dachau

Wer vom Lehrer seine Schulaufgabe mit der Note "vier plus" zurückbekommt, der freut sich zwar vielleicht im ersten Moment - "Juhu, bestanden! - doch wirklichen Anlass zur Freude gibt die Bewertung nicht. So ähnlich lässt sich auch die Lage in der Stadt Dachau und in Karlsfeld zusammenfassen: Die beiden Kommunen sind die einzigen im Landkreis, die beim Fahrradklima-Test des ADFC bewertet wurden. Mit einer Endnote von 3,66 (Karlsfeld) und 3,72 (Dachau), bewegen sich beide zwar im oberen Mittelfeld in der Bewertungsklasse der Kommunen mit 20 000 bis 50 000 Einwohnern. Doch es gibt noch viel zu tun.

"Wir haben uns zwar verbessert, aber auf sehr niedrigem Niveau", erklärt Michael Kraus vom ADFC in Dachau. 2012 wurde die Stadt erstmals beim alle zwei Jahre bundesweit stattfindenden Fahrradklima-Test des ADFC bewertet, damals mit der Note 4,3. Seitdem konnte das Ergebnis stets gehalten oder leicht verbessert werden. "Es geht in die richtige Richtung, aber viel zu langsam", findet Kraus. Denn schließlich sei das Fahrrad "nicht erst gestern" erfunden worden. Und auch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) gibt zu, dass es noch Luft nach oben gebe, wenn auch vor allem die finanziellen Möglichkeiten in der Krise eingeschränkt seien.

In jüngster Zeit wurde viel für den Radverkehr getan

Besonders schlecht bewertet wurden in der Stadt die Möglichkeiten zum Ausleihen eines Fahrrads sowie die Mitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein Mietradsystem hätte zwar eingeführt werden sollen, doch weil die Corona-Krise die Stadträte zum Einsparen zwang, wurde der Posten vorerst gestrichen. Was die öffentlichen Verkehrsmittel betrifft, sieht OB Hartmann die Sache allerdings anders: "Ich finde, in Dachau kommt man entweder mit dem Rad oder dem Bus überall hin. Man muss da gar nicht kombinieren."

Besonders gut hingegen schneidet die Stadt bei der Frage ab, ob in jüngster Zeit viel für den Radverkehr getan wurde. Mit einer Bewertung von 2,7 übertrifft Dachau dabei den Durchschnitt der anderen Kommunen weit, der bei 4,2 liegt. Und obwohl es aus Kraus' Sicht zwar zu langsam vorangeht, muss er die Stadt loben: "Wo umgebaut wird, hat die Sache auch Hand und Fuß." Michael Eisenmann, Fraktionsvorsitzender des Bündnis für Dachau und selbst häufig mit dem Rad unterwegs, ist zwar insgesamt nicht zufrieden mit der Bewertung, doch er sagt: "Wir müssen auch gute Beispiele wie das Radlparkhaus am Bahnhof hervorheben."

Die Teilnehmer der ADFC-Umfrage können nicht nur einzelne Aspekte des Radfahrens bewerten, sondern auch angeben, was ihnen besonders wichtig ist. In der Stadt Dachau wurde diesbezüglich vor allem die Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer und das Sicherheitsgefühl genannt. Stadtrat Eisenmann kann das gut nachvollziehen. Verändern könne man das jedoch nur mit "kompletten Achsen", also für Radfahrer optimierte Strecken, auf denen man sich zügig und gefahrlos bewegen könne. "Von einer Gleichberechtigung im Straßenverkehr sind wir noch 20 Jahre entfernt", sagt auch Kraus. Er sieht die "Zweitklassigkeit" der Radler vor allem durch die aktuellen Planungen für den Radschnellweg von Dachau über Karlsfeld nach München manifestiert: Statt eines kurzen, geraden Weges entlang der Münchner Straße sollen die Radfahrer in Karlsfeld zehnmal abbiegen und einen Umweg fahren - "das wurde für die Autofahrer getan, damit wir weg von der Straße sind", ist sich Kraus sicher.

Die Gemeinde Karlsfeld taucht erstmals überhaupt in den Einzelbewertungen auf und schneidet auf Anhieb sogar besser ab als Dachau. "Im ersten Moment habe ich mich gewundert", sagt Franz Trinkl, Fahrradreferent in der Gemeinde, SPD-Fraktionsvorsitzender und ADFC-Mitglied. "Wir sind in Karlsfeld weit entfernt von dem, was in Dachau schon für den Radverkehr getan wird."

Die Stadt Dachau als Vorbild für Karlsfeld?

Verbesserungen für Radfahrer habe es zuletzt nur bei der Sanierung der Krenmoosstraße gegeben. Seit Jahren angekündigte Projekte wie Abstellmöglichkeiten am Bahnhof wurden zuletzt aus finanziellen Gründen erneut verschoben. Wer fehlende Radinfrastruktur aber nur auf den klammen Haushalt der Gemeinde schiebe, mache es sich zu einfach, findet Trinkl: Obwohl alle Gemeinderäte "unisono" pro Radverkehr eingestellt seien, fehle "der wirkliche Wille, mit Mut voranzugehen". Die Stadt Dachau sei deshalb ein Vorbild: "Für manche Entscheidungen muss man auch mal im Feuer stehen. Das sehe ich in Dachau, aber in Karlsfeld nicht."

Bewertungsgrundlage für die Ergebnisse des ADFC ist ein Fragebogen mit 27 Einzelfragen. Bewertet wird auf einer Skala von eins bis sechs, die den Schulnoten entspricht. Teilnahmeberechtigt ist jeder, der im Ort regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs ist. Allerdings müssen in der Kategorie der Kommunen mit 20 000 bis 50 000 Einwohnern mindestens 50 Bewertungen für einen Ort eingehen, damit dieser im Ranking erscheint. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1024 Städte und Gemeinden in Deutschland bewertet, 415 davon in der gleichen Größenordnung wie Dachau und Karlsfeld. Die insgesamt beste Note erhielt die kleine Gemeinde Wettringen nordwestlich von Münster, nämlich 1,96. Unmittelbare Nachbarn von Dachau und Karlsfeld schlugen sich ähnlich wie die beiden Landkreiskommunen: Die Landeshauptstadt bekam die Note 3,8, Fürstenfeldbruck schaffte nur eine 3,9, Oberschleißheim immerhin eine 3,6.

© SZ vom 27.03.2021
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