Ausweichorte für KulturJazzgrößen vor Bildern statt auf der Bühne

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Jazz trifft Kunst: „Rokc Music“ mit Chris Pitsiokos (Altsax), Kalle Kalima (Gitarre), Oli Steidle (Schlagzeug) und Gitarrist Ronny Graupe in Richard Wurms „Kunstwerken“.
Jazz trifft Kunst: „Rokc Music“ mit Chris Pitsiokos (Altsax), Kalle Kalima (Gitarre), Oli Steidle (Schlagzeug) und Gitarrist Ronny Graupe in Richard Wurms „Kunstwerken“. Toni Heigl
  • Der Dachauer Jazz e.V. hat nach der Schließung der Kulturschranne sein neues Zuhause in Richard Wurms Künstleratelier „Kunstwerke Dachau“ gefunden.
  • Der Verein hat in knapp 30 Jahren internationale Jazzgrößen wie Peter Brötzmann, Ken Vandermark und Carla Bley nach Dachau geholt.
  • Die Frühjahrsreihe 2025 startet am 30. Januar mit KUU! und umfasst vier Konzerte bis April mit zeitgenössischem Jazz und Avantgarde.
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Interimsquartiere retten die Kultur. Bestes Beispiel ist der Jazz e.V. in Dachau: Seine Konzerte hat der Verein in ein Künstleratelier verlegt. Und es funktioniert erstaunlich gut.

Von Andreas Pernpeintner, Dachau

Die Münchner lieben ihre Isarphilharmonie. Den industriellen, zugleich erhabenen Charme ihres vielstöckigen Foyers, das Wissen darum, wie schnell und verhältnismäßig preisgünstig sie erstellt wurde, die gute Akustik im mit dunklem Holz verkleideten Konzertsaal. Interimsquartiere retten die Kultur. So ist es in München. So ist es in Dachau. Als sich eine jahrelange Schließung der städtischen Kulturschranne wegen Renovierungsarbeiten abzeichnete, machten sich Dachauer Kulturschaffende auf die Suche nach einem neuen Zuhause. Damit nicht sterbe, was sich über Jahre, auch dank der Kulturschranne, entwickelt hatte: ein vielschichtiges Dachauer Musikleben verschiedenster Stile und unterschiedlichster Akteure, von der lokalen Amateurband bis hin zu internationalen Profis, die in Dachau Station machen.

Den Raum, der nun zu einem der wichtigsten Dachauer Musikorte geworden ist, hätte früher kaum jemand auf dem Schirm gehabt: die Kunstwerke Dachau, das Atelier des Dachauer Künstlers Richard Wurm in der Thomas-Schwarz-Straße. Volker Widmann, Vorsitzender des Dachauer Jazz e.V., schwärmt von diesem Raum, von seiner Akustik, davon, wie Musik und die großformatigen Bilder Richard Wurms zusammenwirken. Vor allem aber schätzt er, dass hier „alles im wörtlichen Sinn auf einer Ebene stattfindet“. Es gebe ja keine Bühne, so sei das Publikum besonders nahe an der Musik dran, entstehe ein enges Miteinander von Zuhörern und Akteuren.

Wie kaum eine andere musikalische Institution in Dachau ‒ nur die Schlosskonzerte und der Dachauer Musiksommer sind noch zu nennen ‒ steht der Jazz e.V. als Veranstalter für ein überregionales und sogar internationales Renommee Dachaus als Musikstadt. Wen haben die Jazz-Enthusiasten für sich und das treue Publikum, das Freude daran hat, sich auf zeitgenössische Jazzmusik einzulassen, schon alles hierher gelotst! Einst ins kleine Café Teufelhart, dann über viele Jahre in die Kulturschranne, jetzt, nach einem zweiten Neubeginn, in Richard Wurms Kunstwerke: Peter Brötzmann und das Zentralquartett, die großen Vertreter der frei improvisierten Musik in Deutschland. Internationale Größen wie den New Yorker Saxofonisten und Klarinettisten Ken Vandermark, den schwedischen Saxofon-Actionstar Mats Gustafsson, den in subtile Klangforschung verliebten Gitarristen Elliott Sharp, die legendäre amerikanische Pianistin Carla Bley, den Fusion-Musiker Ben LaMar Gay, erst im vergangenen Dezember den Saxofonisten Mark Turner. Oft war es für diese Stars bedeutsam, mit ihrer Musik in Dachau als geschichtlichem Lernort aufzutreten ‒ vom Team des Jazz e.V. liebevoll umsorgt.

Die vergangenen knapp 30 Jahre mit dem Verein lesen und hören sich wie ein internationales Jazzlexikon der Moderne. Mal leise und akustisch, mal klassisch instrumentiert, mal elektronisch experimentell, mal mit der Wucht rockmusikalischer Klangverstärkung wie bei Steamboat Switzerland oder dem Panzerballett. „Free the Jazz“ lautet das Glaubensbekenntnis des Jazz e.V.

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Das Dachauer Kapitel des internationalen Jazzlexikons wird auch in diesem Jahr fortgeschrieben. Am kommenden Freitag, 30. Januar, eröffnet die Formation KUU! mit Rockgestus und an Frank Zappa erinnernder, feingliederiger, komplex verwobener Klangentfesselung eine hinreißende Frühjahrsreihe. Zwei E-Gitarren und ein Schlagzeug bilden die Basis für die Gesangperformance von Frontfrau Jelena Kuljić. Rund einen Monat später sind am 28. Februar Nathan Ott Continuum zu Gast: klanglich liebevoll und detailreich ausgestalteter Akustikjazz mit Schlagzeug, Kontrabass und zwei Saxofonen. Für das Album „Continuum“ gab es 2025 den Preis der deutschen Schallplattenkritik.

Zeitgenössische Avantgarde und Freejazz

Der Bassist Barry Guy ist Stammgast im Dachauer Jazzclub. Am 15. März kommt er zusammen mit der Pianistin Jordina Millà und dem Schlagzeuger Lucas Niggli nach Dachau. An diesem Abend wird zu erleben sein, was Improvisation bedeuten kann, wenn drei derart versierte Musizierende zusammen agieren und mit Lust die etablierten Rollenmuster der traditionsreichen Klaviertrio-Besetzung auf den Kopf stellen. Der Auftritt des norwegischen Bläserquintetts „Dafnie“ (Saxofon, Trompete, Posaune, Bass und Schlagzeug) um Bandleaderin und Saxofonistin Amalie Dahl am 10. April ist der Schlusspunkt der diesjährigen Frühjahrsreihe. Zeitgenössische Avantgarde und Freejazz alter Schule, eine kompositorisch fixierte Struktur und deren improvisierte Ausschmückung vereinen sich hier zu einer intensiven, dichten Klangsprache.

Beginn ist jeweils um 20 Uhr, Einlass von 19 Uhr an, Kunstwerke Dachau, Thomas-Schwarz-Straße 22. Der Eintritt kostet 25 Euro. Weitere Informationen unter www.jazzev.com

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