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Jagdschutzverein Dachau:Immer mehr Frauen gehen auf die Jagd

Barbara Karcher geht regelmäßig zur Jagd.

(Foto: Privat)

Es ist keine Männerdomäne mehr, Wild zu erlegen. Durch die Wälder ziehen immer mehr Jägerinnen. Der Frauenboom hat viele Gründe.

Eine der letzten Männerdomänen fällt: Immer mehr Frauen drängt es zur Jagd. "Das ist erfreulich", sagt Barbara Karcher. Sie ist Pionierin im Landkreis Dachau. Seit 24 Jahren schleicht die Pullhausenerin schon durch die Wälder, beobachtet Tiere und Natur - am liebsten vor Sonnenaufgang. Selbstverständlich macht sie auch mal Beute. "Das gehört dazu", sagt sie. Jahrzehntelang war Karcher die einzige Frau - gerade bei den großen Bewegungsjagden im Herbst. Blöde Sprüche habe sie von ihren männlichen Kollegen nie hören müssen, sagt die 58-Jährige. "Nur Frotzeleien, aber keine frauenfeindlichen."

Dass nun immer mehr junge Frauen zum Gewehr greifen und die Reviere erobern, gefällt ihr. Von 500 Jägern im Verband sind inzwischen 15 bis 20 Prozent Frauen, sagt der Vorsitzende des Dachauer Jagdschutz- und Jägervereins, Ernst-Ulrich Wittmann.

Der "Frauenboom" hat vor fünf Jahren eingesetzt

Der "Frauenboom" hat vor etwa fünf Jahren eingesetzt, sagt Karcher. Damals hat der Vorstand des Dachauer Jägervereins beschlossen, die Werbetrommel zu rühren, die Homepage attraktiv zu gestalten und sich als verkannter Naturschutzverband ins Spiel zu bringen. Es war wohl eine dringende Notwendigkeit, denn den Jägern fehlte der Nachwuchs. "Wir hatten einen Altersdurchschnitt von etwa 70 Jahren", erinnert sich Karcher. Doch der Verein schaffte mit seinem Engagement die Trendwende. Es kamen viele junge Leute und mit ihnen auch Frauen. "Jedes Jahr sind es etwa 30 bis 40 Neue", bestätigt Wittmann. "Wir haben momentan 1200 Jagdscheininhaber im Landkreis." Etwa 20 Prozent von ihnen kommen aus München. Es seien Leute, die sich danach sehnten, außerhalb der städtischen Strukturen die Natur zu erleben. Dass der Jagdverband derzeit so gefragt ist, dazu habe auch das Volksbegehren für den Artenschutz beigetragen, sagt Wittmann. Wer jetzt stutze, verkenne, dass Jäger nicht nur schössen, sondern vor allem die Wälder und Flure hegten und pflegten, damit sich die Tiere dort wohl fühlten, erklärt der Verbandsvorsitzende. "Ohne artgerechte Biotope könnte das Niederwild - also Hasen, Fasane und Rehe - nicht überleben."

Die 19-jährige Laura Zetterer hat ihren Jagdschein im März gemacht. "Ich war eine der Jüngsten", sagt sie. Im Mai zur Bockjagd war sie drei Mal in der Woche im Wald, auch jetzt im Sommer liebt sie es, vom späten Nachmittag bis zum letzten Büchsenlicht auf dem Ansitz zu hocken. "Es geht nicht nur darum, Beute zu machen und Abschusspläne zu erfüllen", sagt sie. Das Naturerlebnis steht für sie im Vordergrund. "Dort kann ich abschalten. Das Handy weglegen, entschleunigen." An den Tagen, an denen sie stundenlang auf ihrem Jägerstand sitzt und sich kein einziges Tier zeigt, lerne sie, geduldig zu sein, sagt Zetterer. Aber es gibt auch andere Tage, die Brunft im Sommer zum Beispiel, wenn die Rehböcke die Geißen treiben - ein Fortpflanzungsritual und Schauspiel, das man nur selten zu sehen bekommt. Zetterer schwärmt. Sie ist mit der Jagd aufgewachsen, obwohl sie aus Obermenzing kommt. "Mein Opa war Jäger, mein Vater hat ein Revier in Sulzemoos und auch meine Mutter ist Jägerin." Schon als Kind war sie oft dabei. Nach dem Abitur hat sie sich nun ihren Traum erfüllt, selbst zu jagen.

Laura Zetterer.

(Foto: Privat)

Auch Ramona Pohl von der Stöberhundgruppe Dachau war schon als Jugendliche mit ihrem Vater auf Jagd und so begeistert, dass sie schon früh wusste, dass sie Jägerin werden will. Inzwischen ist die 37-Jährige sogar Hundeführerin. Ein nicht ganz ungefährlicher Job und je nach Gelände auch sehr anstrengend. Denn die Hunde stöbern das Wild auf, der Mensch muss hinterher, oft über weite Strecken. Bei verletzten Wildschweinen kann es schon mal passieren, dass die Tiere wütend aufstehen und auf den Jäger zu rennen. Da sind starke Nerven und gute Zielsicherheit gefragt.

Doch was reizt sie so sehr daran? "Für mich ist es das Schönste, das eigene Fleisch zu erjagen", sagt Pohl. "Wenn mein Wild auf dem Teller liegt, weiß ich, es ist nicht gequält oder weit herumgekarrt worden." Auch Karcher schwärmt vom Wildbrett: "Feinstes Biofleisch, selbst aufgebrochen und zerlegt. Das Fell aus der Decke geschlagen." Zetterer gibt zu: "Am Anfang kostet es schon ein wenig Überwindung." "Es gehört dazu, dass man es selbst versorgt, anständig behandelt und selbst isst", erklärt die Pullhausenerin. Das Beutemachen sei aber eher für Männer der Hauptgrund, auf die Jagd zu gehen. Doch auch die Frauen sind "stolz, wenn sie ein Stück erlegt haben". "Es ist ein Urinstinkt", sagt Zetterer.

Ramona Pohl.

(Foto: Privat)

Männer und Frauen verhalten sich anders, wenn es darum geht, Wild zu erlegen. Darin sind sich die drei Jägerinnen einig. "Frauen sind sorgfältiger, wenn sie einen Schuss abgeben", hat Karcher festgestellt. "Sie drücken erst ab, wenn sie hundertprozentig sicher sind, dass das Tier dann auch mausetot umfällt." Männer seien indes schneller am Abzug. "Wie in allen Bereichen ist der weibliche Touch gut", findet Pohl. "Wir haben mehr Einfühlungsvermögen und die Zuverlässigkeit ist auch besser als bei Männern." Die meisten Jagdgesellschaften seien deshalb froh, wenn Damen dabei sind. "Die Frauen kommen mit viel Energie und Überzeugung und setzen sich sehr ein", lobt Jagdvereinschef Wittmann. Nur ein einziger Mann habe in den 17 Jahren, in denen sie schon mit von der Partie ist, ihr großen Argwohn, ja Ablehnung entgegengebracht, erzählt Pohl.

"Früher mussten wir mit kleinen Herrengrößen vorlieb nehmen"

Es sind die verschiedensten Frauen, die ihre Leidenschaft für die Jagd entdeckt haben: "Sie kommen aus allen Schichten. Von der Bürokauffrau bis zur Akademikerin, von der Mutter bis zur Studentin. Es ist der Querschnitt der Gesellschaft", sagt Wittmann. Bei weitem nicht alle sind in Jägerfamilien aufgewachsen oder haben Freunde, die sie mal auf die Pirsch mitgenommen haben. Einige kommen, weil sie ihrem Hund das Jagen ermöglichen wollen. Bei anderen ist der Naturschutzgedanke oder eben die Selbstversorgeridee im Vordergrund.

Die Jagdausstatter haben die neue Kundschaft übrigens auch schon für sich entdeckt. "Früher mussten wir mit kleinen Herrengrößen vorlieb nehmen. Es sah immer aus, als hätten wir einen Sack umgebunden. Doch seit ein paar Jahren gibt es todschicke Jacken, Hosen und Blusen", freut sich Karcher. Zwar ist die Auswahl noch nicht so groß, wie bei den Herren, aber die Jägerinnen sind zuversichtlich. Auch leichtere Waffen mit kürzerem Schaft und geringerem Rückstoß werden inzwischen extra für Frauen angeboten. "Nur für linkshändige Frauen gibt es immer noch nichts", sagt Karcher. Aber die Branche hat begonnen, sich umzustellen.