Interview:"Früher haben wir mehrere Hundert geschossen, vergangenes Jahr waren es sechs"

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Interview: Ernst-Ulrich Wittmann, der Vorsitzende des Jagdschutz- und Jägervereins Dachau, wünscht sich mehr Raum für das Niederwild.

Ernst-Ulrich Wittmann, der Vorsitzende des Jagdschutz- und Jägervereins Dachau, wünscht sich mehr Raum für das Niederwild.

(Foto: privat)

Der Jagdschutz- und Jägerverein Dachau schlägt Alarm: Hasen, Rebhühner und Fasane werden immer weniger. Warum, erklärt Vorsitzender Ernst-Ulrich Wittmann.

Interview von Alexandra Vettori

SZ: Auf der jüngsten Jahreshauptversammlung Ihres Vereins war auch Thema, dass einige Wildtierarten trotz ausgesetzter Jagd kaum noch vorkommen. Um welche Arten handelt es sich?

Ernst-Ulrich Wittmann: Um Niederwild, also Hasen, Kaninchen, Rebhühner, Fasane. Beim Rebhuhn zum Beispiel ist die Jagd quasi ausgesetzt, sie ist zwar noch nicht verboten, es wird praktisch aber fast nicht mehr gejagt, weil es so wenige geworden sind. Früher haben wir im Landkreis jährlich mehrere Hundert geschossen, vergangenes Jahr waren es sechs. Bei den Hauptniederwildarten, also Hase, Fasan, Kaninchen und Rebhuhn, reden wir von einem Rückgang in den vergangenen 20 Jahren auf zehn Prozent des früheren Bestands, teilweise weniger als zehn Prozent.

Was ist die Ursache?

Es fehlen die Lebensräume, Brachflächen, Hecken, Wiesen, als Nahrungsquelle, vor allem aber als Rückzugsflächen, besonders während der Brutzeiten. Gründe sind der Flächenfraß, der Freizeitdruck und die industrialisierte Landwirtschaft. Wenig Wald, rund 15 Prozent der Fläche, hatten wir im Landkreis Dachau schon immer. An den Flächenverhältnissen hat sich nicht viel verändert. Es sind die fehlenden natürlichen Strukturen. Man hat zum Beispiel deutlich gemerkt, als 2009 Brachflächenprogramme der EU aufgehoben wurden. Momentan ist die Kitzrettung Thema in vielen sozialen Medien. Aber auch das Rebhuhn wird bei der Wiesen-Mahd in Mitleidenschaft gezogen, es ist, wie der Fasan, Bodenbrüter. Da werden die Nester zum Beispiel auch ausgemäht, wie bei Hasen.

Sehen Sie ein Umdenken? Man weiß ja nun schon länger, dass die moderne Landwirtschaft Hauptursache für den Artenschwund ist.

Nein, leider nicht. Aktuell geht es wegen der Nahrungsmittelknappheit durch den Ukraine-Krieg wieder darum, auf Brachflächen Ackerbau zu betreiben. Das ist verständlich, aber das hat eben auch zur Folge, dass die Lebensräume für Wildtiere noch weniger werden.

Was könnte und sollte getan werden, um dem Niederwild-Schwund entgegen zu wirken?

Es bräuchte mehr Brachflächenprogramme, Greening, auch Randstreifen bringen etwas. Zumindest dann, wenn sie nicht publikumswirksam an Straßen und Wegen stehen, sondern dort, wo sich das Wild wirklich darin zurück ziehen kann.

Ist der Umzug in die Stadt die Lösung für Wildtiere, so wie es Fuchs, Wildschwein und Dachs vormachen?

Nein, das sind typische Kulturfolger, die suchen Nahrung gegebenenfalls auch in der Stadt. Ein Rebhuhn wird nicht dorthin kommen, das ist in Sachen Habitat und Lebensraum wesentlich anspruchsvoller.

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