Ivan und Mariia Yatshyha sind von Geburt an blind. Seit drei Jahren leben sie in Deutschland, nachdem sie 2022 aus ihrer Heimatstadt Lwiw in der Ukraine vor dem Krieg fliehen mussten. „Der Krieg kam sehr unerwartet. Wir haben einen Sohn – seinetwegen konnten und wollten wir nicht bleiben“, erklärt Mariia Yatshyha.
Nach ihrer Ankunft in Deutschland haben sie zunächst für vier Monate bei Freunden in Unterschleißheim gewohnt, die Ihnen auch dabei halfen, eine eigene Wohnung zu finden. In Deutschland benötigt man für einen beruflichen Einstieg mindestens das Sprachniveau B1. Mariia, die aus einer Lehrerfamilie stammt, hat bereits in der Schule Deutsch gelernt, während Ivan sich die Sprache teils privat beigebracht hat. Einen barrierefreien Sprachkurs zu finden, war für das Ehepaar jedoch eine große Herausforderung. „Die meisten Sprachschulen bieten keine inklusiven Kurse an oder scheuen den zusätzlichen Aufwand“, sagt Andreas Kluth, Standortleiter des Instituts für Personaltraining und Beratung in Dachau.
Lernen ohne Barrieren
Ein spezialisiertes Sehzentrum in Würzburg bietet zwar inklusive Sprachkurse an, kam für das Ehepaar jedoch nicht infrage. „Unser Sohn geht in Haimhausen zur Schule, wir können ihn nicht einfach allein lassen“, erklärt Mariia Yatshyha. Nach langer Suche und vielen Absagen wurde das Ehepaar schließlich auf das Institut für Personaltraining und Beratung in Dachau aufmerksam, wo ihnen die Teilnahme am Sprachunterricht ermöglicht wurde.
Ivan und Mariia haben an den regulären Kursen mit anderen Teilnehmern teilgenommen – eine Herausforderung sowohl für die beiden als auch für die Lehrpersonen am Institut, die zuvor noch nie sehbehinderte Personen als Kursteilnehmer hatten. „Wir haben die zwei sehr gut in unseren Kurs mit Kursleiterin Konstanze Kühnlenz integriert, sie ist sehr geduldig“, erklärt Kluth. Kühnlenz hat dem Ehepaar barrierefreies Lernmaterial auf einem USB-Stick zur Verfügung gestellt, welches Ivan und Mariia vor den Kurseinheiten mithilfe eines speziellen Computerprogramms anhören konnten. „Nicht digital verfügbares oder barrierefreies Unterrichtsmaterial hat Kursleiterin Kühnlenz vorgelesen und bis ins Detail erklärt“, erzählt Mariia Yatshyha.
Barrierefreie PDFs sind so strukturiert, dass sie mit einem Screenreader, einem speziellen Computerprogramm, gelesen oder auf einer Braillezeile ausgegeben werden können. Die Benutzer können hierbei mit ihren Fingerkuppen die veränderlichen Zeichen abtasten. In der Ukraine haben Ivan und Mariia in diesem Bereich gearbeitet. Sie haben die Barrierefreiheit von Webseiten getestet. Mariia plant, diesen Beruf in Deutschland fortzuführen. Ivan, der in der Ukraine Sprache und Literatur studiert hat, kann sich auch eine Zukunft als Lehrer vorstellen. „Ich liebe es, zu lernen, das bereitet mir wirklich Spaß“, sagt er. In ihren vorherigen Jobs hat das Ehepaar bis Mitte 2024 im Home-Office gearbeitet, dann entschieden sie, sich vollständig auf den Sprachkurs zu fokussieren, um in Deutschland besser Fuß zu fassen.
Herausforderungen im Alltag
„Als sehbehinderte Menschen benötigen wir viel mehr Kommunikation als andere Menschen, in unserem Fall geht es immer um gute Sprachkenntnisse und Kommunikation mit anderen Menschen, Aufgaben bekommen wir mündlich gestellt“, erzählt Mariia über die Motivation, den Sprachkurs zu absolvieren. Doch der Alltag in Deutschland bringt viele Herausforderungen mit sich. Besonders der bayerische Dialekt bereitet ihnen Probleme. „Die Menschen hier sprechen bayerisch, das ist manchmal sehr schwer zu verstehen“, meint Mariia. Auch bürokratische Abläufe sind kompliziert. „In der Ukraine läuft vieles digital, in Deutschland kommt alles per Post, und wir müssen handschriftlich unterschreiben – das ist für uns unmöglich“, erzählt Ivan. Sie sind deshalb oft auf die Hilfe von Freunden und Verwandten angewiesen.
Ein weiteres Problem stellt der öffentliche Nahverkehr dar: „Ich habe versucht, den Türöffner der S-Bahn finden, aber der macht im Gegensatz zur Straßenbahn keine Geräusche – die S-Bahn fuhr mir vor der Nase weg“, berichtet Mariia. U-Bahnen senden zwar elektrische Signale, doch diese gehen im Umgebungslärm oft unter.

Erfolg mit Vorbildwirkung
Trotz aller Herausforderungen haben Ivan und Mariia ihre Sprachprüfung bestanden – Ivan auf B1-, Mariia sogar auf B2-Niveau, beide mit sehr gutem Erfolg. Drei Monate lang haben sie sich intensiv auf die sechsstündige Prüfung, die aus Hör-, Seh- und Schreibverständnis besteht, vorbereitet. Ihr Engagement hat auch die anderen Kursteilnehmer beeindruckt. „Jeder hier hat Schlimmes erlebt, aber zu sehen, dass selbst sehbehinderte Menschen positiv in die Zukunft schreiten, hat viele inspiriert“, erzählt Andreas Kluth vom Institut für Personaltraining und Beratung. Das Ehepaar hofft, dass sie mit ihrem Abschluss nun auch bald in den deutschen Arbeitsmarkt einsteigen können.

