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Rassismus an Dachauer Schule:Antisemitischer Chat am Ignaz-Taschner-Gymnasium

Eigentlich eine bayerische Vorzeigeeinrichtung: Das Ignaz-Taschner-Gymnasium trägt den Titel "Schule ohne Rassismus".

(Foto: Toni Heigl)

Schüler schicken sich über Whatsapp Bilder mit rassistischer und judenfeindlicher Hetze. Das Landeskriminalamt beschäftigt sich mit den Vorfällen. Der Schulleiter spricht von "unglaublicher Naivität" der Jugendlichen.

Das Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau ist eine bayerische Vorzeigeeinrichtung: Seit elf Jahren schon trägt es den Titel "Schule ohne Rassismus", inzwischen wurde das Gymnasium auch zur "Botschafterschule des Europäischen Parlaments" ernannt. Entsprechend hoch ist der pädagogische Anspruch: "Werteerziehung steht gleichberechtigt neben der Wissensvermittlung", heißt es in der "Schulvereinbarung". Das gelingt jedoch offenbar nicht immer. Über Whatsapp verschickten Schüler einer zehnten und einer neunten Klasse im Klassenchat seit Monaten Bilder - sogenannte Sticker - mit antisemitischer und rassistischer Hetze. Schulleiter Erwin Lenz bestätigte der SZ die Vorfälle; der erste wurde im Dezember 2019 bekannt. Lenz hat sofort das Landeskriminalamt München eingeschaltet. Auch der Disziplinarausschuss der Schule beschäftigte sich damit. Anzeige hat Schulleiter Lenz jedoch nicht gestellt, "noch nicht", wie er betont.

In einem ganz ähnlichen Fall im Gymnasium in Grafing (Landkreis Ebersberg) flog im November 2019 der Klassenchat einer neunten Klasse auf, in dem üble antisemitische Hetze verbreitet worden war. In diesem Fall aber ermittelt die Staatsanwaltschaft München II. Polizeibeamte kamen an die Schule und konfiszierten Schülerhandys. Wie Schulleiter Lenz sagte, hätten polizeiliche Ermittlungen für die betroffenen Schüler zwischen 13 und 16 Jahre "erhebliche Konsequenzen". Eine Anzeige werde die Schule dann stellen, "wenn es so weiter ginge". "Zurzeit, seit 14 Tagen, hat sich alles beruhigt", sagt Erwin Lenz.

Sticker mit SS-Runen und Hitler am Gasherd

In Grafing hatten Schüler selbst den rechtsextremen Klassenchat aufgedeckt. Wie er in Dachau aufflog, will Schulleiter Lenz nicht sagen. "Es ist uns zugetragen worden." Er meint nur, dass die Schüler immer glaubten, sie würden in einem geschlossenen Kreis kommunizieren. Doch gebe es glücklicherweise noch Eltern, die darauf achteten, was ihre Kinder per Whatsapp alles austauschten. Es waren Sticker, die unter anderem SS-Runen zeigen, den Hitlergruß oder eine Abbildung Hitlers mit Kochtopf und Gasherd. Lenz aber betont: Man habe in den Gesprächen mit den betreffenden Jugendlichen "keinerlei politischen Hintergrund" feststellen können. Sie handelten nach seiner Einschätzung aus einem pubertären Antrieb, als sie sich derartige Sticker aus dem Internet runterluden und verbreiteten. "Es ist Mode geworden, dass man solche Sticker witzig findet und weiter verbreitet."

Schulleiter Lenz hat sofort, wie er sagt, das Landeskriminalamt eingeschaltet. Ein Beamter hat die Schüler bei drei Besuchen über die nationalistische Verherrlichung in den sozialen Medien und im Internet aufgeklärt. Auch darüber, dass die Verbreitung verfassungswidriger Symbole wie Hitlergruß oder SS-Runen eine Straftat darstellt. Der Kriminalbeamte wird demnächst auch noch die Lehrkräfte des Taschner-Gymnasiums in einer verpflichtenden Fortbildungsveranstaltung über den Umgang mit extremistischen Inhalten im Netz aufklären und beraten. Die Aufklärung, die der Beamte biete, sei "erste Sahne", sagt der Schulleiter.

In den Gesprächen, die der Disziplinarausschuss der Schule mit ihnen führte, hätten sich die Schüler sehr betroffen und einsichtig gezeigt. Er, so Lenz, habe eine "unglaubliche Naivität" bei den Betreffenden festgestellt. Der Schulleiter lobt ausdrücklich die Zusammenarbeit mit den Eltern. "Das war sehr gelungen." Lenz hatte die Eltern per E-Mail über die Vorgänge informiert und sie gebeten, mit ihren Kindern darüber zu reden, was verbreitet werden dürfe und was nicht, und auch "ab und zu die Chat-Verläufe zu kontrollieren". In dem Elternbrief heißt es: Durch die Verbreitung "verbotener Symbole nationalsozialistischer Prägung" würden die Kinder Gefahr laufen, in Kontakt mit den Ermittlungsbehörden zu kommen. Für den 10. März hat nun auch der Elternbeirat eine Informationsveranstaltung in der Schule angesetzt.

Die Maßnahmen, die der Disziplinarausschuss gegen die Schüler verhängte, wollte Erwin Lenz nicht preisgeben. "Da sind wir zum Schweigen verpflichtet." Nach Informationen der SZ sollen mindestens drei Schüler zu einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau verpflichtet worden sein. Zu einem zusätzlichen Besuch, denn von der neunten Klasse an besuchen die etwa 1200 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums die Gedenkstätte in Dachau ohnehin.

Mindestens drei Schüler sollen zu einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau verpflichtet worden sein

Die rassistischen und antisemitischen Nazisticker über Whatsapp sind an deutschen Schulen weit verbreitet. Aber ausgerechnet an einer Schule in Dachau: Im Konzentrationslager Dachau waren zwischen 1933 und 1945 mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, mehr als 41 000 Häftlinge überlebten den Terror nicht oder wurden von der SS ermordet. Das gibt dem Vorfall in der Stadt Dachau, die sich als Lern- und Erinnerungsort versteht, besondere Brisanz. Schüler des Taschner-Gymnasiums nehmen immer wieder an Gedenkveranstaltungen teil. Zuletzt, am 16. Februar, spielte ein Streichquartett der Schule in der Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte, als an die Opfer eines Brandanschlages auf das jüdische Altenheim im Jahr 1970 erinnert worden ist. Die Schule richtet auch selbst viele Veranstaltungen zu zeitgeschichtlichen Themen aus.

Der Vorfall in Grafing erregte großes Aufsehen, weil die Schule kurz davor stand, nach dem Namen des Zeitzeugen Max Mannheimer benannt zu werden. Der langjährige, 2016 verstorbene Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau hatte an der Schule viele Jugendliche über die Schoah aufgeklärt. Die antisemitische Hetze am Taschner Gymnasium steht auch in krassem Gegensatz zu den erklärten Zielen der Schule: "Besonders wichtige Werte sind uns allen Ehrlichkeit, Offenheit, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit, Toleranz, gewaltfreie Konfliktlösung, Solidarität, Umweltbewusstsein und Zivilcourage." "Da ist man schon betroffen", sagt Lenz, auch wenn Schulen ein Abbild der Gesellschaft seien. Er gehe, so Lenz, nicht mit Scheuklappen durch die Welt - in einer Schule mit 1200 Schülern gebe es alles. Deshalb setze er mit den Lehrkräften und den Eltern schon lange auf Prävention.

Es soll aber nicht der einzige Vorfall gewesen sein. Informationen der SZ zufolge soll ein Schüler durch das Zeigen des Hitlergrußes aufgefallen sein, einmal sogar einen anderen durch körperliche Gewalt gezwungen haben, den Hitlergruß zu machen. Dieser Schüler wechselte jedoch vom Gymnasium auf die Realschule. Schulleiter Lenz bestätigt das nicht: "Davon habe ich nie etwas gehört."

© SZ vom 27.02.2020
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