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Holocaust-Gedenktag:"Das hat mich fassungslos gemacht"

Kommunalpolitiker nehmen an der virtuellen Gedenkfeier in Auschwitz teil. Gedenkstättendirektor Piotr Cywiński erinnert an die jüdischen Kinder. Redner verurteilen die zynischen Vergleiche der Corona-Leugner mit der Shoah.

Von Helmut Zeller und Thomas Radlmaier

Kommunalpolitiker in Stadt und Landkreis Dachau haben der Opfer des Nationalsozialismus am Internationalen Holocaust-Gedenktag gedacht - wegen der Corona-Pandemie nahmen Kreisräte virtuell an der Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz teil. Der Dachauer Stadtrat erhob sich am Mittwochabend zu einer Schweigeminute. Die Viktoria-von-Butler-Stiftung gedachte auch der Opfer von Schönbrunn und kritisierte mit scharfen Worten die "Querdenker"-Demonstranten, ihre zynischen Vergleiche mit der Shoah und die Verhöhnung der Opfer.

Während das öffentliche Leben seit Beginn der Pandemie immer wieder runtergefahren werden muss, hat der Hass in der Seuche Hochkonjunktur. Mittwochabend. Es ist kurz nach 18 Uhr, als sich im Ludwig-Thoma-Haus die Stadträte von ihren Plätzen erheben und die Stühle nach hinten rücken. Später diskutieren sie in dieser Stadtratssitzung über die Bayerische Bauordnung oder Besetzung des Ferienausschusses. Doch jetzt steht jeder der 40 Stadträte vor einem Einzeltisch und hört zu. Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) spricht durch die FFP2-Maske ins Mikrofon. Er verweist auf das zunehmende Erstarken von Rassismus und Antisemitismus. Er sagt, in Zeiten, in denen sich Menschen auf Demonstrationen Judensterne anheften oder sich mit Widerstandskämpfern wie Sophie Scholl vergleichen würden, "weil sie eine Maske tragen müssen", in diesen Zeiten, sagt Hartmann, "ist Erinnern wichtiger denn je". Dann erfüllt Stille den Saal im Ludwig-Thoma-Haus.

Corona und dessen Auswirkungen bestimmen diesen Holocaust-Gedenktag im Jahr 2021. Zum ersten Mal seit der Unterzeichnung der Partnerschaft zwischen den Landkreisen Dachau und Oświęcim im Jahre 2015 ist keine Delegation des Kreistags nach Polen gefahren, um an den Gedenkveranstaltungen zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz teilzunehmen. "Schmerzlich vermisse ich die Möglichkeit, gemeinsam mit unseren polnischen Freunden den Jahrestag zu begehen. Die freundlichen Begegnungen zwischen den Polen und den Deutschen, dem Volk der Täter der größten Schande in der Menschheitsgeschichte, waren und sind für mich jedes Mal ein Geschenk", sagte die Partnerschaftsbeauftragte, Kreisrätin Marese Hoffmann (Grüne).

Die sonst aus der ganzen Welt anreisenden Delegationen fehlten. "Trotzdem waren wir dabei", sagt Landrat Stefan Löwl (CSU). "Unsere Partner vom Landratsamt Oświęcim haben in unserem Namen einen Kranz am zentralen Platz der Stadt niedergelegt. Diese Geste betont die enge Verbundenheit zwischen uns". Landrat und Partnerschaftsbeauftragte haben auch an der virtuellen Zeremonie in der Gedenkstätte Auschwitz teilgenommen.

Die diesjährige Feier war dem Schicksal der Kinder in dem Konzentrations- und Vernichtungslager gewidmet. Nach Schätzungen seien mindestens 232 000 Kinder und Jugendliche nach Auschwitz deportiert, die meisten von ihnen Juden. Mehr als 200 000 von ihnen wurden dort ermordet, heißt es in der Pressemitteilung des Landratsamtes Dachau. "Diese Kinder waren vollkommen unschuldig, gut, neugierig auf das Leben, voller Liebe für ihre Nächsten und voller Vertrauen. Dies kann durch keine Ideologie, Berechnung oder Politik gerechtfertigt werden", sagte der Direktor der Gedenkstätte, Piotr Cywiński. "Das Schicksal dieser Kinder hat mich fassungslos gemacht. Die Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden, ungefähr eine halbe Million davon waren Kinder - der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch (1903 - 1985), der in der Résistance kämpfte, hat für dieses Verbrechen gültige Worte gefunden: "Heute, wo die Sophisten uns das Vergessen empfehlen, werden wir nachdrücklich unser stummes und ohnmächtiges Entsetzen vor den Hunden des Hasses zum Ausdruck bringen; wir werden nachdrücklich an die Agonie der Deportierten ohne Bestattung und an die kleinen Kinder denken, die nicht zurückgekehrt sind. Denn diese Agonie wird dauern bis ans Ende aller Tage."

Er, so Cywiński, könne nur immer wieder die Botschaft von Marian Turski, einem Auschwitz-Überlebenden, wiederholen: Im vergangenen Jahr sagte der: "Du sollst nicht gleichgültig sein. Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen." "Dies soll für uns alle ein Leitprinzip sein", erklärte die Grünen-Fraktionssprecherin im Kreistag, Marese Hoffmann. Und auch Landrat Löwl betonte die Bedeutung für das hier und jetzt: "Heute erinnern wir uns gemeinsam, aber nicht nur mit dem Blick zurück, sondern auch mit einem klaren Bekenntnis und Auftrag für heute und morgen: Nie wieder!"

Viktoria-von-Butler-Stiftung gedenkt Opfer des Nationalsozialismus

Kränze liegen vor dem Mahnmal in Schönbrunn.

(Foto: Viktoria-von-Butler-Stiftung)

"Menschen vergleichen sich mit Sophie Scholl - das ist zynisch und geschichtsvergessen"

Mit einer corona-konformen Gedenkfeier mit Wortgottesdienst und anschließender Kranzniederlegung im kleinsten Kreis hat die Viktoria-von-Butler-Stiftung am Mittwoch an die Schönbrunner Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Stiftungsvorstand Markus Holl griff in seiner Rede im Anschluss an den Gottesdienst die Querdenken-Bewegung an, welche die Corona-Maßnahmen der Politik mit der NS-Politik vergleicht: "Menschen bezeichnen sich selbst als Widerstandskämpfer dieser vermeintlichen Corona-Diktatur und vergleichen sich mit Anne Frank oder Sophie Scholl. Das ist nicht nur selbstverliebt und egozentrisch-dumm, sondern auch zynisch und geschichtsvergessen. Das verachtet alle Menschen, die der Herrschaft der Nationalsozialisten zum Opfer fielen - Menschen, die anderer Meinung waren; Menschen, die einer anderen Religion zugehörten; Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht der Norm entsprachen."

Für Holl ist deshalb eine Erinnerungskultur wichtig, "zur Mahnung, damit nicht die Achtung der Anderen schleichend zur Ver-Achtung mutiert oder individuelle Fürsorge einem reibungslosen System zum Opfer fällt". Er mahnte aufgrund der Geschichte zur Verhältnismäßigkeit: "Trotz aller derzeitigen staatlichen - ich meine: notwendigen - Eingriffe sollten wir uns in Anbetracht unserer Geschichte davor hüten, von einer Diktatur zu sprechen. Und wenn Menschen diese 'Diktatur' noch auf Maskenpflicht, geschlossene Restaurants oder eingeengte Reisefreiheit beziehen, ist das nicht nur im wörtlichsten Sinn ein Luxus-Problem, sondern verharmlosend, absurd und zutiefst menschenverachtend."

Der Stiftungsvorstand schloss seine Rede mit einem Gedicht der Poetin Amanda Gorman ab, welches sie bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden vortrug. Trotz Bezug zur jüngeren amerikanischen Geschichte erschienen ihm einige Verse zeitlos und gäben im Kontext des heutigen Gedenkens eine neue Perspektive. Im Anschluss an den Gottesdienst legte neben dem Stiftungsvorstand auch Bürgermeister Dieter Kugler für die Gemeinde Röhrmoos einen Kranz am Schönbrunner Mahnmal nieder. An der Gedenkfeier nahmen Monika Pscheidl für die Seelsorge, Schwester Barbara März für die Franziskanerinnen von Schönbrunn und Florian Fischer für die Mitarbeitenden der Stiftung und des Franziskuswerks Schönbrunn teil. Der Kreis war wegen Corona sehr eingeschränkt.

Jedes Jahr am 27. Januar gedenkt die Viktoria-von-Butler-Stiftung der Opfer des Nationalsozialismus. In der Zeit von 1940 bis 1943 wurden 546 Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche, die damals in Schönbrunn wohnten, im Rahmen des sogenannten T4-Programms von den Nationalsozialisten umgebracht. Im Jahr 2012 wurde ein Mahnmal in Schönbrunn eingeweiht als ein Schritt zur Aufarbeitung der Nazivergangenheit, über die im Landkreis jahrzehntelang geschwiegen worden war.

© SZ vom 29.01.2021
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