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Mitten in Dachau:Willst du, Anastasia?

Das Banner hing an der ehemaligen Thoma-Schule.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ein Heiratsantrag in aller Öffentlichkeit erfordert Mut. Einem Liebeswerber in Dachau mangelt es daran erkennbar nicht

Kolumne von Emily Strunk

Geschmäcker sind verschieden. Dieses Prinzip gilt nicht nur bei der Debatte um die leckerste Eissorte oder bei der abendlichen Diskussion über das Filmprogramm. Während die Genialität manch eines blutigen Psychothrillers den einen geradezu in Verzücken über soviel Einfallsreichtum versetzt, wird ein anderer von einer Mischung aus Unbehagen und Horror zeitweise gepaart mit einem schleichend steigenden Gefühl der Fremdscham übermannt. Eine ähnliche Gefühlsachterbahn durchlebt so mancher, der von seinem Partner vor die Wahl einer Hochzeit gestellt wird. Die ganz große Geste in aller Öffentlichkeit gehört für manch einen zu dem Stoff, aus dem die schlimmsten Albträume gemacht sind - schlimmer als jeder Horrorfilm. Manch anderer sieht in der Form des Antrags jedoch den ultimativen Liebesweis und die schönstmögliche Art, ein gemeinsames Leben zu beginnen.

Wie mag das wohl eine gewisse Anastasia aus Dachau am vergangenen Wochenende gesehen haben, als sie ein Banner entdeckte, das dort explizit für sie aufgespannt wurde? Befestigt am Gerüst der ehemaligen Thoma-Schule und der zukünftigen Volkshochschule stand dort geschrieben: "Anastasia willst du meine Frau werden?" Das Banner hing dort gerade mal knappe 24 Stunden, was die Frage aufwirft: Wollte Anastasia? Oder wollte sie vielleicht lieber, dass das Banner schnell aus dem Sichtfeld aller anderen Bürger Dachaus verschwindet?

Letztlich ausschlaggebend für das sehnsuchtsvoll erwartete Ja als Antwort auf einen Heiratsantrag ist wohl doch die Person, die fragt - egal in welcher Form, ob groß, klein, kitschig, simpel, pompös, seltsam oder persönlich der Antrag letztlich ausfällt. Oder etwa nicht? Was sagst du dazu, Anastasia?

© SZ vom 22.07.2020

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