Wo in einigen Monaten Kinder im Planschbecken spielen sollen, stapft gerade der technische Leiter in festem Schuhwerk über den grauen Betonboden. Ein Sprung vom Dreimeterturm würde heute noch im Trockenen enden. In den Duschräumen immerhin ist schon die grün-bläuliche Fliesenfarbe zu erkennen. Das Dachauer Hallenbad soll im Herbst seine lang ersehnte Metamorphose von der Dauerbaustelle zum Badeparadies erfahren. Deutschlandweit hatte es Schlagzeilen gemacht durch Kostensteigerung und Bauverzögerung. Die Stadtwerke haben am vergangenen Samstag rund 280 Interessierten Zugang verschafft zu Dachaus politisch meistdiskutierten Bauprojekt.
Obwohl es von außen nach Stillstand aussieht, hat sich drinnen einiges getan: Seit 2023 ein neuer Architekt die Arbeit des in Ungnade gefallenen Vorgängers übernommen hat, wurde umgeplant und nachgebessert. Nach sieben Jahren Bau- und Planungszeit waren die Stadtwerke und Architekt Wolfgang Gollwitzer im Streit auseinandergegangen. Nachfolger Josef Prokopetz legte daraufhin erst mal eine Mängelliste vor, was alles repariert werden müsse.
Veit Eschenbach, der für das Architekturbüro Prokopetz für die Bauüberwachung im Hochbau zuständig ist, bezeichnet den Prozess der vergangenen drei Jahre als „Ertüchtigung der falschen Ausführung“. Die Erschließung sei vor allem über die Rückseite des Hallenbades gelaufen, weshalb Passanten bislang wenig Einblick gehabt hätten.
Zu den künftigen Besuchermagneten dürften wohl die zwei Rutschen gehören: Eine Turborutsche mit 34 Metern Länge und eine Familienrutsche mit 38 Metern Länge und LED-Beleuchtung sind inzwischen angeschlossen. Am Ende der Rutschpartie werde jeweils die Zeit gemessen. Dass Zeitmessungen die Badenden interessieren, zeigte sich auch an den Nachfragen der Dachauerinnen und Dachauer: Wie Stadtwerke-Pressesprecherin Cornelia Scheyerl mitteilt, hätten die Besucher bei den Baustellenrundgängen besonders nach den Gründen für die gestiegenen Kosten und die erheblich verzögerte Baudauer gefragt.


An vielen Details zeigen sich jetzt Veränderungen: Die Umkleide für Menschen mit Behinderung etwa wurde komplett neu geplant, sie sei in den ursprünglichen Plänen so nicht vorhanden gewesen, erklärt Ralf Stierhof von der Dachauer Firma Projektmanagement RST. Er hat schon die Neubauten der Hallenbäder in Freising und Penzberg betreut und zeigte sich bei dem Rundgang sichtlich erleichtert über den Architektenwechsel. Auch Stadtwerke-Chef Robert Haimerl sagt: „Es war viel Feinabstimmung nötig zwischen den Fassadenbauern und Fensterbauern“, etwa um Lücken in der Gebäudehülle zu schließen.
Im April soll nun erstmals Wasser in die Becken gefüllt werden – zunächst nur ein paar Handbreit hoch, um mögliche Haarrisse abdichten zu können. Der Eröffnungstermin im September sei realistisch, sagen die Beteiligten unisono, auch wenn unvorhersehbare Firmeninsolvenzen den Zeitplan noch ins Wanken bringen könnten.

Im Keller wird beim Rundgang unterdessen eine unterirdische Parallelwelt sichtbar: Rutschenpumpen, Schwallwasserbehälter und riesige Wasserfilter reihen sich aneinander. Obwohl manche der Gerätschaften bereits seit gut acht Jahren verbaut sind, habe ihnen der lange Stillstand während der Nachbesserungszeit nicht zugesetzt: Die Ventilatoren seien monatlich gedreht, andere Anlagen auf Korrosion geprüft worden, sagt Stierhof. „Die Anlagen sind wie neu, da ist nichts feucht.“
Ein Anti-Ertrink-System soll mit sechs Kameras das Freischwimmerbecken mithilfe künstlicher Intelligenz überwachen und sofort eine Warnung an die Schwimmmeister schicken, wenn ein Körper regungslos auf der Wasseroberfläche treibt. Auch Wlan und Medienkästen in den Taschenregalen wird es geben. Die rundum laufenden Wärmebänke seien für die Bauexperten eine besondere Herausforderung gewesen: Die elektrisch auf rund 30 Grad geheizte Fliesensitzfläche musste nahtlos abgedichtet und vom Holzbaukörper isoliert werden, damit keine Feuchtigkeit eindringen kann, erklärt Stierhof. Insgesamt sei das Hallenbad auf eine Lebensdauer von etwa 30 bis 40 Jahren ausgelegt. Eine Gewährleistung für die Technik gelte indes nur für die ersten vier bis fünf Jahre.

Für die lange Bauzeit und die hohen Kosten erntete die Stadt viel Spott und Häme. Dabei war schon 2016 klar, dass die erste Kostenschätzung von 11,7 Millionen Euro zu niedrig ausgefallen war. Damals nannte Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) den Entwurf noch „ein interessantes Bauwerk, das gut durchdacht ist“. Zehn Jahre später sind die Kosten auf rund 36,77 Millionen Euro gestiegen und das Hallenbad ist im Kommunalwahlkampf wohl das Thema, das Hartmann am ehesten die Wiederwahl schwer machen könnte.
Dabei gilt festzuhalten: Während andere Gemeinden ihre Hallenbäder schließen oder abreißen lassen, wie etwa Oberschleißheim und Karlsfeld, hat Dachau trotz enormer allgemeiner Kostensteigerung im Bauwesen – nicht zuletzt bedingt durch Ukraine-Krieg und Inflation – bald ein neues Hallenbad, das sich sehen lassen kann. Im Nachbarlandkreis Fürstenfeldbruck wurden die Neubaukosten der Amperoase auf über 60 Millionen Euro geschätzt – um Geld zu sparen, bleibt dort seit Jahren die Rutsche gesperrt.
Fragt man Oberbürgermeister Florian Hartmann heute, was er rückblickend anders gemacht hätte beim Hallenbadneubau, fragt er zurück: „Was soll ich tun, wenn ich von einem Planer angelogen werde?“ Mit dem Wissen von heute hätte nur eine andere Wahl des Architekten die Dauerbaustelle verhindern können – doch dabei sei die Kommune an die europäischen Vergaberichtlinien gebunden gewesen, so Hartmann. Durch diese müsse immer der günstigste Anbieter den Zuschlag erhalten. Um Architektenentwürfe künftig besser überprüfen zu können, müsste die Stadt sonst ein externes Prüfgutachten vor jedem Baubeginn erstellen lassen – doch solche zusätzlichen Millionenkosten seien für Steuerzahler ebenfalls nicht zumutbar, findet der Oberbürgermeister.
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Dass im ansonsten eher inhaltsarmen Dachauer Kommunalwahlkampf das Hallenbad zum Thema unter den Kontrahenten wird, zeigt sich auch in den sozialen Medien. Auf Instagram fragte Florian Hartmann in die Kamera: „Was haben Taylor Swift und unser neues Hallenbad gemeinsam?“ Die Slots für die Führungen seien genauso schnell ausgebucht gewesen wie Konzertkarten der Popikone, witzelte er, bevor er einen virtuellen Rundgang anbot für alle, die keinen Platz bekommen hatten.
Sein Kontrahent Christian Hartmann (CSU), einer von sechs Herausforderern des Amtsinhabers, hingegen schnallte sich eine Schwimmbrille um den Kopf und polterte vor dem Hallenbad: „Wenn du daheim baust, dann überwachst du das doch!“ Dabei dürfte gerade Häuslebauern im Privaten wohlbekannt sein: Dass eine Baustelle fristgerecht und im Kostenrahmen fertig wird, ist schon fast ein kleines Wunder.

