Zwei, drei Töne auf seiner Klarinette – und das Publikum im voll besetzten Dachauer Ludwig-Thoma-Haus singt begeistert „Shalom Chaverim“, übersetzt: Friede, Freunde. Eine Zuschauerin seufzt ein wenig: „Jetzt müsste man in Tel Aviv sein, aber das geht ja nicht.“ Warum? „Naja, wegen des Kriegs, auch wenn gerade Pause ist“, flüstert sie. Und drückt damit aus, was vielen im Stockmann-Saal des Thoma-Hauses durch den Kopf gehen mag.
Eigentlich ist „Shalom Chaverim“ ein geistlicher Song, der vom Abschied handelt – aber er ist längst zu einem Friedensappell und zur Erkennungsmusik von Giora Feidman geworden. Der bald 90-Jährige ist mit seinem neuen Programm unterwegs. Es hat den symbolträchtigen Namen „For a better world“, für eine bessere Welt, und ist der dritte Teil einer Reihe mit Songs des iranisch-stämmigen Komponisten Majid Montazer. Deutlicher könnten die Bezüge zum aktuellen Weltgeschehen nicht sein, möchte man denken: Auftritt eines jüdischen Musikers in Dachau nur zwei Tage nach dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, eine hörbare friedvolle und kreative Zusammenarbeit „von zwei Händen, eine von einem Juden, die andere von einem Muslim. Eine Hand kommt vom Iran, die andere von Israel“, sagt Feidman während des Konzerts.
Dem Weltmusiker, der vor zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, ist es ebenso wichtig darauf hinzuweisen, dass seine Musiker aus Israel und aus Palästina kommen. Verständigung und Liebe: Das ist das Credo des alten Mannes mit dem jungen Herzen.
Ist dessen Auftritt in Dachau also eine wohlüberlegte Aktion der Tourneeplaner? Auf Nachfrage sagt einer der Tourbegleiter, diese Faktoren hätten bei der Planung keine Rolle gespielt. Da hätten organisatorische Aspekte und die Verfügbarkeit von Sälen im Vordergrund gestanden, soweit er wisse. Was wieder einmal zeigen könnte, wie viel in Sachen politischer und demokratischer Bildung noch zu tun ist. Daran verschwendet man aber angesichts der hinreißenden Musik und des unwiderstehlichen Charmes Feidmans kaum einen Gedanken.

Giora Feidman ist natürlich ein alter Fuchs, der von sich sagt, er habe schon im Mutterleib Klarinette gespielt und genau wisse, wie man sein Publikum begeistert. Aber er macht das mit einer so tiefen inneren Überzeugung und einer solchen Leidenschaft, dass man nur zu gerne für eineinhalb Stunden die Welt draußen lässt und in der verführerischen Musik versinkt. Doch immer wieder gelingt es Komponist Montazer und Klarinettist Feidman, das Publikum aus süßen Träumen herauszureißen, aus einer Musik der Hoffnung einen starken Friedensappell zu machen, gerade auch bei Leonard Cohens „Hallelujah“. Das singt das Publikum voller Inbrunst mit – und man spürt förmlich, wie die Emotionen hochkochen.
„Musik hat ihre eigene Sprache“, sagt Feidman in seiner lustigen Mischung aus Deutsch und Englisch. Er ist sich sicher, dass Musik die Freundschaft zwischen den Menschen, Juden und Nichtjuden, verstärkt. „Wir sind doch eine Mischpoke“, sagt er und meint das im ursprünglichen Sinn: eine Familie. Schön wäre es, denkt sich der eine oder die andere angesichts des zunehmenden Antisemitismus. Doch dann lässt er sich zumindest für diesen Moment von der „Revolution of Love“ einfangen – bis der empathische Giora Feidman ganz zum Schluss sagt: „Morgen fliege ich zurück nach Israel. Genug ist genug mit diesen Kriegen.“
Die nachdenklichen und doch so bestimmt ausgesprochenen Worte wirken nach. Eine Zuschauerin sagt beim Warten auf ein Autogramm nach Konzertende: „Der ‚Persian Waltz‘ war ja so was wie ein Totentanz, wenn man bedenkt, was da gerade los ist.“ Und schon entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch über all die Kriege und Aufstände, die in unserer gehetzten Zeit viel zu schnell aus den Medien und der Wahrnehmung verschwinden. „Man ist so hilflos“, sagt ein junger Mann. Er hat seinen Großvater ins Konzert begleitet und findet: „So wie der Feidman immer von Liebe und Verständigung redet, denke ich, dass er ein Träumer ist; aber vielleicht hilft das ja.“ Der ältere Herr neben ihm sagt, ihn interessiere das alles nicht, solange er „dem Klezmerkönig“ zuhören könne. Das sei Erholung pur. Es gibt viele solcher und ähnlicher Äußerungen an diesem Abend. Feidmann hat mit seiner Musik erreicht, was noch so viele Worte und Bilder oft nicht können: Er hat sein Publikum berührt, hat Zuversicht und Hoffnung auf eine bessere Welt gestärkt.


