In der großen Gaststube sind alle Tische besetzt. Es wird geratscht, gelacht, gegessen und getrunken. Fehlt nur noch Zigarren- oder Zigarettenqualm und der Fernseher in einer Ecke – und man könnte sich um mindestens zwanzig Jahre zurückversetzt fühlen. Und zwar in Zeiten, in denen niemand sagte: „Wir treffen uns beim Kochwirt“, sondern: „Geh’ ma zum Biwi“. Der Biwi, mit bürgerlichem Namen Josef Erhorn, war schon zu Lebzeiten eine Legende. Geboren 1935, führte der gelernte Papiermacher den Kochwirt von 1963 bis zu seinem Tod im Jahr 2006 – und machte das Gasthaus zur Wohnstube oder besser zum Kommunikationszentrum der Dachauer Altstadt.
An einem der wenigen Einzeltische sitzen Markus Erhorn und Edgar Forster. Sie haben gemeinsam ein neues Buch verfasst „Beim Biwi“ heißt es – wie auch sonst? Es erzählt noch einmal die bekannten und weniger bekannten Histörchen, die untrennbar mit einer Persönlichkeit und einer Wirtshauskultur verbunden sind, die selbst schon fast Geschichte geworden sind.
Erhorn, 36 Jahre alt, und Forster, 81 Jahre, werfen im Gespräch mit der SZ einen liebevollen Blick zurück. Forster war jahrzehntelang Stammgast beim Biwi und ist ein profunder Kenner der Dachauer Vergangenheit. Er weiß, dass noch in seiner Jugend der Kochwirt „eine Arbeiterkneipe war – schließlich war der Biwi jahrzehntelang in der SPD“. Beim (inzwischen geschlossenen) Zieglerbräu „ging es vornehmen zu“, und der Unterbräu war der Treffpunkt von Bauern und Händlern. „Aber zum Biwi kamen alle, man ist reingekommen und hat sich dazugesetzt, wo Platz war“, sagt er. Heutzutage sei das fast ein Ding der Unmöglichkeit, „weil die Leute das Miteinanderreden verlernt haben“, ist er überzeugt. Hinzu komme: „Die Leute gehen nicht mehr so viel raus. Die bleiben zu Hause und starren aufs Smartphone.“
Fast wehmütig erinnert sich der langjährige Kommunalpolitiker, wie sich nach Stadtratssitzungen fast alle Fraktionen – in durchaus wechselnder Besetzung – beim Biwi trafen, großmütig Sperrstunden ignoriert wurden, was sogar einmal Thema einer nicht öffentlichen Sitzung war. Er weiß von der Großzügigkeit des Wirts zu berichten, der Sportler und Künstler mit XXL-Portionen versorgte und – tatsächlich – ab und an ein Gemälde als Bezahlung akzeptierte.
„Wir haben heute noch diese Bilder zu Hause“, ergänzt Biwi-Enkel Markus Erhorn. Er erzählt, wie „der Opa am Morgen im Bademantel runterkam, sich sein Frühstück gemacht hat, die Zeitung gelesen und sich vor den Fernseher gesetzt hat“. Heutzutage unvorstellbar. Ebenso wenig vorstellbar ist, dass es jemals wieder von der Wirtsterrasse aus ein Wettschießen auf den Kirchturmgockel von Sankt Jakob geben könnte. Schon der Gedanke daran ruft im Gehirn schwer bewaffnete Einsatzkommandos auf den Plan.

War denn früher alles besser? Nein, sagt Forster, aber es war einfacher, vertrauter. Im Mikrokosmos Dachauer Altstadt kannte jeder jeden, und viele waren versippt und verschwägert. Markus Erhorn sagt: Der Opa, der zu seinen Gästen auch streng und abweisend sein konnte, habe es noch verstanden, die soziale Funktion eines Wirtshauses über vierzig Jahre lang aufrechtzuerhalten, es zum Treffpunkt von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu machen. „Dafür sollte man ihm ein Denkmal auf der Terrasse setzen, so wie dem Monaco Franze in München.“
Die Neuerscheinung „Beim Biwi“ von Markus Erhorn und Edgar Forster ist beim Verlag Tredition erschienen und im Buchhandel erhältlich.


