Dachau:"Wenn Sie Ihre Schuhe im Geschäft kaufen, sind Sie eine löbliche Ausnahme"

Geschäfte wie Schuhmode Hablitzel müssen schließen. Das liegt zum einen an der Corona-Krise, zum anderen am Onlinehandel. Dennoch wagen manche auch einen Neuanfang.

Von Julia Putzger, Dachau

Mitte März, als plötzlich klar war, dass in wenigen Tagen nur noch sogenannte systemrelevante Geschäfte ihre Türen öffnen dürfen, sprach Isabel Seeber von einer "Katastrophe" für den Dachauer Einzelhandel. Die Geschäftsinhaber standen vor vielen Fragen, auf die es keine Antworten gab. Wie es weitergehen würde, stand in den Sternen. Nun, ein halbes Jahr später, steigen die Corona-Infektionszahlen erneut. Doch diesmal blickt Seeber zuversichtlicher in die Zukunft, der Dachauer Einzelhandel sei besser vorbereitet. Das gilt jedoch nicht für alle, einige Geschäfte hat die Corona-Krise bereits in die Knie gezwungen.

Isabel Seeber ist nicht nur Vorsitzende des BDS-Ortsverbands Münchner Straße, sondern steht seit Kurzem auch dem neugegründeten Verein Dachau handelt vor. Er entstand aus der Corona-Krise heraus mit dem Ziel, die Gewerbetreibenden in der Stadt und im Landkreis besser zu vernetzen und so die Herausforderungen der Krise gemeinsam zu meistern. Seeber ist sich sicher, das hat gut geklappt: "Die Zusammenarbeit ist deutlich enger geworden, beziehungsweise zwischen Stadt und Landkreis erstmals entstanden."

Der überwiegende Teil kauft im Internet

Doch diese Unterstützung konnte nicht überall die Folgen der Krise abwenden: In der Münchner Straße 16, wo Rosemarie Maenz im Sommer noch Kerzen aller Art und Dekorationsartikel anbot, deutet nun nichts mehr darauf hin, dass dort einst das Patchouli war. Ein paar Häuser weiter, bei Schuhmode Hablitzel in der Münchner Straße 27, schmücken große Prozentzeichen und Plakate mit dem Aufdruck "Totaler Räumungsverkauf" die Fenster. Nach 35 Jahren Ladengeschichte in Dachau muss Geschäftsführer Wolfgang Hablitzel sein Geschäft aufgeben. Ausschlaggebend sei letztlich die Corona-Krise und die damit verbundene vorübergehende Geschäftsschließung gewesen - "aber das war schon länger ein Thema", gibt Wolfgang Hablitzel zu. Vor allem der Internetkauf habe ihm schon seit einiger Zeit zugesetzt: "Wenn sie ihre Schuhe im Geschäft kaufen, sind sie eine löbliche Ausnahme. Der überwiegende Teil kauft im Internet. Das ist aber nicht nur mit Schuhen, sondern auch mit Kleidung so."

Wie es mit dem Ladenlokal in der Münchner Straße weitergeht, das wollte Hablitzel nicht verraten. Isabel Seeber versichert jedoch: "Über Leerstände müssen wir uns keine Gedanken machen." Auch das Thema Onlinegeschäft kennt sie - der Verkauf über das Internet habe jedoch auch einigen Dachauer Unternehmen über die Krise geholfen, die kurzerhand selbst einen Onlineshop aufbauten. Seeber selbst hatte einen solchen eigentlich für ihre Candisserie geplant, doch aufgrund der vielen zu beachtenden Regelungen sei das sehr aufwendig und bisher "nach vorne geschoben."

Doch sich in Folge der Corona-Krise nur auf Schließungen im Einzelhandel und Probleme zu fokussieren, wäre falsch. In der Altstadt hat etwa Alma Hodzic genau das Gegenteil geschafft: Am heutigen Donnerstag eröffnet sie als Geschäftsführerin das Herrenmodegeschäft Rauffer neu, das seit März geschlossen war. "Natürlich bin ich nicht blauäugig und habe darüber nachgedacht. Aber eigentlich mache ich mir jetzt keine Sorgen über eine Pleite, weil diejenigen, die schließen mussten, sind ja keine Herrenausstatter", sagt sie über die Situation, in solchen Zeiten ein Geschäft zu eröffnen. Es habe sie positiv gestimmt, dass es bereits während der Krise viele Nachfragen gegeben habe, wann "der Rauffer" denn endlich wieder öffne. Auch vor der Onlinekonkurrenz fürchtet sie sich nicht: "Die Erfolgserlebnisse, die man beim Einkaufen in einem echten Laden hat, sind einfach viel größer. Bei uns gibt es fast eine Garantie, dass man glücklich rausgeht."

Viele hoffen auf das Weihnachtsgeschäft

Eine Nachfrage beim Dachauer Gewerbeamt liefert erstaunliche Ergebnisse: Im Zeitraum von Anfang März bis Ende September diesen Jahres gab es zwar 174 Gewerbeabmeldungen, gleichzeitig jedoch 335 Gewerbeanmeldungen. Vergleicht man diese Zahlen mit jenen aus dem gleichen Vorjahreszeitraum, staunt man nicht schlecht: So gab es 2019 mit 246 Abmeldungen über 40 Prozent mehr, dahingegen wurden nur 283 neue Gewerbe in Dachau angemeldet. Woran das liegt, das wissen auch die Verantwortlichen im Gewerbeamt nicht, da bei der Abmeldung kein Grund angegeben werden muss, aus dem man beispielsweise auf die Corona-Krise schließen könnte. Auch zeitlich gesehen lasse sich in diesem Jahr kein Trend feststellen, An- und Abmeldungen seien gleichmäßig über die Monate verteilt.

Eine Vermutung lassen diese Zahlen aber dennoch zu: Die Hilfsmaßnahmen - egal ob in Form von Dachau handelt oder durch Landes- und Bundesregierung - könnten Wirkung gezeigt haben. Wie es weitergeht, ist trotzdem für viele Dachauer Einzelhändler noch unklar: "Wir sind jetzt besser vorbereitet und haben es ganz gut im Griff. Viele hoffen auf das Weihnachtsgeschäft - aber da können wir derzeit nur spekulieren", so Seeber. Zudem sei es schwierig, ein ganzheitliches Bild für alle Dachauer Einzelhändler zu zeichnen, da die Krise sich individuell sehr verschieden ausgewirkt habe.

© SZ vom 01.10.2020
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