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Gerichtsprozess:63-Jähriger stalkt Mädchen

Ein schizophrener Mann wird am Landgericht beschuldigt, einer Teenagerin über Monate nachgestellt zu haben. Er glaubt, "ein Prophet von Jesus Christus" zu sein. Sein Opfer hatte Angst, das Haus zu verlassen.

Vier Monate lang stellte ein früherer Elektroinstallateur im vergangenen Jahr einer Teenagerin aus dem Landkreis Dachau nach. Er erzählte ihr wirre Dinge und lauerte ihr angeblich sogar auf. Die Folgen waren für das Mädchen den Ermittlungen der Polizei zufolge katastrophal: Das Mädchen bekam es mit der Angst zu tun, konnte nicht mehr schlafen und duschen. Denn sie fürchtete, sie werde dabei von dem 63-Jährigen beobachtet. Irgendwann hörte sie auf, ihren Freizeitaktivitäten nachzugehen. Sie hatte Angst, das Haus zu verlassen. Zuletzt wandten sich sogar ihre Freunde von ihr ab. Denn auch sie hatten Angst vor dem seltsamen Mann, der ihre Bekannte verfolgte.

Seit diesem Donnerstag muss sich der 63-Jährige vor der 4. Strafkammer am Landgericht München II verantworten. Nach Überzeugung von Ärzten leidet der Mann, der von sich sagt, Jesus habe ihm gesagt, dass er ihn "als Prophet auf Vollzeit braucht", an einer chronischen, paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie.

"Jesus ist mein Arzt und meine Medizin", sagt der Mann

Die Staatsanwaltschaft fordert in einer Antragsschrift die zeitlich unbefristete Unterbringung des 63-Jährigen in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik. Derzeit ist der frühere Elektroinstallateur, der sagt, er sei die Reinkarnation unter anderem von Abraham Lincoln und Albert Einstein, im Bezirkskrankenhaus Straubing einstweilig untergebracht.

Als die Vorsitzende Richterin Regina Holstein den Beschuldigten zum Auftakt des Prozesses nach seinem Beruf fragt, lautete die Antwort: "Prophet von Jesus Christus". Der 63-Jährige hat sich auf beide Handrücken ein mehrere Zentimeter großes Christusmonogramm gemalt und auf seine Stirn ein Kreuz. Er hat schulterlange graue Haare, trägt eine Latzhose, ein dunkelblaues T-Shirt und eine grüne Jacke. Darauf befinden sich Sinnsprüche, die einen Bezug zu Jesus haben sollen. Medikamente will der 63-Jährige nicht nehmen. Er habe es in der Klinik einmal probiert, sie aber wieder abgesetzt. "Jesus ist mein Arzt und meine Medizin", sagt der Mann mit der Latzhose.

Die Situation spitzte sich immer mehr zu

Das Mädchen und der vermeintliche Prophet trafen sich im Sommer vorigen Jahres zufällig. Die Teenagerin trug damals einmal in der Woche Zeitungen aus, auch am Haus des Beschuldigten. Mitte Juli soll er an das Mädchen erstmals herangetreten sein und "beharrlich ihre Nähe" aufgesucht haben, wie es in der Antragsschrift der Staatsanwaltschaft heißt. Der 63-Jährige soll dem Mädchen gesagt haben, sie sei in einem früheren Leben seine Tochter, seine Halbschwester oder die 1997 tödlich verunglückte Lady Diana Spencer gewesen sein. Außerdem soll er sie unter anderem "Süße" und "mein Mädchen" genannt haben.

Nach dem ersten Aufeinandertreffen wartete der 63-Jährige fortan jede Woche, bis das Mädchen kam und ihm die Zeitung brachte. Die Situation spitzte sich immer mehr zu. Einmal soll er der Teenagerin übers Gesicht gestreichelt und ihr angeboten haben, sich ein Zimmer in seinem Haus anzusehen. Das Zimmer sei für sie. An der Türe stehe "ganz groß ihr Name." Das Mädchen bekam laut den Ermittlungen daraufhin so große Angst, dass sie um ihr Leben fürchtete und weinte.

Nach den Sommerferien tauchte der 63-Jährige plötzlich auch vor der Schule des Mädchen auf. Die Teenagerin wurde wütend, ging auf den Mann zu, der ihr ständig nachstellte, schrie ihn an und wollte wissen, was er von ihr wolle. Der 63-Jährige soll nur gelächelt und zu dem Mädchen gesagt haben, es sei "süß", wenn es aggressiv und laut werde. An ein Kontaktverbot, das die Dachauer Polizei ausgesprochen hatte, hielt sich der frühere Elektroinstallateur nicht. Ebenso wenig, wie an einen Beschluss des Amtsgerichts Dachau nach dem Gewaltschutzgesetz. Als er Ende November 2018 wieder an der Bushaltestelle vor der Schule stand, in die das Mädchen geht, nahm die Polizei ihn fest. Was er von dem Mädchen eigentlich gewollt habe, fragte auch Richterin Holstein den 63-Jährigen. Es habe ihm bei der "Verkündigung der Frohen Botschaft helfen wollen", so die Antwort. Dies sei dem Mädchen jedoch nicht bewusst gewesen. "Das ist ja das Komische", sagte der frühere Elektroinstallateur. Das Verfahren wird fortgesetzt.