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Stellenstreichung:Dachau kämpft für die Versöhnungskirche

Die Evangelische Kirche will 30 Prozent der Kosten für die wichtige Institution bis 2030 einsparen. Das bedeutet nicht nur eine Halbierung des Personals, sondern auch, dass einige Projekte leiden.

Von Helmut Zeller, Dachau

Auf dem Schreibtisch von Pieter Dietz de Loos in seiner Rechtsanwaltskanzlei im niederländischen Wassenarr steht eine gerahmte Fotografie seines verstorbenen Vaters Eliza - des ehemaligen Dachau-Häftlings mit der Nummer 103129. Der Widerstandskämpfer wurde am 7. September 1944 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Er überlebte und war nach dem Krieg, in den Sechzigerjahren, maßgeblich am Aufbau der evangelischen Kirche an der KZ-Gedenkstätte beteiligt. Zeitlebens wirkte Eliza de Loos für die Erinnerung an die Naziverbrechen und für die Versöhnung mit den Deutschen - und er fühlte sich dabei von der Evangelischen Landeskirche Bayern (ELKB) als Partner gut unterstützt. Deshalb ist sein Sohn Dietz de Loos, ehemaliger Präsident des Comité International de Dachau, entsetzt, dass die Kirchenleitung nun beschlossen hat, ausgerechnet in Dachau das Personal um die Hälfte zu reduzieren. Verärgert sind aber auch andere. Auf Facebook schreibt die JU-Kreisvorsitzende Julia Grote: "Mit Blick auf #hanau bin ich fassungslos über die Entscheidung meiner Kirche."

Aber die Würfel sind gefallen. Die Landeskirche will die Stelle des Diakons Frank Schleicher bis Ende 2023 streichen. Er setzt sich besonders gegen Rechtsextremismus ein. Allein zwischen den Lockdowns in der Corona-Pandemie führte er auf Geheiß der Jugendgerichtshilfe 30 Jugendliche nach rassistischen oder antisemitischen Ausfällen einzeln durch die KZ-Gedenkstätte, um sie zu sensibilisieren und aufzuklären. Dafür arbeitet Schleicher gerade an einem pädagogischen Konzept. Er gibt Gruppenführungen, leitet Projekte, hält Kontakt zu Zeitzeugen, sitzt an runden Tischen und behält die Finanzen der Versöhnungskirche im Blick. Schleicher selbst hat der SZ vor ein paar Tagen gesagt: "Ich bin nicht gekommen, um nach vier Jahren wieder zu gehen. Ich hoffe, dass sich eine Möglichkeit finden wird, damit ich mein Engagement fortsetzen kann."

Von der Versöhnungskirche, die auf die Initiative von überlebenden Häftlingen errichtet wurde, sind wichtige Impulse für die Erinnerungskultur ausgegangen.

(Foto: Toni Heigl)

Doch es kommt noch schlimmer für die Versöhnungskirche: Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will bis zum Jahr 2030 rund 30 Prozent der Kosten für die Versöhnungskirche einsparen - nach aktuellen Zahlen 24 000 Euro im Jahr. Die Teilzeitstelle der Team-Assistentin könnte reduziert und die Mietwohnung für die Freiwilligen der "Aktion Sühnezeichen" gekündigt werden. Die Kirchenleitungen sehen sich zu diesem Schritt gezwungen, weil in der Corona-Krise das Geld knapp geworden ist. Zwar leidet die evangelische Kirche bundesweit, in Bayern noch am wenigsten, unter Austritten. Aber bisher stiegen die Kirchensteuereinnahmen dennoch, weil sie - an Einkommens- und Lohnsteuer gekoppelt - zugenommen hatten. In der Corona-Krise aber kam es zu einem Einbruch bei den Einnahmen. Die Sparpläne laufen auf eine Halbierung des Personals der Versöhnungskirchen hinaus - darunter würden viele Erinnerungsprojekte des Teams leiden.

Bekannt wurden die Pläne für den Stellenabbau durch einen Bericht des Evangelischen Pressedienstes (epd). Landtagsvizepräsident Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, hat die Sparpläne sofort kritisiert. Ausgerechnet an dieser zentralen Stelle seien Einsparungen extrem bedauerlich, sagte der CSU-Politiker. Rechtsextreme und antisemitische Haltungen in der Gesellschaft verbreiteten sich zunehmend. Seelsorger seien für die Gedenkstättenbesucher enorm wichtig, weil sie Fragen nach Schuld, Sühne und Gott beantworten könnten.

Pieter Dietz de Loos, Sohn eines KZ-Häftlings, und ehemaliger CID-Präsident.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Von der Versöhnungskirche, die 1967 auf Initiative von überlebenden Häftlingen errichtet wurde, sind in den vergangenen Jahrzehnten, gerade auch durch ihren gegenwärtigen Pfarrer Björn Mensing, Historiker, Kirchenrat und Beauftragter der Landeskirche für Gedenkstättenarbeit, entscheidende Impulse für die Erinnerungskultur in ganz Deutschland ausgegangen. Die Kirche bot in den Achtzigerjahren Sinti und Roma ein Obdach für ihren tagelangen Hungerstreik für die Anerkennung ihrer Angehörigen als Opfer des Naziregimes.

Letztlich war die Versöhnungskirche der Ort, an dem der spätere Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland seine Anfänge nahm. Die Initiative "Nie wieder! - Erinnerungstag im deutschen Fußball" wurde 2004 in der Versöhnungskirche gegründet. Sie hat große Strahlkraft im Kampf gegen Rassismus in den Fußballstadien. Die Organisation AsF schickt seit 1979 Freiwillige aus aller Welt nach Dachau, um die Versöhnungskirche zu unterstützen. Die Betreuung der Freiwilligen übernimmt der Diakon.

Björn Mensing in der KZ Gedenkstätte Dachau, 2018

Kirchenrat Björn Mensing fühlt sich durch die Solidaritätsbekundungen unterstützt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Junge Union im Landkreis Dachau fordert die bayerische Landeskirche auf, die Stelle des Diakons Frank Schleicher nicht zu streichen. Seine Arbeit in der Versöhnungskirche sieht die junge CSU als unverzichtbar im Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus an. Die JU-Vorsitzende Julia Grote schreibt: "Wir fordern die ELKB zusammen mit den politischen Entscheidungsträgern auf kommunaler und Landesebene auf, die langfristige Finanzierung dieser wichtigen Arbeit sicherzustellen. Gegebenenfalls sollte auch eine Förderung aus öffentlichen Mitteln erwogen werden."

Kirchenrat Björn Mensing sagte der Süddeutschen Zeitung am Montag: In der Sache wolle er sich nicht äußern. Aber er und sein Diakon fühlten sich durch die vielen eingegangenen Solidaritätsbekundungen ermutigt in ihrer Hoffnung, dass die Stellenkürzungen vielleicht doch nicht in dem angekündigten Ausmaß umgesetzt würden. Mensing betonte in diesem Zusammenhang, dass von ihm und seinem Team die Presseberichterstattung nicht initiiert worden sei.

Für das Landeskirchenamt steht offenbar die Entscheidung fest. Informationen der SZ zufolge soll sie auch vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, getragen werden. Im Januar hatte er noch erklärt, dass mit Blick auf das aktuelle Gedenkjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" sich bei ihm Gefühle von Abscheu und Zorn mischten, wenn Juden Ziel von Hass und Gewalt würden. Die evangelische Kirche sei fest entschlossen, nie wieder antisemitische Ideologien salonfähig werden zu lassen. Auch wegen solcher Aussagen sind viele Menschen in Dachau irritiert: Gerade ihre Versöhnungskirche engagiert sich doch gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Sie sei neben der KZ-Gedenkstätte eine der aktivsten zeitgeschichtlichen Institutionen der Stadt und nehme mit ihren Veranstaltungen und Aktivitäten "einen zentralen Platz innerhalb der Dachauer Lern- und Erinnerungsarbeit ein", sagte Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) am Montag dem epd. Für die Dachauer Stadtgesellschaft seien vor allem Kooperationsprojekte wie das Pogromnachtgedenken, das Stolpersteine-Projekt oder das Gedächtnisbuchprojekt wichtig. Außerdem biete die Kirche kulturelle Veranstaltungen sowie Gespräche mit Überlebenden und ihren Nachfahren in zweiter und dritter Generation, sagte der OB.

Pieter Dietz de Loos, Mitglied des Kuratoriums der Versöhnungskirche, hat den Kampf nicht aufgegeben. Das ist er, wie er der SZ mitteilt, allein schon seinem Vater schuldig. Er hat unter anderem an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geschrieben, auch an die Landessynode der ELKB, die Ende März tagt, damit sie sich als letzte Instanz gegen den Stellenabbau ausspricht. De Loos macht auch deutlich, dass die Versöhnungskirche international ein Begriff ist - und ganz Europa auf sie schaut.

© SZ vom 23.02.2021
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