Die farbigen Dreiecke leuchten grell in der hellen Nachmittagssonne. Auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Dachau stehen elf Jugendliche, die aus Mexiko und Spanien, der Slowakei, Portugal und anderen Nationen angereist sind, und mustern ehrfürchtig das Wandrelief mit den bunten Winkeln, die von den Häftlingen auf ihrer Kleidung getragen werden mussten. Rot für politisch Verfolgte, gelb für Juden, grün für „Kriminelle“ – jede Farbe stand für eine andere Häftlingsgruppe im KZ. Doch auf der Reliefwand sind nicht alle Dreiecke ausgefüllt. Einige Farben fehlen. Und zwar jene für queere Menschen. Genau diese Frage beschäftigt die elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops „Verfolgung queerer Menschen in Nazi-Deutschland“ der Internationalen Jugendbegegnung (IJB) Dachau.
Die IJB Dachau organisiert seit 1983 internationale Begegnungen für junge Menschen, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und mit der Erinnerungskultur auseinandersetzen wollen. Vom 25. Juli bis zum 7. August findet das diesjährige internationale Jugendtreffen im Max-Mannheimer-Haus statt. Die Workshops behandeln unterschiedliche Aspekte der NS-Geschichte, darunter eben auch die Verfolgung queerer Menschen.

Das ist ein Thema, das noch immer kaum präsent ist. Auch bei ihnen nicht, wie die Jugendlichen, die an dem Workshop teilnehmen, einräumen. Gerade deshalb haben sie sich dafür entschieden. Manche wussten vor ihrer Teilnahme nicht einmal, dass auch queere Menschen während der NS-Zeit verfolgt wurden. „Normalerweise werden viele marginalisierte Gruppen zusammen betrachtet. Es ist wichtig, auch einzelnen Gruppen einmal besondere Aufmerksamkeit zu geben“, sagt eine Teilnehmerin. Überdies geht es auch um die Frage, warum queere Menschen heute in manchen Ländern weiterhin diskriminiert werden. Die Jugendlichen wollen verstehen, wie historische Entwicklungen mit der Gegenwart und der Zukunft zusammenhängen. „Entwicklung heißt nicht immer Fortschritt. Manchmal entwickeln sich Länder rückwärts“, sagt Mai Ly Le, die als sogenannte Teamerin die Gruppe begleitet und betreut.
Bevor es um historische Fakten geht, beginnt der Workshop-Tag allerdings erst einmal mit einem Spiel, damit die Jugendlichen in Kontakt kommen. Im Workshop, der auf Englisch gehalten wird, erzählen die Jugendlichen dann, was sie von dem Tag erwarten. Sie möchten wissen, warum die Nationalsozialisten queere Menschen verfolgt haben, wie das Thema damals gesellschaftlich wahrgenommen wurde und warum diese Geschichte lange wenig oder gar keine Beachtung gefunden hat.

Eine erste Annäherung an diese Fragen bietet eine Übung im Garten. Auf bunten Zetteln, die auf dem Boden liegen, stehen historische Ereignisse und Jahreszahlen, die Jugendlichen sollen daraus einen Zeitstrahl von 1871 bis zum Jahr 2025 bilden und alles in die richtige Reihenfolge bringen. Die Zeitachse beginnt mit der Einführung des Paragrafen 175 in das deutsche Strafgesetzbuch, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, und reicht bis zur heutigen Erinnerungskultur. Die Jugendlichen ordnen die meisten Ereignisse sicher ein.
Ein zentraler Punkt des Workshops ist die Frage: Warum wurden queere Menschen im Nationalsozialismus verfolgt?
Ein Ziel der Nationalsozialisten war es, eine „Volksgemeinschaft“ zu schaffen. Menschen, die nicht in dieses Ideal passten, wurden ausgegrenzt und verfolgt. Queere Menschen wurden dabei nicht als Teil der Gesellschaft gesehen. Homosexualität verstanden die Nationalsozialisten nicht als Teil der Identität, sondern als angeblich veränderbares Verhalten, das „korrigiert“ werden müsse. Der Paragraf 175 richtete sich ausschließlich an homosexuelle Männer. Viele von ihnen wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Dort mussten sie den rosa Winkel tragen. Eine Kennzeichnung, die größer war als die Winkel der anderen Häftlingsgruppen. Dadurch waren diese Männer häufig zusätzlicher Diskriminierung innerhalb der Gefangenen ausgesetzt.
Auch nach dem Ende des Nationalsozialismus änderte sich ihre Situation nicht sofort. Der Paragraf 175 blieb bestehen. Erst Jahrzehnte später wurde Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus in der Gesellschaft umfassender anerkannt. Dies zeigt sich auch in der Erinnerungskultur. Die Jugendlichen diskutieren darüber, warum manche Opfergruppen so lange wenig sichtbar geblieben sind. Die fehlenden Dreiecke im Winkelrelief der KZ-Gedenkstätte Dachau geben darauf einen Hinweis: In der Erinnerung geht es nicht nur um das, was passiert ist, sondern auch um die Art der Geschichten, die darüber in der Gesellschaft nach 1945 erzählt wurden.

Auf dem Programm des Workshops steht auch ein Besuch der KZ-Gedenkstätte. Für Teamerin Helene Guthausen wirkt der Ort gerade wegen des schönen Wetters befremdlich. „Ich finde es gruselig, hier an einem so schönen sonnigen Tag zu sein. Wenn man bedenkt, was hier alles passiert ist, auch wenn schönes Wetter war“, sagt sie. Die nächste Station führt in den Gedenkraum. Dort ist eine wimpelförmige Gedenktafel aus rosa Marmor angebracht, mit der Inschrift: „Totgeschlagen – Totgeschwiegen“. Sie erinnert an die homosexuellen Opfer, die im Konzentrationslager leben mussten und starben.

Was dies für die Gegenwart bedeutet? Queerfeindliche Straftaten wie der Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin, bei dem eine Frau ums Leben kam und zahlreiche Menschen verletzt wurden, veranschaulichen, wie wichtig es ist, Erinnerungsarbeit zu leisten. Allein in Deutschland wurden 2025 insgesamt 2048 queerfeindliche Straftaten registriert, 2022 waren es noch 1188 Fälle. Die fehlenden Dreiecke auf dem KZ-Appellplatz mahnen deshalb, dass Erinnerung immer weitergeschrieben werden muss. Auch darin sind sich die elf Jugendlichen aus der EU und Übersee einig.

