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Erinnerungskultur in Dachau:Auf dem Weg in den Tod

Anlässlich des 75. Jahrestags des sogenannten Todesmarschs, der in Dachau seinen Anfang nahm und Tausende das Leben kostete, will der Filmemacher Max Kronawitter einen Dokumentarfilm herausbringen. Viele Gemeinden haben bereits finanzielle Unterstützung zugesichert

Es war in der Nacht: Mehr als 10 000 Häftlinge wurden auf dem Appellplatz des KZ Dachau zusammengetrieben. Tagsüber hatte man noch gewartet bis die Gefangenen aus den Außenlagern Kaufering und Mühldorf das Konzentrationslager erreicht hatten. Viele waren vom langen Marsch so geschwächt und krank, dass sie nicht mehr weiter konnten. Doch die Mehrzahl musste sich in Reih und Glied aufstellen. Geordnet sollte es losgehen an diesem 26. April 1945. Jeder bekam eine Decke und einen kleinen Proviant. Dann setzte der Zug sich in Bewegung Richtung Süden. Die ganze Nacht hindurch mussten Männer und Frauen - vor allem jüdische, sogenannte "Reichsdeutsche" und Gefangene aus der Sowjetunion marschieren - durch Karlsfeld, Allach, Obermenzing, Pasing, das ganze Würmtal entlang nach Starnberg und weiter Richtung Alpen. Die SS trieb die ausgemergelten Häftlinge trotz Hunger und Schmerzen unbarmherzig immer weiter voran, hetzte Hunde auf sie. Viele der Menschen fanden den Tod.

Anlässlich des 75. Jahrestags dieses Todesmarsches, der sich im Laufe der Route immer weiter verzweigte und bis Waakirchen kam, will Max Kronawitter aus Eurasburg einen Dokumentarfilm herausbringen. "Die Idee zu dem Projekt hatte ich schon vor zehn Jahren", sagt er. Doch jetzt will er sie endlich realisieren, denn die letzten Zeitzeugen sterben langsam weg. Das ist dem Filmemacher bereits bei seinen vorangegangenen Produktionen über die NS-Zeit schmerzlich bewusst geworden. Kronawitter hat 2013 bereits ein Portrait über den Priester Hermann Scheipers gedreht, der im Priesterblock des KZ Dachau interniert war und mehrfach nur knapp dem Tod entkam. Außerdem setzte er 2015 Karl Leisner, der als einziger im KZ zum Priester geweiht wurde, filmisch in Szene und bewahrte ihn so vor dem Vergessen.

KZ Mahnmal Todesmarsch 1945

Heute steht in jedem Ort, den Häftlinge passierten, ein Denkmal wie dieses von Hubertus von Pilgrim, das an die entseelten und entkräftet sich dahinschleppenden Gestalten von damals erinnert.

(Foto: Matthias Doering)

Die Dokumentation über den Todesmarsch von Dachau sei für ihn eine "Herzensangelegenheit", sagt er. Meist arbeitet er für das Fernsehen, doch bei diesem Projekt will er die Rechte behalten. "Ich möchte einen Film produzieren, der allen zugänglich ist - ohne rechtliche Einschränkungen", sagt der 57-Jährige. "Ich bin ein großer Befürworter der Erinnerungskultur." Seinen Film über den Pfarrer Hermann Scheipers habe er für viel Geld vom Bayerischen Rundfunk zurückkaufen müssen. Das wolle er nicht noch einmal. Allerdings bringt Kronawitter das in finanzielle Nöte, denn die Produktion werde voraussichtlich mindestens 50 000 Euro kosten, sagt er.

Bei allen Gemeinden, die entlang der Route liegen und der Stadt München hat er bereits angefragt, ob sie einen Beitrag zu dem Werk leisten wollen. Die Ablehnung aus München kam schnell. Man verwies auf die Bayerische Filmförderung. Bei den übrigen 15 Gemeinden ist das Interesse deutlich höher: Dachau stimmte jetzt angesichts des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers mehrheitlich für eine Unterstützung des Films. In Karlsfeld wird man am kommenden Dienstag darüber diskutieren. In den südlicheren Gemeinden ist man sich bereits einig: "Die Bürgermeister haben sich landkreisübergreifend darauf verständigt, dass sie jeweils 1000 Euro zu dem Projekt beitragen", sagt der Starnberger Bürgermeistersprecher Rupert Monn, der die Sache koordiniert hatte. Die Gemeinden sollen eine Kopie der Dokumentation bekommen, damit sie diese zeigen können, wann immer sie wollen, erklärt Kronawitter. Auf diese Weise hat er auch ein Forum für seinen voraussichtlich 45- bis 60-minütigen Film und das ist ihm ein Anliegen.

Der Filmemacher Max Kronawitter arbeitet an einem Dokumentarfilm zum Todesmarsch.

(Foto: Privat)

In dem Beitrag schildert unter anderem Abba Naor sehr eindrucksvoll seine Erlebnisse. Der heute 91-Jährige gehört zu den letzten lebenden Zeitzeugen. Er musste im Außenlager Utting schwerste Zwangsarbeit unter erbärmlichen Bedingungen leisten. Kurz vor Kriegsende räumte die SS das Lager. Die Häftlinge wurden auf den Todesmarsch geschickt - auch Abba Naor. Um zu überleben musste er Gras essen. Am 2. Mai 1945 befreiten ihn die Amerikaner in Waakirchen.

Kronawitter beleuchtet in seiner Dokumentation auch die andere Seite: Wie hat sich der Todesmarsch in das Bewusstsein der Bevölkerung eingegraben? Der Filmemacher erzählt von Menschen, die so entsetzt waren, das Elend zu sehen, dass sie SS-Offiziere angeschrien haben: "Was machst Du da?". Andere steckten den Gefangenen heimlich Lebensmittel zu. Es gab Fluchtversuche. Vor allem aber waren die Menschen geschockt über das Ausmaß des Schreckens, über die Verbrechen, die sich vor ihrer Haustür abspielten und die Unmenschlichkeit des NS-Systems. "Jetzt konnten die Deutschen nur noch schwer sagen, dass sie vom KZ nichts gewusst haben", sagt die Leiterin der KZ-Gedenkstätte in Dachau Gabriele Hammermann. "Es ist wichtig zu zeigen, wie sich das System ausgeweitet hat." Sie findet es gut, dass der Eurasburger die Initiative ergriffen hat, einen Film über den Todesmarsch zu drehen - auch wenn er nicht der einzige ist. Der Bayerische Rundfunk plant ebenfalls einen Beitrag.

"Ich möchte einen Film produzieren, der allen zugänglich ist - ohne rechtliche Einschränkungen", so Kronavitter, hier bei den Dreharbeiten mit Hermann Scheipers.

(Foto: Privat)

Hammermann ordnet im Film die Geschehnisse der letzten Apriltage aus wissenschaftlicher Perspektive ein. Allerdings gibt es da noch viele offene Fragen. So wisse niemand genau, wie viele Menschen bei dem langen Marsch zu Tode gekommen sind. Auch das Ziel der Aktion bleibe im Nebel. "Es gab Diskussionen, wie man mit den Häftlingen verfahren soll", sagt die Historikerin. Himmler habe in Verkennung der Umstände die Idee gehabt, sie den Westalliierten als Geiseln anzubieten. Der Befehl sie Richtung Süden in die Alpen zu treiben, kam offenbar bevor man genau wusste, was dann geschehen sollte.

Der Gautinger Altbürgermeister Ekkehard Knobloch, der die Erinnerungspolitik im Würmtal Mitte 1980er Jahre angestoßen hat, vermutet sogar, dass man versucht hat "das Ausmaß der Vernichtungspolitik vor den Amerikanischen Truppen zu verbergen", deshalb habe man versucht die Gefangenen zu verstecken. "Der Todesmarsch ist wissenschaftlich noch nicht untersucht", sagt er. Doch angesichts des deutlichen Rechtsrucks in der Bevölkerung sei "jedes Mittel gut, um an die schreckliche Diktatur und die Morde von damals zu erinnern".

Das Gedenken an den Todesmarsch ist für Ekkehard Knobloch eine Hezensangelegenheit.

(Foto: Arlet Ulfers)

Er kennt die Widerstände, die man meistern muss, wenn man Erinnerungsarbeit leistet. Im Film erzählt er von seinen Schwierigkeiten. Der frühere Starnberger Bürgermeister wehrte sich zum Beispiel in den 1990er Jahren vehement gegen ein Denkmal, das an den Todesmarsch erinnern sollte - mit dem Hinweis: Man müsse sonst die ganze Gegend mit Denkmälern zupflastern. Heute steht in jedem Ort, den Häftlinge auf ihrem Weg nach Süden passierten, ein Denkmal von Hubertus von Pilgrim, das an die entseelten und entkräftet sich dahinschleppenden Gestalten von damals erinnert - auch in Yad Vashem in Jerusalem. Und darauf ist Knobloch besonders stolz. "Es ist das einzige, was 1992 abgesegnet wurde", sagt er.

Bis Mitte Februar will Kronawitter den beteiligten Gemeinden einen Trailer von seinem Film präsentieren. Am 26. April soll er auf jeden Fall fertig sein. Erste Anfragen, ihn vorzuführen, gebe es bereits, sagt Kronawitter.