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Fußball und Corona:Auf Sicherheit spielen

Die Lockerung komme zur "Unzeit" und sei "eigentlich fahrlässig", sagt TSV-Präsident Wolfgang Moll.

(Foto: Toni Heigl)

Der Ball rollt wieder: Die Amateurfußballmannschaften mussten lange warten, nun dürfen sie erstmals seit dem Lockdown Testspiele abhalten. Doch nicht alle Vereine begrüßen das Vorgehen von Verband und Staatsregierung.

Von Julia Putzger, Dachau

Seit Monaten herrscht eine Fußballflaute: Zwar können die Fans mittlerweile zumindest am Fernsehbildschirm die Bundesligageisterspiele verfolgen, doch die Hobbykicker blieben weiterhin tatenlos. Nun sind endlich auch im bayerischen Amateurfußball wieder Testspiele erlaubt, damit es wie angekündigt ab September mit den Ligaspielen weitergehen kann. Die Dachauer Vereine bewerten diese Entscheidung mit gemischten Gefühlen.

Die vergangene Woche war für die Teams ein regelrechtes Auf und Ab: Auf Grund vorherige positiver Signale hatte der Bayerische Fußballverband (BFV) darauf spekuliert, dass die bayerische Staatsregierung in ihrer Kabinettssitzung am Dienstag Testspiele im Amateurfußball erlaubt. Groß war die Enttäuschung, als dies nicht der Fall war, weshalb sich Verbandspräsident Rainer Koch an Staatsminister Joachim Herrmann (CSU) wandte. Und siehe da, bereits am folgenden Abend gab es das Okay für dieses Anliegen. Seitdem dürfen auch im bayerischen Amateurfußball wieder vereinsübergreifend Trainingsspiele stattfinden, sofern entsprechende Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden. Unter anderem müssen die Namen aller Teilnehmenden erfasst werden; wenn Duschen- und Umkleideräume verwendet werden, muss ein Hygienekonzept erstellt werden. Zuschauer sind nicht erlaubt.

Diese Lockerung komme zur "Unzeit" und sei "eigentlich fahrlässig"

Für Wolfgang Moll, den Vorsitzenden des TSV Dachau 1865, ging das alles viel zu schnell. Er hätte sich mehr Vorlaufzeit für die Umsetzung der neuen Regelungen gewünscht: "Das war sehr kurzfristig. Für uns als ehrenamtlich geführten Verein sind die Testspiele mit großen personellen und finanziellen Herausforderungen verbunden, aber nun sollen wir uns von einem Tag auf den anderen darauf einrichten." Unter anderem müsste ein neues Hygienekonzept erarbeitet und Security organisiert werden, damit sichergestellt werden kann, dass keine Zuschauer kämen. Zwar bestehe natürlich kein Zwang dazu, Trainingsspiele zu absolvieren. Doch sollte es im September tatsächlich wie angekündigt mit den Pflichtspielen weitergehen, bräuchte es jetzt die Testspiele als Vorbereitung.

Außerdem findet Moll: Diese Lockerung komme zur "Unzeit" und sei "eigentlich fahrlässig." Denn während sich weltweit beunruhigende Meldungen zum Pandemieverlauf häuften und im Profisport weiterhin regelmäßig Coronatests durchgeführt würden, werde nun gleichzeitig "Fußballkontaktsport in den unteren Spielklassen bis zur untersten Schülerklasse in ungeschützter Form und ohne jegliche Prävention" zugelassen. Dass bei Spielbetrieb ohne Nutzung der Umkleiden oder Duschen überhaupt kein Hygienekonzept notwendig sei, zeige, dass die Verantwortlichen lediglich an die Vernunft des Einzelnen appellierten und mit zweierlei Maß gemessen werde.

"Wir brauchen vier Wochen Vorlaufzeit und die beginnen jetzt"

Moll äußerte seinen Unmut in einem vier Seiten langen offenen Brief an BFV-Präsident Koch und Staatsminister Herrmann. Schon zehn Minuten später habe Molls Telefon geklingelt, Koch war am Apparat. "Wir sind prinzipiell einer Meinung - nur was das Vorgehen betrifft, da geht es auseinander", erklärt Moll. Er könne nachvollziehen, dass man dem Druck der ungeduldigen Fußballer nachgegeben habe. Auch werde sich der TSV Dachau dem nun fügen. Allerdings rechnet Moll mit Verzögerungen, bis alles entsprechend vorbereitet ist.

Ein ganz anderes Bild zeichnet dahingegen Roland Küspert, Vorstand des FC Pipinsried, der wie der TSV Dachau in der Bayernliga Süd spielt: "Das war schon länger angekündigt und ist durchgesickert." Dementsprechend sei man höchstens überrascht gewesen, als es so schien, als würden die Testspiele doch nicht erlaubt werden. Schließlich hatte man diese bereits im Voraus "fleißig ausgemacht und organisiert", wie Küspert sagt. "Der Ministerpräsident drückt zwar ein bisschen auf die Euphoriebremse, aber wir können nicht aus der Kalten heraus starten, wenn es im September weitergehen soll. Wir brauchen vier Wochen Vorlaufzeit und die beginnen jetzt." Küspert glaubt, dass man gut vorbereitet sei für die sichere Durchführung der Trainingsspiele, lediglich um die Nutzung der Duschen und Umkleiden mache er sich noch Gedanken. Mit der bestehenden Infrastruktur in Pipinsried sei die Umsetzung sehr schwierig, gleichzeitig sei die Regelung an sich fragwürdig: "Beim Duschen sollen eineinhalb Meter Abstand gehalten werden, auf dem Feld atmen sich die gleichen Spieler direkt in den Nacken." Gar keine Umkleidemöglichkeiten für die Spieler anzubieten sei aber auch keine Option: "Wenn jemand extra anreist, dann soll er sich nicht direkt am Platz umziehen müssen." Da das erste Trainingsspiel aber ohnehin ein Auswärtsspiel sei - nämlich am Samstag gegen den TSV Eintracht Karlsfeld - werde man sich dort umschauen. Zwar ist in Karlsfeld zumindest noch nicht das letzte Wort gefallen, doch Fußballabteilungsleiter Gerhard Stangl gibt sich zuversichtlich, dass das Spiel gemäß der Vorschriften stattfinden kann. Auch er betont: "Wir müssen jetzt wieder anfangen, sonst gefährden wir den Spielbetrieb im September."

Die Zuschauer sind im Amateursport eine Grundvoraussetzung

Michael Dietrich, Leiter der Fußballabteilung beim ASV Dachau, geht es ähnlich wie seinen Kollegen in Pipinsried und Karlsfeld: "Ich bin zwiegespalten: Für meine Jungs ist es gut, wenn wieder gespielt wird. Aber für mich als Funktionär sind noch viele Fragen offen." Vor allem wisse niemand, welche Konsequenzen für den Spielbetrieb ein Coronafall hätte - dürfte dann zwei Wochen nicht gespielt werden, würden Spiele nachgeholt oder gebe es sogar Geldstrafen?

Zumindest bei den Testspielen sind vorerst also keine Zuschauer erlaubt - wie es mit den Pflichtspielen im Herbst aussieht, weiß derzeit noch niemand, zu schnell verändert sich die ganze Situation ständig. Doch Küspert vom FC Pipinsried macht klar: "Dass die Zuschauer wieder kommen dürfen, ist nicht nur unsere Hoffnung, sondern Grundvoraussetzung im Amateursport." Sonst entstünden zwar Kosten - etwa für die Anreise der Spieler oder den Schiedsrichter - aber es gebe keine Einnahmen - wie etwa durch den Verkauf von Getränken. Und anders als die Profiklubs könne man nicht auf die Fernseheinnahmen setzen.

© SZ vom 06.08.2020
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