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Freiwillige Feuerwehr:Dein Feind und Helfer

Die Polizei sperrt ab, die Feuerwehr regelt den Verkehr.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Immer öfter behindern dreiste Autofahrer oder Gaffer die Feuerwehren im Landkreis Dachau bei deren Einsätzen. Das frustriert die Ehrenamtlichen, die zudem häufig beleidigt werden. Doch das Schlimmste ist: Die Störer gefährden das Leben anderer.

Ein sechs Meter langer Feuerwehrzug steht mit Blaulicht quer im Kreisverkehr. Das Signal ist klar: Die Straße ist gesperrt. Doch ein Autofahrer quetscht sich dennoch mit seinem Wagen durch eine kleine Lücke. In letzter Minute springt ein Feuerwehrmann vor das Auto. Er will das Leben der Kinder retten, die nichts ahnend am Rande des Kreisverkehrs mit ihren Laternen in der Hand Martinslieder singen. Sein eigenes ist auch dabei. Der Autofahrer ist keinesfalls einsichtig, dass er sich daneben benommen hat, er blafft den Feuerwehrler an: "Geh aus dem Weg. Was fällt euch ein." Immer müssten sich die Feuerwehrler wichtig machen. "Ich finde das erschreckend", sagt Jane Roth. Sie ist bei der Feuerwehr in Höfa und hat diese Situation hautnah miterlebt. Respektlosigkeit und Aggressivität gegenüber Rettungskräften nehmen zu. Gaffer und Filmer, die später die Aufnahmen ins Internet stellen ebenfalls. "Es ist frustrierend", sagt Roth. Viele andere Kommandanten aus dem Landkreis Dachau stimmen ihr zu.

Die Situation am Montagabend in Höfa ist kein Einzelfall. Zur selben Zeit in Kleinberghofen sperrt die dortige Feuerwehr 20 Minuten lang eine Straße, die in eine Wohnsiedlung führt und auf der eigentlich nur Anlieger verkehren. Auch hier wollen 300 Dörfler traditionsgemäß das Martinsfest mit einem Umzug feiern. Ein paar Autos müssen warten oder einen zehnminütigen Umweg fahren. Die Feuerwehrler gehen zu jedem Fahrer, um ihn zu informieren. Doch sie ernten nur heftige Beschimpfungen. "Habt's ihr einen Knall", brüllt einer. Ein anderer schimpft: "Du tickst doch nicht mehr richtig." Dabei hat einer der Autofahrer, der besonders ausfällig geworden ist, sogar ein Kind im Auto.

Die Ehrenamtlichen sind fassungslos und frustriert

Kommandant Stefan Zielbauer ist fassungslos. Dabei hatte er schon Stunden zuvor in den Sozialen Medien auf die Sperrung hingewiesen, damit die Autofahrer einen anderen Weg wählen können. Auch in Dachau und Odelzhausen kennt man die Beschimpfungen. "Depp ist da noch das geringste", sagt Kommandant Oliver Mathis aus Odelzhausen. Mitte Juni hatte ein 52-jähriger Erdweger sogar einen Feuerwehrler angefahren, weil er die Fronleichnamsprozession in Oberroth nicht abwarten wollte. Ähnlich ging es im vergangenen Jahr einem Ehrenamtlichen der Feldgedinger Feuerwehr, der den Kreisverkehr zum Gewerbegebiet Gada in Bergkirchen versucht hatte abzusperren. Mit zahllosen Prellungen und einem gebrochenen Finger musste er ins Krankenhaus eingeliefert werden.

"Die bedrohlichen Situationen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen", sagt Roth. "Die Nerven liegen blank." In gewisser Weise könne sie verstehen, dass die Leute gestresst sind. Ständig sei man unter Zeitdruck. Das sei wohl der Grund für das dreiste und respektlose Verhalten vieler. Außerdem fürchtet sie, dass die meisten nicht darüber nachdenken, was ihr Verhalten auslösen könnte. "Hinter den Feuerwehrautos laufen meist Menschen. Einfach vorbeidrängen kann böse enden." Die Sperrungen errichteten die freiwilligen Helfer keineswegs aus Spaß.

Unbekannte entwenden einfach einen Blitzer

Am meisten schockiert den Kleinberghofener Kommandanten Stefan Zielbauer, dass Unbekannte am Montag einfach einen Baustellenblitzer entwendeten, den die Truppe am Ortseingang postiert hatte, um auf ein Hindernis aufmerksam zu machen. Dies sei notwendig, die Autos führen oft mit relativ hohen Geschwindigkeiten in den Ort, erklärt Zielbauer. "Den Blitzer einfach zu klauen, ist grob fahrlässig. Damit riskiert man das Leben sowohl der Einsatzkräfte, als auch der Leute auf der Straße."

Mit derartigen Aktionen schadeten die Autofahrer aber auch sich selbst. Die Feuerwehren im Landkreis leiden an Personalmangel. Wenn die Aktiven bei jedem Einsatz derart heftig beschimpft würden oder gar körperlich angegriffen, könne man niemanden für das Ehrenamt gewinnen, fürchtet Zielbauer. "Wer will sich schon in der Freizeit anfahren lassen?" Und wenn die Feuerwehr nicht mehr genügend Leute habe, könne sie ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen - auch die Absicherung des Martinszugs nicht. "Dabei ist diese Tradition enorm wichtig für unseren Ort. Wir dürfen sie nicht sterben lassen", appelliert Zielbauer an die Kleinberghofener. Das Dorf wachse derzeit enorm. In einer Neubausiedlung seien gerade erst 180 Menschen zugezogen. Und in den nächsten Jahren kämen noch mehr. Nur wenn die Kinder die Traditionen gemeinsam erlebten, könne der Ort zusammenwachsen, sagt der Kommandant. Wenn sie keinen Platz für ihre Feste hätten, falle der Ort auseinander, fürchtet er.

"Wir haben immer Probleme mit Gaffern"

Auch Gaffer, die mit ihren Handys rücksichtslos alle Sensationen filmen und fotografieren, behindern die Einsätze. Vor allem die Feuerwehren an den Autobahnen kennen das Phänomen. "Wir haben immer Probleme mit Gaffern", sagt Roth. Die Helfer aus Feldgeding, Odelzhausen und Höfa bauen inzwischen fast regelmäßig Sichtschutzwände auf, um die Verletzten und Toten vor den Kameras zu schützen. "Wenn möglich, achten wir gleich bei der Fahrzeugaufstellung darauf, dass die Unfallstelle nicht einsehbar ist", sagt Mathis. Doch immer sei dies nicht möglich, zudem bedeute es einen Mehraufwand, den die Retter leisten müssten. Tagsüber fehle oft das Personal dafür. "Dann müssen wir nachalarmieren", erklärt Tobias Westenrieder, Kommandant in Feldgeding.

Oft blieben die Filmer einfach stehen und produzierten Auffahrunfälle, bei denen Autoteile auf die Unfallstelle flögen, so Westenrieder. Dass die Bundesregierung derzeit intensiv über eine Bestrafung bis hin zum Freiheitsentzug für Filmer und Fotografierer diskutiert, finden die Feuerwehrler unisono gut. "Am besten wäre ein Führerscheinentzug. Das tut jedem weh", sagt Westenrieder. Ihm wäre es am liebsten, wenn jedes Feuerwehrauto mit einer Kamera ausgestattet wäre, die die Vorgänge festhalte, mit denen sich die freiwilligen Helfer herumschlagen müssen. "Neulich sind wir wieder eineinhalb Minuten in der Rettungsgasse festgestanden, weil Busse und Lkw diese nicht frei gehalten hatten", schimpft der Feldgedinger. "Gott sei dank waren wir nur Unterstützer, nicht Ersthelfer."

Die Karlsfelder Feuerwehr zeigt inzwischen konsequent jeden an, der sich daneben benimmt. Der Dachauer Kollege Thomas Hüller beklagt, dass dies für die Ehrenamtlichen mit einem riesen Aufwand verbunden ist und am Ende komme sowieso nichts heraus. Der Odelzhausener Mathis, appelliert an die Leute, ob sie es gut fänden, wenn sie in der Situation des hilflosen Verletzten wären und sich später im Internet wieder fänden. Die meisten seien dann sehr einsichtig, sagt er.