Die Sonne scheint brutal herunter, als die knapp 25 Teilnehmenden der Fahrraddemo des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Dachau mit einem ohrenbetäubenden Klingelkonzert in die Pedale treten. Sie fahren auf der Straße, denn einen Fahrradweg gibt es am Treffpunkt beim Dachauer Bahnhof nicht.
Kein Einzelfall, meint Norbert Bandt, 60 Jahre alt, Systemberater, ADFC-Mitglied und der Initiator der Demo. Bandt fährt an der Spitze der Demonstranten mit einem Radlanhänger, dessen Schilder für den ADFC werben. Im Gespräch mit der SZ erklärt er seine Ziele: „Es gibt nur ganz wenige Fahrradwege in Dachau. Die meisten Radwege sind Gehwege mit dem Schild ‚Fahrrad frei‘.“ Die Radldemonstranten aber verlangen durchgehende Fahrradwege und nicht immer „rauf auf die Straße, dann runter und dann wieder rauf“, wie das Irina Viereck auf ihrem topmodernen E-Bike genervt ausführt.
Dass der Fahrradverkehr ein Politikum ist, hat Dachau bereits 2019 durch ein in Auftrag gegebenes Gutachten anerkannt. Darin wird empfohlen, „dass die Belange des Radverkehrs zukünftig bei allen (...) städtebaulichen Planungsvorhaben von vornherein Berücksichtigung finden“. Um die Umsetzung des Konzepts soll sich Stadtrat und Verkehrsreferent Volker C. Koch (SPD) kümmern. Er fährt auf einem alten, aber gut gepflegten Rad mit, um sich „mal wieder sehen zu lassen“, wie er sagt. Koch erkennt durchaus einen Nachholbedarf im Dachauer Radlnetz, sieht aber auch die damit verbundenen Schwierigkeiten.
Es gebe „bauliche Probleme“, erklärt der Verkehrsreferent. Die Stadt Dachau wurde bis in die 1970er-Jahre autogerecht ausgebaut. Heute gebe es deswegen manchmal einfach keinen Platz für Radwege. „Beispiel: Die Mittermayerstraße ist sehr eng gebaut.“ Dazu kämen rechtliche Probleme, und wie in den meisten Kommunen liege es oft „auch an finanziellen Dingen“. Dennoch lobt Koch explizit das Radkonzept: „Aber es wird halt nur nach und nach umgesetzt.“
Im Zweifelsfall: Parkplätze aufgeben
Zu langsam, findet Norbert Bandt, der an der Spitze des Trupps fährt. „Es gibt in diesem Konzept viele Hauptrouten, bei denen bis jetzt nichts gemacht worden ist.“ Auch er sieht die Probleme eines autogerechten Dachau, meint aber, dass man „ein bisschen pragmatischer“ vorgehen soll. Und das heiße im Zweifelsfall auch: Parkplätze aufgeben.
Eine wichtige Voraussetzung für mehr Fahrradfahrende ist eine hohe subjektive Sicherheit, wie das Fraunhofer-Institut in einem Papier im Auftrag des ADFC schreibt. Die meisten Demonstranten haben eine Horrorgeschichte mit Autofahrern in petto. Kristina Schüngel, die täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit pendelt, erzählt von Busfahrern, die auf dem Seitenstreifen an ihr zentimeterknapp vorbeifuhren: „Ich finde die Fahrradstraße zwischen Karlsfeld und Dachau eine Superidee“, sagt sie, „aber es ist manchmal sehr gruselig.“
Trotz der Liebe zum Fahrrad, die sie bekunden, sind die meisten Teilnehmenden auch Autofahrer. So wie Peter Heller vom Bund Naturschutz: „Ich habe ein Auto, aber hier in Dachau nutze ich jede Möglichkeit, mit dem Fahrrad zu fahren, weil ich einfach schneller unterwegs bin.“ Dass ein Kraftfahrzeug auch Vorteile hat, etwa wenn man den Wocheneinkauf für eine ganze Familie transportieren muss, wissen die Demonstranten. Bei der Demo ist der Trupp auf die Straße gefahren, um ein besseres Nebeneinander zu fordern.

