Barockkonzert in Dachau Einfach großartig

Ein Könner mit Instrument und Stimme: Dmitry Sinkovksy ist Geiger und Countertenor in Personalunion.

(Foto: Toni Heigl)

Die Italian Baroque Academy mit Countertenor Dmitry Sinkovksy lassen Winde brausen, Stürme und Zuhörer toben

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Eigentlich ist es schade, dass in Barockkonzerten vorwiegend die Gusto-Stückerl von Händel, Vivaldi und Co. zu hören sind. Andererseits ist das eine feine Sache, weil sie so etwas wie musikalische Lebensbegleiter geworden sind. Nicht zuletzt lässt sich trefflich beobachten, wie sich die Alte-Musik-Szene in den vergangenen Jahren verändert, verjüngt hat, wie weniger dogmatisch sie geworden ist. Ein exzellentes Beispiel dafür ist die Italian Baroque Academy mit ihrem Dirigenten und Cembalisten Stefano Molardi, der zugleich Musikwissenschaftler und Organist ist. Die Mitglieder des 2013 entstandenen Ensembles sind erfahrene Barockmusiker, die neue Wege auf alten Instrumenten gehen wollen. Wohin diese Wege führen, zeigten sie zusammen mit Dmitry Sinkovksy im Schlosskonzert am Samstagabend.

Der gebürtige Moskauer ist eine Ausnahmeerscheinung

Unverkrampft, frisch, engagiert, träumerisch schön und aufregend gut ist das Spiel der Italian-Baroque-Academy-Musiker. Souverän sind sie außerdem. Sie lassen sich auch von ihren ab und an arg schrammelnden Geigen nicht aus dem Takt bringen. Dass diese erst nach und nach ihren vollen Klang entfalten, ist ausschließlich den klimatischen Bedingungen im Renaissance-Festsaal im Schloss Dachau geschuldet. Mit diesem Problem hat Sinkovsky weniger zu kämpfen. Der gebürtige Moskauer ist eine Ausnahmeerscheinung. Ist er doch Geiger und Countertenor in Personalunion. Und ein Könner mit Instrument und Stimme, der sich grassierenden Counter-Manierismen und Stargehabe konsequent verweigert und gerade deshalb umso überzeugender ist. Mit dem - spätestens seit dem Farinelli-Film für alle Countersänger unverzichtbaren "Alto Giove" aus Nicola Antonio Porporas (1686 - 1768) Oper Polifemo - zeigte er, wie empathisch, zärtlich und doch viril diese für den Kastraten Farinelli komponierte Arie klingen kann.

Begonnen hatte das Konzert mit der Ouvertüre zu Georg Friedrich Händels (1685 - 1759) Oper "Rinaldo". Eine beziehungsreiche Wahl. Denn Händel und Porpora hatten sich von 1733 an mit ihren konkurrierenden Opernhäusern in London gegenseitig in den Ruin getrieben. Mit der Rinaldo-Arie "Venti, turbini, prestate" (Winde und Stürme: Erbarmen) lassen Sinkovsky und die Italian Baroque Academy Winde brausen und Stürme toben, dass es nur so eine Lust ist. Der Counter scheint seine Stimmbänder mühelos ineinander zu verschlingen, rüttelt Zuhörer und Schlossgemäuer durch, das Orchester steht dem in nichts nach. Nach dieser Achterbahn der Gefühle ist Porporas Concerto V in e-moll schon fast Erholung. Oder - je nach Sichtweise - eine rundum gelungene Überleitung zu Sinkovskys expressivem, temperamentvollen Geigenspiel in Antonio Vivaldis Concerto g-Moll für Violine, Streicher und Basso Continuo. Es ist einfach großartig, wie er Orchester und Publikum mitreißt, sie in die so oft gehörte Musik förmlich hineinzieht.

Ein sichtlich bewegter Kulturamtsleiter

Das trägt über die Pause hinaus. Denn mit einem weiteren Vivaldi-Konzert (g-Moll für Streicher und Basso Continuo) geht das barocke Fest furios weiter. Zwei weitere Arien ("Gelido in ogni vena" aus Vivaldis "Farnace" und Händels "Furibondo spira il vento" aus "Partenope") lassen die Zuhörer fast den Atem anhalten. Sie bewundern Sinkovskys Gesangskunst, die auch mit den leisesten Tönen noch den letzten Winkel des großen Raums füllt. Sie erliegen aber auch endgültig dem Zauber, der seit der Barockzeit von den Männern mit der Frauenstimme ausgeht. Ein Faszinosum, das seinerzeit die Damenwelt reihenweise in Ohnmacht fallen ließ und das auch im 21. Jahrhundert seine Ausstrahlungskraft nicht verloren hat.

Kommen dazu ein adäquat, lustvoll spielendes Ensemble nebst einem Dirigenten, der zugleich ein hervorragender Cembalospieler ist, und eine fast mit den Händen greifbare Bühnenpräsenz, dann werden aus vier Zugaben vier Konzerthöhepunkte, von denen der "Sommer" aus Vivaldis Jahreszeiten und das hingebungsvolle "Dove sei" aus Händels "Rodelina" so schnell nicht aus dem Gedächtnis entschwinden. Der Lohn der Mühen für Solist und Streicherorchester: Standing Ovations. "Die habe ich in elf Jahren noch in keinem Schlosskonzert erlebt", sagt ein sichtlich bewegter Kulturamtsleiter Tobias Schneider.