Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Eine schier unlösbare Aufgabe

Der Landkreis muss bis Ende des Jahres hundert unbegleitete junge Flüchtlinge aufnehmen. Landrat Stefan Löwl spricht von einer enormen Herausforderung: "Wir haben weder Unterkünfte noch Personal."

Von Gregor Schiegl, Dachau

Auf dringende Bitte der Regierung soll der Landkreis noch in dieser Woche zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnehmen, im Fachjargon kurz UMs genannt. Im Schnitt sind die zehn jungen Flüchtlinge 14 Jahre alt. Bis Ende des Monats soll ihre Zahl auf 25 wachsen, bis Ende des Jahres will die Regierung sogar, dass Dachau 100 von ihnen aufnimmt. Das hat Landrat Stefan Löwl (CSU) am Montag auf seiner Bürgerdialog-Veranstaltung zum Thema Flüchtlinge im Karlsfelder Bürgerhaus bekanntgegeben. Löwl spricht von einer enormen Herausforderung. "Wir haben weder die Unterkünfte noch das Personal." Auch der SPD-Landtagsabgeordnete, Martin Güll, zeigt sich besorgt: "Da kann einem angst und bange werden, wie wir das noch stemmen sollen."

Der erste Schwung junger Flüchtlinge soll in einem umgebauten Kindergarten in Vierkirchen untergebracht werden, doch für die bis Jahresende erwarteten 100 sind die Kapazitäten längst noch nicht vorhanden. Das Angebot der Birgittinnen im Kloster Altomünster, einige geflüchtete Mädchen mit ihren männlichen Geschwistern in ihrem Gästehaus unterzubringen, musste der Landkreis ablehnen: Das Gebäude entspricht nicht den Brandschutzvorschriften, die das Gesetz bei Jugendhilfeeinrichtungen verlangt - und um eine solche würde es sich dem Recht nach dann handeln.

In den vergangenen zwei Jahren wurden im Raum Dachau knapp 50 minderjährige Flüchtlinge aufgegriffen, die allein unterwegs waren und daher auch in die Zuständigkeit des Dachauer Jugendamts fielen. Jetzt muss dessen Leiter, Ulrich Wamprechtshammer, binnen kürzester Zeit die Zahl der vorhandenen 25 bis 30 Jugendhilfeplätze im Landkreis vervierfachen. "Das stellt uns vor gigantische Herausforderungen", sagt er. Unklar ist, wo der Landkreis so schnell geeignete Immobilien finden soll und welcher Träger die Mammutaufgabe übernehmen könnte. "Es gibt ja keine Einrichtung, in der die Erzieher Karten spielen und nur darauf warten, dass jemand kommt." Selbst wenn der Landkreis mit Container-Unterkünften arbeiten würde, was als Option durchaus bereits diskutiert wird, bleibt es zweifelhaft, ob es auch gelingt, genügend Personal zu finden. Die Dachauer Bundestagsabgeordnete der Grünen, Beate Walter-Rosenheimer, ist sehr skeptisch: "Es gibt im Raum München keine Sozialpädagogen mehr, die UMs begleiten könnten." Dachau steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe.

Wamprechtshammer will trotzdem "alle Hebel in Bewegung setzen", schon aus Solidarität mit den Kollegen in München und Rosenheim. "Wir arbeiten uns jetzt in Zehnerschritten vorwärts." Allzu kritisch dürfte man das aus der Not geborene Ergebnis wohl nicht betrachten. "Kurzfristigkeit ist der Feind guter Pläne", sagt Wamprechtshammer. In der Jugendhilfe müsse man Bedarf und Angebot immer passgenau aufeinander abstimmen. Eigentlich. Aber es fehlen ja nicht nur die Immobilien und das Personal, jetzt fehlt auch die Zeit.

Wie viel Zuwendung die jungen Flüchtlinge brauchen, ist sehr verschieden. Psychisch belastet seien alle, sagt Wamprechtshammer, doch die Spreizung sei sehr groß: Manche rappelten sich schnell auf, lernten rasch. "Die sind wegen ihres Fleißes bei ihren Lehrherren sehr beliebt." Von Rechts wegen dürfen die Jugendlichen in Deutschland eine Ausbildung machen, ehe darüber entschieden wird, ob sie in ihre Heimat zurückkehren müssen. Unter den Jugendlichen seien Hochgebildete, aber auch Analphabeten. Manche seien auch schwer traumatisiert von den schrecklichen Erlebnissen ihrer Flucht.

Nun ruhen die Hoffnungen auf einer gesetzlichen Neuregelung, an der das Bundesfamilienministerium feilt. Danach sollen von 2016 an auch die UMs nach einem festgelegten Schlüssel auf das Bundesgebiet verteilt werden. "Das ist im Moment der Strohhalm, an den wir uns klammern", sagt Wamprechtshammer. Einen Entlastungseffekt für Dachau würde es dann auf alle Fälle geben, aber wie hoch der sei, sei schwer zu sagen. Die Zahl der Flüchtlinge steigt weiter.