Dachau Ein bairisches "Passt scho!"

Stephan Zinner hat's nicht nur mit der Sprache. Sein Metier ist auch die Musik beim Auftritt im Thoma-Haus.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Stephan Zinner und sein neues Programm "Relativ simpel" im Dachauer Ludwig-Thoma-Haus

Von Jochen Schumann, Dachau

Seit mehr als 20 Jahren steht Stephan Zinner auf der Bühne. Er war sieben Jahre an den Münchner Kammerspiele, wirkte bei einigen Rosenmüller-Filmen, zuletzt "Schweinskopf al dente", und war im Fernsehen in mehreren Krimis zu sehen. Parallel dazu ist er seit mehr als zehn Jahren auf Kleinkunstbühnen unterwegs. "Relativ simpel" ist sein viertes Solo-Programm und vielleicht seine Lebensmaxime. "Alle mal wieder schön runterkommen, bitte!" Oder wie die Jüngeren sagen: "Chill mal dein Leben, Alter!"

In seinem neuen Programm setzt Zinner weniger auf Pointen und Gags als auf Kurzgeschichten und eigene Songs. Deshalb fragte die SZ schon bei Zinners Premiere, was der Kabarettist und Wahlmünchener denn nun sei. Die Antwort ist, im Gegensatz zum neuen Programm eben nicht "relativ simpel": Stephan Zinner ist nicht einfach zu greifen und in Klischees zu pressen. Dafür mag ihn das Dachauer Publikum. 350 Zuhörer waren es im Ludwig-Thoma-Haus. Jan-Peter Wiebes Konzertwerk als Organisator durfte zufrieden sein.

Die Faschings-Dekoration im Herrmann-Stockmann-Saal lieferte erste aufwärmende Kommentare, bevor Zinner die Stimmung der Gäste ruhig und bedacht aufbaute. Zunächst griff er aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft auf. Seien es die "alternativen Fakten" der Nachrichtenwelt, die täglich gestressten Radfahrer, welche von einer roten Ampel zur nächsten hetzen, ohne wirklich schneller ans Ziel zu gelangen, oder die herrlich verrückte Welt des Online-Dating, in welcher wohl so mancher sein Glück sucht. Zinner ist auch Musiker: Gemeinsam mit seinem Schweizer Bühnenkollegen und Freund Andreas Kaufmann sang und spielte er seine Songs vom Dolomiti-Eis und tiefen Liebesbekundungen. Da tauchen der Blues auf, Rock oder Cajun. Dann spielt Zinner auf der Slide-Gitarre John Lee Hookers "Boom Boom". Die Zuhörer können sich bei ihm fühlen, als wären sie mitten in seinem Leben: als Familienvater, Sechzig-Fan und Anti-Heimwerker. Es geht um vegane Shrimps, Darts, Rollkoffer oder Deutsch-Rap. Sozialkritisch sind die Texte irgendwie schon. Aber zunächst sind es halt, amüsante, "relativ simple" Geschichten. Fast wie in Gerhard Polts richtigem Leben.

Die Fachwelt der Kritiker und Kollegen rätselt schon lange, was denn Stephan Zinner wirklich ist. Nun hat der 42-Jährige einen der Deutschen Kabarettpreise erhalten. Die SZ schrieb über die Preisverleihung: "Ist das Kabarett? Geht's um Politik, Moral oder wenigstens Sozialkritik? Nicht wirklich. Musikkabarett? Schließlich spielt der Mann Gitarre, singt und tanzt sogar ein bissl dazu. Die Jury wusste auch nicht so recht, wo sie diesen bayerischen Bluesbären hinpacken soll." Deshalb sei sie zum Schluss gekommen: "Da sie aber auch wusste, dass sie an dem Ereignis namens Stephan Zinner nicht vorbei kommt, drückte sie ihm halt den sogenannten Sonderpreis auf."

Wenn der dreifache Vater mal in misslicher Lage nur in einem Handtuch mit Winnie-Puh-Aufdruck um die Lenden den Paketboten begrüßt und die ältere Nachbarin ihn daraufhin derart entzückt zu sich lädt, um Weltuntergangs-Szenarien zu besprechen, schafft es Zinner kaum mehr, das Lachen seiner Zuhörer zu unterbrechen. Spontan-Beifall. Zum Ende hin krönt Zinner mit spontanen Tanzeinlagen Geschichten aus dem "Kosmos Fitnessstudio". Schließlich attestiert er dem Publikum ein bairisch, sarkastisches: "Passt scho!"