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P-Seminar zu Journalismus :"Das Klima in diesem Land ist deutlich rauer geworden"

Seitdem SZ-Chefredakteur Kurt Kister Schüler am Dachauer Josef-Effner-Gymnasium war, hat sich einiges verändert.

(Foto: Toni Heigl)

SZ-Chefredakteur Kurst Kister spricht an seiner ehemaligen Schule, dem Josef-Effner-Gymnasium, über den Wandel in Journalismus und Gesellschaft.

Als Kurt Kister seine ersten Texte schrieb, tippte er diese noch auf einer Schreibmaschine, abends schickte man aus der Dachauer Lokalredaktion einen Boten mit den Manuskripten und Fotos nach München. An die erste revolutionäre Veränderung erinnert er sich noch gut - es war das Faxgerät, das eines Tages in seiner ganzen Fülle im Redaktionsgebäude stand.

Heute ist Kister Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung und in der Aula des Josef-Effner-Gymnasiums spricht er mit den Schülerinnen des P-Seminars "Journalismus" ganz selbstverständlich über Software für Investigativrecherchen, sogenannte Longreads, also Artikel mit Fotos und Bewegtbild, und dass er selbst an den meisten Tagen nur noch die digitale Ausgabe der Zeitung lese. "Was überlegt sich die Süddeutsche Zeitung, um uns zu gewinnen?", fragen die Schülerinnen. Wie wolle er als Chefredakteur die Zeitung für junge Leser attraktiver machen?

Ob Print noch Zukunft hat? "Das weiß ich nicht"

Kurz vorher hatte Kister den typischen Stammleser der Süddeutschen Zeitung skizziert: "Ein Mann, ungefähr so alt wie ich, und seit mindestens zwanzig Jahren Abonnent." Die jungen Menschen wolle er vor durch breit angelegte Recherchen und neue Formate gewinnen, durch Angebote wie "jetzt.de", das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung. "Wir versuchen, euch da abzuholen, wo ihr seid", erklärt er, die eine Hand auf der Sofalehne, in der anderen das Mikrofon. Man wolle Themen diskutieren, die insbesondere junge Menschen beschäftigten, zum Beispiel "Fridays for Future". Ob Print noch Zukunft habe? "Das weiß ich nicht", sagt er. Das Wichtigste sei sowieso, guten Journalismus zu machen - auf welche Weise dieser dann vertrieben werde, sei letztlich egal.

Als sich Kister sich auf der Bühne selbst wieder in seine Jugend zurückversetzen soll und erklären, warum er sich für den Beruf des Journalisten entschieden habe, antwortet er schlicht, er habe eben gerne geschrieben, Menschen interessierten ihn, er träumte vom Reisen, interessierte sich für die Politik. Da gab es kein Schlüsselerlebnis, auch wenn die Moderatorinnen an diesem Abend gerne so eines gehört hätten. Nach dem Abitur, das Kister 1976 selbst am Josef-Effner-Gymnasium gemacht hat, begann er mit dem Journalismusstudium in München, schrieb nebenbei für den Lokalteil der SZ in Dachau, besuchte danach die Deutsche Journalistenschule. 1983 stellte ihn die Süddeutsche als festen Redakteur an, von da an wechselte er vom Ressort der Innenpolitik zur Seite 3, wurde Korrespondent in Washington, leitete das Büro in Bonn und später in Berlin. Über all die Jahre blieb er der Süddeutschen Zeitung treu, seit 2011 führt er sie.

Anfeindungen und Drohungen gegenüber Journalisten und Privatpersonen

Ob er als Chefredakteur heute noch denselben Typ des Journalisten suche wie es zu Anfang seiner eigenen Karriere der Fall war? Nein, denn heute sei nicht nur ein Talent für das Schreiben gefragt, sondern ein technisches Verständnis und ein Gespür für das Digitale eine Grundvoraussetzung.

Doch das ist nicht die einzige Veränderung, die er in den vergangenen Jahren erlebt hat. Mitten im Gespräch sagt er an das Publikum gerichtet: "Sie wissen es ja alle, das Klima in diesem Land ist deutlich rauer geworden." Auf dem Podium geht es gerade um Anfeindungen und Drohungen gegenüber Journalisten und Privatpersonen, um mögliche Gefahren für Reporter. Nach dem Gespräch wird Kister eine Geste aus Daumen und Zeigefinger machen, die sich nur leicht voneinander lösen und erklären, vielleicht trage ja auch ein Abend wie dieser ein wenig zur Zivilisierung der Debatte bei. "So ein kleines bisschen", zeigt er auf die schmale Lücke zwischen den zwei Fingern.

"Ich bin das, was ich schreibe"

Die Risiken des Berufes interessieren die jungen Fragestellerinnen - ob der Beruf des Journalisten nicht auch sehr gefährlich sei? Erst wiegelt Kister ab, denn natürlich ist er auch hier, um zu motivieren; sagt, dass die meisten Journalisten hierzulande so sicher lebten wie andere Menschen auch. Dann entscheidet er sich doch dazu, ein paar seiner eigenen Erfahrungen anzureißen - dass er zwei Mal in Südamerika im Gefängnis saß, Afghanen und Pakistani auf ihn schossen, er im ersten Golfkrieg plötzlich in eine militärische Offensive geriet. Eindrücke, von denen die junge Moderatorin sichtlich überrascht ist, aber sehr gefasst entgegnet: "Das ist wirklich interessant, das mal aus Ihrer Perspektive zu hören, Herr Kister."

Und auch, wenn im Vorfeld des Abends einige Stühle zu viel aufgestellt worden sind und ein paar Reihen unbesetzt blieben, so zeichnete Kister zumindest bei den Anwesenden ein bisschen mehr als zwischen Daumen und Zeigefinger passt. Die Geschichte vom Faxgerät bis zur Online-Ausgabe, und die eines Journalisten, der mit all dem groß geworden ist, das Wichtigste seines Berufes dennoch so knapp zusammenfassen kann: "Ich bin das, was ich schreibe."