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Dachau:Digitalisierungsexpertin "platzt der Kragen"

Homeschooling in der Corona-Krise, 2020

Homeschooling im Corona-Lockdown: Sich konsequent zu Hause hinzusetzen und zu lernen, ist nicht nur für Kinder eine Herausforderung, sondern in der Regel auch für ihre Eltern. Ohne die Hilfe von Mamas und Papas können vor allem die Kleinen ihre Aufgaben gar nicht machen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Weil es beim Heimunterricht wieder einmal ruckelt, fordert Katja Caspari den Rücktritt von Bayerns Kultusminister Michael Piazolo.

Von Jacqueline Lang, Dachau

Katja Caspari hat nachgerechnet: Bis zum 31. Januar werden es 143 Schultage gewesen sein, die sie als Mutter von zwei Kindern - ihre Tochter geht in die zweite Klasse der Dachauer Klosterschule, ihr Sohn in die siebte Klasse des Josef-Effner-Gymnasiums (JEG) - mit Homeschooling zugebracht hat. Für die Dachauerin, die selbst beruflich Unternehmen im Bereich Digitalisierung berät, ist aber nicht in erster Linie die Betreuung und Beschulung ihrer Kinder das Problem, sondern das sie sich damit alleine gelassen fühlt und das in erster Linie vom bayerischen Kultusminister Michael Piazolo (FW). "Es fehlt die klare Führung von oben", beklagt Caspari. In einem offenen Brief an Piazolo höchstpersönlich hat sie nun dessen sofortigen Rücktritt gefordert.

Im vergangenen Frühjahr, so schreibt sie in ihrem Brief, habe sie noch Verständnis für das Chaos an den Schulen gehabt. "Jetzt, elf (!) Monate später, platzt mir als Digitalisierungsexpertin im Bildungsbereich wirklich der Kragen. Treten Sie zurück, um weiteren Schaden abzuwenden", lautet ihr Appell an den Kultusminister. Einen konkreten Vorschlag, wer das Amt übernehmen könnte, hat Caspari zwar nicht, sehr wohl aber genaue Vorstellungen davon, was man anders und besser machen müsste. Zusammengefasst hat sie ihre Forderungen in insgesamt 14 Punkten. So fordert Caspari, die Notengebung komplett auszusetzen. "Denn die Beteiligung der Kinder ist technisch nicht gewährleistet. Es ist nicht fair", sagt sie. Zudem fordert sie, dass alle Lehrer mit Dienstlaptops ausgestattet werden, an allen Schulen einheitlich auf das Kommunikationstool MS Teams umzustellen und die Lernplattform Mebis abzuschaffen, den Unterrichtsbeginn zu staffeln, Lehrer fortzubilden und auch externe Experten einzubinden und Schülern der Abschlussklassen jeweils einen Lehrer zur Seite zu stellen und diesen Lehrern nicht nur den regulären Unterricht aufzubürden.

Kritik am Kultusminister kommt nahezu zeitgleich auch von der SPD, der auch Caspari angehört, auch wenn diese betont, den Brief bewusst aus "Elternsicht" geschrieben zu haben und ihre Forderungen nicht parteipolitisch motiviert seien. Die SPD-Landtagsfraktion ihrerseits zeigt sich in einer Pressemitteilung "erstaunt und verärgert über die unangebrachte Selbstzufriedenheit, die der Bildungsminister Piazolo" an den Tag legt. Die Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr etwa bemängelt, dass Piazolo wie selbstverständlich auf die Unterstützung von Eltern wie Caspari baue: "Grundschülerinnen und Grundschüler sollen Online-Meetings besuchen und ihre Hausaufgaben abfotografieren. Welcher Siebenjährige kann das ohne Unterstützung der Eltern? Hier muss schnell eine Lösung gefunden werden. Die Eltern dürfen nicht auf unbestimmte Zeit in die Rolle der Hilfslehrerin oder des Hilfslehrers gedrängt werden." Parteikollegin Margit Wild sorgt sich zudem, dass viele Kinder "durchs Raster" fallen könnten. Piazolo müsse erklären, wie er "Bildungsgerechtigkeit" sicherstellen wolle.

Interview

Katja Caspari fühlt sich von der Regierung alleingelassen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Ihren Brief und die damit verbundenen Forderungen hatte Caspari am Montag auch auf Facebook geteilt und sehr viele Menschen - augenscheinlich vor allem Müttern - spricht der Beitrag offenbar aus der Seele: Zwischenzeitlich wurde er, Stand Donnerstag, 639 Mal geteilt, 535 Mal geliked und hat 160 Kommentare. "Hut ab vor deinem Mut, ich wünsche mir mehr solche Mütter", schreibt eine. "Klare Ansage. Gut formuliert. Alle Punkte enthalten", eine andere. Eine Mutter ergänzt, dass nicht einmal allerorts im Landkreis Dachau eine gute Internetverbindung sichergestellt sei. "Die Kinder mussten heute die Kameras ausmachen, mit der Hoffnung, dass es besser wird", schreibt sie. Noch eine andere Frau fasst es so zusammen: "Der Karren steckt schon so unfassbar tief im Dreck. Ich sehe keine Sonne mehr für die Bildung, in diesem Land, schon gar nicht in diesem Bundesland, für mindestens dieses Schuljahr, wie schon im vergangenen und wohl auch fürs nächste. Mit einem völlig unfähigen Verantwortlichen und einem Ministerpräsidenten, bei dem Schulbildung offenkundig sehr weit unten auf der Prioritätenliste steht. Es ist eine Schande..." Einigen Kommentaren ist auch zu entnehmen, dass offenbar weitere Rücktrittsforderungen auf dem Weg ins Ministerium sind.

Ein Sprecher des Ministeriums erklärt am Mittwoch, dass man von dem Schreiben, das Caspari am Dienstag per Post versandt hatte, durch die Presseanfrage zum ersten Mal erfahren habe. Grundsätzlich, das versichert er, werde aber jeder Brief beantwortet. Doch obwohl man den Brief bislang nicht erhalten hat, fühlt man sich im Kultusministerium offenbar genötigt, Stellung zu nehmen und das nicht nur in einem kurzen Statement, sondern sehr ausführlich über mehrere Seiten. Nur zu den Rücktrittsforderungen kein Wort.

Für die Wartung und Pflege der IT-Ausstattung sei nicht das Ministerium, sondern der Schulaufwandsträger - sprich, die Gemeinden oder der Landkreis - zuständig, heißt es. Finanziell seien diese aber vom Bund und dem Freistaat allein für die Beschaffung von Leihgeräten mit rund 107,8 Millionen Euro unterstützt worden. Welche Software genutzt werde, obliege den Schulen selbst; MS Teams sei eine von mehreren Möglichkeiten. Unterstützung bei der Auswahl erhielten die Schulen bei der Auswahl von 171 hochqualifizierten Beratern. Eine Staffelung des Unterrichts sei längst möglich, heißt es weiter. Tatsächlich wurde diese Idee schon öfter auf Kreisebene diskutiert, jedoch immer wieder verworfen. Dem Staatsministerium, heißt es weiter, sei bewusst, dass Distanzunterricht nie perfekt sein werde und Präsenzunterricht nicht gleichwertig ersetzen könne. "Doch auch für die Phasen des Distanzunterrichts gilt: Wir stehen zum Qualitätsanspruch der bayerischen Schulen - unsere Schülerinnen und Schüler haben auch in schweren Zeiten ein Recht auf gute Bildung."

Schulerweiterung

Dem bayerischen Kultusminister Michael Piazolo wird vorgeworfen, keine klare Ansagen zu machen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Schulamtsleiter Albert Sikora findet viele von Casparis Forderungen nachvollziehbar und teilweise auch berechtigt. Dennoch ist für ihn der Rücktritt von Piazolo keine Option. Sicherlich seien in den vergangenen Monaten viele Fehler gemacht worden, aber eben nicht ausschließlich von Seiten des Kultusministeriums, sondern gesamtgesellschaftlich. Er selbst fühle sich in seiner Funktion als Schulamtsleiter in der Bewältigung dieser Mammutaufgabe auch nicht alleingelassen von Piazolo, versichert Sikora - auch wenn es vor allem im Hinblick auf jene Kinder,die in diesem Jahr eingeschult werden sollen und jene, für die der Übertritt auf eine weiterführende Schule kurz bevorsteht, noch keine Antworten gebe. Derzeit werde zwar nur mündliche Mitarbeit benotet, aber dauerhaft sei das natürlich keine Lösung.

"Ich befürchte, das geht nach hinten los", ist Beate Rexhäusers Reaktion auf die Rücktrittsforderungen. Mitten in der Krise einen Führungswechsel anzustreben, hält die BLLV-Kreisvorsitzende und Lehrerin an der Mittelschule Erdweg für wenig zielführend - zumal das Problem ja kein rein bayerisches Problem sei, sondern bundesweit bestehe. Und überhaupt: Wer sollte denn nachrücken? Bislang sei es mit jedem Wechsel - und davon hat sie in ihrer über dreißigjährigen Karriere einige erlebt - immer nur schlimmer, nicht besser geworden. Sorgen darüber, wie sich die Situation langfristig auf die Schüler auswirken wird, macht sie sich trotzdem. Viele würden so ganz isoliert von Gleichaltrigen "sozial verkümmern" - da helfe auch der beste Digitalunterricht nichts. Wie das andere Lehrer im Landkreis sehen, kann Rexhäuser nur vermuten. Der Austausch sei dadurch, dass persönliche Treffen schon so lange kaum möglich seien, schwierig. "Ich sehe einfach niemanden", beklagt sie. Nur gelegentlich bekomme sie Mails, in denen Lehrer ihr das Herz ausschütteten. "Die brauchen manchmal einfach jemanden, der ihnen zuhört", sagt Rexhäuser. Abhilfe schaffen kann sie nicht.

Die zweifache Mutter Caspari ist trotz allem Verständnis für die Lehrer überzeugt, dass viele von ihnen nicht ausreichend für digitale Wissensvermittlung geschult sind. Sie nehme Hilflosigkeit wahr, aber auch ein Klima der Angst. So seien Eltern in einem Brief von JEG-Oberstudiendirektor Peter Mareis aufgefordert worden, die Videokonferenzen ihrer Kinder nicht mitzuverfolgen. Wer Screenshots mache, müsse gar mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Mareis erklärt das so: Das Klassenzimmer sei - auch und besonders im Digitalen - ein geschützter Raum, zu dem Eltern keinen Zugang hätten. Bei technischen Problemen dürfte aber selbstverständlich geholfen werden. Der Dachauer Schulamtsleiter und das Ministerium widersprechen zudem der Annahme, dass die Lehrer nicht alles in ihrer Macht stehende versuchen würden, um bestmöglich zu unterrichten: Natürlich gebe es immer Ausnahmen, so Sikora, aber die große Mehrheit der Lehrkräfte habe sich "hervorragend fortgebildet" und sei, wenn die Technik streike - wie etwa am Montag, als der Webkonferenztool "BigBlueButton" den Dienst versagt habe - mindestens genauso frustriert, wie die Schüler und Eltern. Und er versichert: Das Programm sei mittlerweile landkreisweit aufgerüstet worden, um erneute Ausfälle zu vermeiden. Oberstudiendirektor Mareis kann das bestätigten: Seit Dienstag würden zumindest 80 Prozent aller Videokonferenzen reibungslos funktionieren. Bei 100 Prozent werde man hoffentlich Ende der kommenden Woche sein. Bis dahin will das Landratsamt weitere drei Server aufgestellt haben.

Die Forderung nach einem einheitlichen System kann Sikora zwar aus Sicht von Eltern wie Katja Caspari nachvollziehen, gibt aber auch zu bedenken, dass unterschiedliche Programme unterschiedliche Vorteile hätten und deshalb gewisse Programme besser für diese oder jene Schulform und Altersstufe geeignet seien, als andere. Mareis ergänzt, dass man zu Beginn eben auf "ein Pferd gesetzt habe" und mittlerweile rund 600 Fortbildungstage in die Einarbeitung in die Programme investiert habe. Da einfach umzustellen, überlege man sich zweimal, aber sollte es weiter zu größeren Ausfällen kommen, werde man auch das sicherlich in Erwägung ziehen. Immerhin setze er als Schulleiter alles daran, für eine "positive Lernstimmung" bei den Schülern zu sorgen - auch wenn das bedeute, dass er für die Vorbereitung einer regulären Schulstunde aktuell fast doppelt so lange brauche, weil er neben einer ganz anderen Didaktik auch das Scheitern einer Videokonferenz in seine Planung mit einberechnen müsse.

Letztlich - und das zeige sich in nahezu allen Punkten, die Caspari anspreche - gehe es immer um eine Abwägung zwischen einzelnen Bedürfnissen und dem, was machbar sei, sagt Schulamtsleiter Sikora. Was für die Lehrer einfacher sei, sei für die Schüler und Eltern möglicherweise komplizierter und umgekehrt. Er wünscht sich deshalb mehr gegenseitiges Verständnis - "auch wenn mir natürlich klar ist, dass bei allen die Nerven zum Zerreißen gespannt sind".

© SZ vom 15.01.2021
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