Politische BildungZuhören und scrollen gegen den Hass auf Juden

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Eva Umlauf, hier bei einem Vortrag vor Schülern des  Germeringer Max-Born-Gymnasiums 2025, ist eine der jüngsten Auschwitz-Überlebenden. Ihre Biografie wird im neuen Antisemitismus-Projekt des Max-Mannheimer-Studienzentrums als Storytelling erzählt.
Eva Umlauf, hier bei einem Vortrag vor Schülern des  Germeringer Max-Born-Gymnasiums 2025, ist eine der jüngsten Auschwitz-Überlebenden. Ihre Biografie wird im neuen Antisemitismus-Projekt des Max-Mannheimer-Studienzentrums als Storytelling erzählt. Johannes Simon
  • Das Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau hat ein Digitalprojekt namens „Scrollen gegen Hass“ zur Antisemitismusprävention vorgestellt.
  • Das Projekt erzählt jüdisches Leben anhand von drei biografischen Porträts: Max Mannheimer, Eva Umlauf und der Studentin Nicole Fahrmeir.
  • Es soll Jugendlichen jüdisches Leben auch nach 1945 näherbringen und eine Reflexion über Antisemitismus fördern.
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Mit einem Digitalprojekt möchte das Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau Jugendliche dazu anregen, über Antisemitismus zu reflektieren. Es beleuchtet jüdisches Leben in Deutschland anhand der Biografien von Holocaust-Überlebenden und einer jungen Frau heute.

Von Helmut Zeller, Dachau

Mädchen und Jungen des Gymnasiums Liestal bei Basel umringen die Münchner Therapeutin Eva Umlauf, eine der jüngsten Auschwitz-Überlebenden. Es ist ihr letzter Abend im Max-Mannheimer-Studienzentrum (MMSZ) in Dachau – und sie wollen, obwohl es schon spät wird, nicht gehen. Packen können sie immer noch. Die Begegnung mit Umlauf fasziniert sie.

Gerade eben hat die Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees auf der Veranstaltung im Seminarraum 1 über ihre Sorge um die Demokratie gesprochen und erklärt, warum sie noch mit 83 Jahren als Zeitzeugin wirkt: „weil die Kinder, die Jugend unsere Hoffnung und Zukunft sind“.

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Deshalb hat das Studienzentrum ein neues, bayernweit bisher einzigartiges Projekt zur Antisemitismusprävention entwickelt und an diesem Abend vorgestellt. Der Name: „Scrollen gegen Hass – Antisemitismus erkennen und handeln“. Dieses Format wird in Workshops verwendet, richtet sich über das Internet vor allem aber an die breite Öffentlichkeit. Das Projekt verbindet eine kurze Einführung in jüdisches Leben und Antisemitismus mit drei biografischen Porträts jüdischer Personen in Form von Storytellings: eines über den 2016 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer, den Namensgeber der Bildungseinrichtung, das zweite über Eva Umlauf.

MMSZ-Mitarbeiterin Magdalena Geier erklärt dazu: „Wir erzählen jüdische Geschichte zu stark aus der Verfolgung heraus.“ Nötig aber sei eine tiefere Auseinandersetzung mit jüdischem Leben. Der Historiker und Politologe Martin Liepach vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt stellt in seinem Vortrag in dieser Hinsicht dem Unterricht an deutschen Schulen ein schlechtes Zeugnis aus. In Schulbüchern nimmt demnach die Geschichte der Verfolgung im Nationalsozialismus 66,9 Prozent des Platzes ein, die im Mittelalter – Stichworte Pest und Pogrome – 10,9 Prozent. Dabei kommt die Geschichte jüdischen Lebens nach 1945 etwa auf nur 2,8 Prozent. Nach wie vor, so Liepach, werde eine täterdominierte Erzählung verbreitet, in der Juden nur als passive Opfer erscheinen.

Auch das Leben des 2016 verstorbenes Namensgebers des Institus und unermüdlichen Zeitzeugen Max Mannheimer wird in einem Storytelling gewürdigt.
Auch das Leben des 2016 verstorbenes Namensgebers des Institus und unermüdlichen Zeitzeugen Max Mannheimer wird in einem Storytelling gewürdigt. Angelika Bardehle

Liepach ist Mitglied der deutsch-israelischen Schulbuchkommission. An Empfehlungen und Vorschlägen dieser Expertenrunde mangelt es seit vielen Jahren wahrlich nicht. Aber laut Liepach an der Umsetzung.  Ohne Absicht würden antisemitische Stereotype reproduziert. Außerdem fehlten Informationen für ein umfassendes Bild.

So sei, wie Liepach sagt, der sekundäre Antisemitismus nach Auschwitz in den Schulbüchern nicht vorhanden. Auch über den „israelbezogenen Antisemitismus“ erführen die Schüler nur wenig. „In Bayern ist die Welt nicht in Ordnung aber besser als in anderen Bundesländern“, erklärt Liepach dazu.

Veränderungen dauern. Ein Schulbuch ist in der Regel zehn Jahre lang in Gebrauch – und es ist immer noch das zentrale Medium im Unterricht. MMSZ-Leiterin Felizitas Raith sagt dazu: „Viele Jugendliche wissen zu wenig über jüdisches Leben, viele verbinden den Antisemitismus nur mit dem Nationalsozialismus und wissen nicht, dass jüdische Menschen heute davon betroffen sind.“

Eine Studentin aus Würzburg berichtet von ihrem Alltag

Zum Beispiel Nicole Fahrmeir, Studentin der Sonderpädagogik aus Würzburg. Ihr ist das dritte Storytelling des Online-Projekts gewidmet. Sie glaube, sagt sie, dass Bildung gegen Vorurteile helfe. Große Angst mache ihr der Antisemitismus in den sozialen Medien. Wie könne man den Menschen klarmachen, dass dieser Hass schon einmal in die Katastrophe geführt hat? Deshalb engagiere sie sich. Fahrmeir sagt aber auch, dass sie im Alltag aufpasse, wem sie was sage – aus begründeter Vorsicht.

Die Zahl antisemitischer Vorfälle und Straftaten ist seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel sprunghaft angestiegen. Deutsche Juden erleben jeden Tag verbale oder körperliche Gewalt. Darauf geht auch Markus Gruber ein, Amtschef im bayerischen Sozialministerium, das das Projekt finanziert hat. Seine Kollegin Jana Holzheimer erklärt, dass man vor großen Herausforderungen in der Antisemitismusprävention stehe und erklärt, wie wichtig darin die generationsübergreifende Arbeit sei – wie das im Projekt durch das Storytelling über Nicole Fahrmeir und Eva Umlauf geschehen sei.

Knapp 200 000 Shoah-Überlebende leben heute noch. Bald wird es keine mehr geben. Wer einem Zeitzeugen zuhöre, werde selbst zum Zeugen, sagt Umlauf zu den Schweizer Schülern nach der Veranstaltung. An diesen Worten des Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel hängt ihre Hoffnung auf die Überwindung des Hasses.

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