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Dialekt auf dem Rückzug:Null Bock auf Mundart: Immer weniger Menschen sprechen Bairisch

Deutsche Dialekte

Dialekt ist vielerorts auf dem Rückzug.

(Foto: dpa)

Strukturwandel und Zuzug führen dazu, dass auf dem Land immer weniger Bairisch gesprochen wird, insbesondere rund um die Ballungsräume. Der Schulunterricht soll es richten, fordern Dialektpfleger.

Auf dem Pausenhof einer Landkreisschule: Drei Teenager hantieren mit ihren Smartphones herum und laden sich Apps mit Spielen herunter. "Mega-cool", sagt einer der drei, während er gebannt auf das Display blickt. "Endsgeil" findet sein Freund ein Spiel, das im Kurs der "Gamer" ganz oben rangiert. Der dritte im Bunde hat auf Whatsapp eine Nachricht erhalten, in der er gefragt wird, ob er "Bock" habe, auf eine Party zu gehen. In den sozialen Medien kommunizieren junge Leute im Jugendjargon. Kaum einer käme wohl auf die Idee, eine Nachricht in bairischer Sprache zu verfassen. Wer Dialekt spricht, gilt als Exot - mittlerweile auch im ländlichen Raum.

Dazu trägt auch der Strukturwandel durch den Zuzug im Ballungsraum München bei. Die Einwohnerzahlen im Landkreis Dachau wachsen rasant. "Die S-Bahn macht die gewachsenen Strukturen in unseren Dörfern kaputt", stellt der Volksmusik- und Brauchtumsexperte Siegfried Bradl aus Altomünster fest. "Wir werden zu einer Schlafstadt von München." Und dadurch werde auch der bairische Dialekt zurückgedrängt.

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Der bairische Dialekt ist auf dem Rückzug

Bradl ist erster Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte e.V., der für den Erhalt von Mundarten in ganz Bayern kämpft. Dass der bairische Dialekt auch im ländlichen Raum auf dem Rückzug ist, hat eine Pilotstudie der Universität Salzburg ergeben, mit der der Förderverein die sprachwissenschaftliche Fakultät beauftragt hat. Dabei wurden die Mundart-Kompetenz und die sozialsprachlichen Hintergründe von Kindern und Jugendlichen im Rupertiwinkel (Südostbayern) untersucht.

Siegfried Bradl bei Bundespräsident Joachim Gauck und Daniela Schadt

Siegfried Bradl, leidenschaftlicher Volksmusiker und Brauchtumsexperte, sieht den Wandel im Ballungsraum München kritisch. "Die S-Bahn macht die gewachsenen Strukturen in unseren Dörfern kaputt", sagt er.

(Foto: Niels P. Jørgensen/oh)

Der Sprachwissenschaftler Eugen Unterberger führte in Kindergärten und Schulen Befragungen durch, bei denen es um die Bedeutung von Mundartbegriffen und deren richtige Aussprache ging. Das Ergebnis war für den Förderverein ziemlich ernüchternd: Demnach reden und verstehen nur noch die Hälfte der befragten Kinder und Jugendlichen den Dialekt in dieser Gegend. Reine Mundartsprecher sind in dem ländlich geprägten Raum in der Minderheit. Die Überlieferung von kulturell und geschichtlich wertvollen Mundarten an die nächste Generation sei bedroht, so der Förderverein. Wie die Studie weiter ergab, ist für die Mundartkompetenz die Herkunft der Eltern entscheidend. Kinder, deren Eltern aus Altbayern kommen, sprechen zu 90 Prozent auch Dialekt. Stammen beide Elternteile nicht aus dem bairischen Sprachraum, sprechen deren Kinder ausschließlich Standarddeutsch. Dass immer mehr Menschen auch im ländlichen Raum keinen Dialekt verstehen, liegt der Studie zufolge an der Zuwanderung - sowohl aus dem restlichen Deutschland wie aus dem Ausland. Der Bildungshintergrund der Eltern habe dagegen selten einen Einfluss darauf, ob die Kinder Standarddeutsch reden.

"Wer in der Mundart redet, ist nicht minderbemittelt"

Dass der Dialekt zum bayerischen Kulturgut gehört, vermittelt Siegfried Bradl in Kindergärten und Schulen. "Ich singe mit den Kindern und bringe ihnen das Brauchtum näher", sagt der Volksmusiker und Vorsitzende des Fördervereins. "Mit den Kindern rede ich immer im Dialekt." Ihm gehe es nicht darum, dass jedes Kind Bairisch spricht. Vielmehr sollten sich die Kinder mit der Sprachlandschaft und dem bayerischen Kulturgut auseinandersetzen. Wer Standarddeutsch und Dialekt spreche, könne leichter Fremdsprachen lernen. "Der Dialekt ist eine wunderbare Basis für das Umschalten in eine andere Sprache." Dennoch räumt auch Bradl ein, dass es immer noch Vorurteile gegenüber Dialektsprechern gibt. Viele befürchten eine Benachteiligung - sowohl in der Schule wie im Beruf. "Wer in der Mundart redet, ist nicht minderbemittelt", stellt Bradl fest. "Dialektsprecher sollten selbstbewusst sein."

Volksfestrundgang

Für die Brauchtumsexperten Robert Gasteiger gehört der Dialekt zum bayerischen Kulturgut.

(Foto: Niels P. Jørgensen/oh)

Robert Gasteiger hält es für eine Entwicklung der Zeit, dass die Dialekte verschwinden. Werte würden nicht mehr weitergegeben, so der Referent für das Volksfest und Brauchtum im Dachauer Stadtrat. Das sei ein Gesellschaftsproblem. "Wir kommunizieren mit Whatsapp und sind international im world wide web unterwegs. Das eigene Kulturgut bleibt auf der Strecke." Tracht werde nur noch zu einem speziellen Anlass getragen, Volksmusik sei zur Folklore verkommen. "Es fehlt eine Grundeinstellung dazu."

Die will der Förderverein Bairische Sprache mit einer Reform des Schulunterrichts schaffen. "Mundart ist Teil unserer Identität. Daher führen wir einen Unterrichtsschwerpunkt Mundart und regionale Kultur in der Schule ein", heißt es im Koalitionsvertrag der bayerischen Staatsregierung. "Das kann man jetzt auch einfordern", sagt Siegfried Bradl. Der Verein hat dem Kultusministerium dazu schon Vorschläge gemacht. Das Thema Dialekt müsse in den Lehrplänen verankert und die Schulbücher entsprechend angepasst werden. Bisher würden Mundarten in Schulbüchern abgewertet. Außerdem hält es der Verein für erforderlich, heimatliche Sprachgeschichte und Volksmusik in die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften zu integrieren. Man müsse mit den jungen Leuten neue Wege gehen und mit ihnen diskutieren, fordert Bradl. Viele seien für das Thema aufgeschlossen. Beim Kapplerbräu in Altomünster habe neulich die Volksmusikveranstaltung "Anspuin beim Wirt" stattgefunden. Bradl: "80 Prozent der Besucher waren Jugendliche."

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