Kuriose Instrumente Der tönende Spazierstock

Askold zur Eck erklärt und spielt im Dachauer Pfarrsaal Heilig Kreuz seltsame Musikinstrumente aus aller Welt.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Darf es ein bisschen "Original Hildegard von Bingen-Musik" sein, obwohl niemand weiß, wie die wirklich geklungen hat? Oder vielleicht doch lieber irgendwelche Crossover-Geschichten, mit denen selbsternannte Stargeiger die Hallen füllen? Muss es unbedingt Techno-Bass-Gewummere in der S-Bahn sein? Oder lieber doch die puristische Bach-Alternative in einer puristischen Kirche - wegen der Werktreue? Musik hat unendlich viele Facetten. Schon vor 50 000 Jahren spielten die Menschen auf Knochenflöten. Noch heute bringen sie Büffelhörner und Meeresschneckengehäuse zum Klingen. Nicht unbedingt in unseren Breitengraden, aber in Asien, Afrika, Südamerika. Wie und warum sie das tun, interessiert hierzulande meist nur Musikologen, Anthropologen und Ethnologen. Es sei denn, Askold zur Eck erklärt und spielt diese Instrumente, so wie am Samstagabend im voll besetzten Pfarrsaal von Heilig Kreuz.

Der musikalische Allrounder Askold zur Eck im Pfarrheim Heilig Kreuz in Dachau.

(Foto: Niels P. Jörgensen)

Dann wird aus trockener Wissenschaft eine spannende, mitreißende Reise in einen musikalischen Kosmos, getreu dem Motto dieser außergewöhnlichen Veranstaltung: "Ihre Ohren werden Augen machen." Um es gleich vorweg zu nehmen: Haben sie. Denn was der bescheidene, kultivierte Mann in blütenweißem Hemd und schwarzer Hose seinen Zuhörern mit jedem Wort, jedem Ton und jedem Handgriff vorspielte, war gelebte Begeisterung für sein Metier. Zur Eck erklärt Instrumente nicht auf die oberlehrerhafte Art, er erzählt von seinen Erfahrungen mit ihnen, persönlich, humorvoll und gerade so, als sei jedes einzelne Instrument, sei es winzig klein oder riesengroß, sein liebstes. Zur Eck ist Leiter von "Hör Art - Musikinstrumenten-Museum der Völker". Aufgebaut haben es seine Eltern, die beide am Salzburger Mozarteum studierten und auf ihren vielen Reisen anfingen, "exotische" Instrumente zu sammeln. Der Sohn hat die Leidenschaft geerbt und sammelt weiter. Doch die Mundtrommel aus Indonesien, der Dudelsack aus Ungarn, der Frosch aus Thailand, die Büffelglocke aus Vietnam und weitere rund 4500 Instrumente verstauben nicht in Vitrinen.

Eine Auswahl von Musikinstrumenten aus aller Welt hat Askold zur Eck nach Dachau mitgebracht. Er und seine Eltern sammelten an die 4500 Instrumente.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Das Smartphone der Naga

Etliche hat er mitgebracht. Von der schlichten Maultrommel, die ihn auch auf seiner nächsten Reise nach Indien begleiten wird, bis zur hochkomplexen vietnamesische Geige Kn'y, die - kein Witz - Hände und Mundhöhle des Spielers vor größte Herausforderungen stellt. Ebenso faszinierend: der Singing Walking Stick aus dem Nordosten des indischen Subkontinents. Der tönende Spazierstock war und ist vielleicht noch immer das Smartphone der dort lebenden Naga. Denn mit den kunstvollen Tönen, die sich der eigentlich profanen Gehhilfe entlocken lassen, verständigten sich die Menschen in der unwegsamen Bergregion. "Ich bin da gleich weg, aber ich bin ja bei allen Instrumenten gleich weg", sagte zur Eck, als der letzte Hauch eines Klangs ganz langsam entschwebte. Das ging seinen gebannt lauschenden Zuhörern ebenso. Sie konnten kaum glauben, dass ein bleistiftdünnes und -langes Stückchen Schilfrohr aus Rumänien in den Händen des musikalischen Allrounders zu einem voll tönenden Hirteninstrument wurde.

Ebenso wundersam waren Klang und Geschichte der chinesischen Spießgeige Erhu mit ihrem Drachenkopf. "Übersuperwunderbar", wie van Eck die Bedeutung von "zwei Drachen in einem Haushalt" in der Tradition Chinas beschrieb, war dieses Hörerlebnis. Das traf auch auf die meditativen Klänge eines Kürbisinstruments, der Hulutsi, zu. Mit der Trichtergeige Bul bul tarang ließ zur Eck Nachtigallengesänge durchs Pfarrheim wehen. Archaisch wirkten die Rufe der reich geschmückten tibetischen Schneckentrompete, hypnotisierend die Straßenmusik aus dem indischen Punjab, ohrenbetäubend der Trommelwirbel aus Korea. Wer allerdings glaubte, das Didgeridoo sei nur in Australien zu finden, den belehrte zur Eck eines Besseren mit einem selbstgebauten "original österreichischen" Vertreter dieses Instruments - nur um noch eins drauf zu setzen und zu zeigen, wie ein musikbesessener "Single-Hausmann, der keine Lust auf Staubsaugen hat", das Elektrogerät mal eben zum Musikinstrument umfunktioniert. Selten war eine musikalische Lehrstunde so unterhaltsam - davon sollte es mehr geben.