Dachau:Der Garten des Lebens

Die Autorin Christine Zeile liest aus ihrem Buch "Auf der Suche nach dem Geschmack der Kindheit". Eine Erzählung von einem furchtlosen und letztlich siegreichen Kampf um eine verloren geglaubte Welt

Von Helmut Zeller, Dachau

Als Henry D. Thoreau 1845 in eine selbst erbaute Blockhütte am Walden-See nahe seiner Heimatstadt Concord in Massachusetts zog, war er auf der Suche nach den "Grundtatsachen des Lebens". Der Schriftsteller und Naturliebhaber floh das zunehmend normierte Leben in der aufkommenden Industrialisierung der Unionsstaaten im Osten der USA und wollte die Natur und sich selbst darin beobachten, nachdenken, lesen und schreiben - heute gilt er als Pionier der literarischen Naturerkundung. Schreiben über die Natur, im angloamerikanischen Nature Writing, ist eigentlich immer ein Schreiben über den Menschen - so auch bei der Münchner Schriftstellerin Christine Zeile, die sich 2013 im französischen Loire-Tal, ihrer Wahlheimat, auf die Suche nach dem Geschmack der Kindheit machte. Sechs Jahre später legt sie ein Buch vor, in dem sie von ihrem "Leben als furchtlose Gärtnerin" erzählt.

Thoreau brauchte nur ein paar Kilometer weit aus Concord hinaus zu gehen, um unberührte Natur zu finden; zumindest nahm er die Landschaft am Walden als Wildnis wahr, die freilich längst schon von Menschenhand verändert worden war. Aber heute, 170 Jahre später, sind ursprüngliche Naturparadiese kaum mehr zu finden - der Globus und die Menschheit stürmen im Klimawandel bei fortschreitender Erderwärmung dem Abgrund zu. Die Autorin schildert ihren Kampf gegen die industrielle Landwirtschaftsproduktion auf Riesenfeldern und Plantagen, die durch den massenhaften Einsatz von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden wesentlich zur Zerstörung der Umwelt beiträgt. Allein in Deutschland, schreibt die Autorin, beträgt der Umsatz mit Pflanzenschutzmitteln jährlich 1,5 Milliarden Euro (Stand: 2013). Satte 48 600 Tonnen, davon entfallen auf Roundup beziehungsweise Glyphosat allein etwa 10 000 Tonnen. Die Folgen sind verheerend, zum Beispiel das Insektizid Chlorpyrifos, das in 22 Ländern der EU zugelassen ist. Heute weiß man, dass es die Entwicklung des Gehirns beim menschlichen Embryo behindert. Es ist in Tests in den USA bei 87 Prozent der Neugeborenen im Nabelschnurblut nachgewiesen worden.

Die Massenproduktion an Lebensmitteln zerstört die natürlichen Ressourcen, ruiniert die nächsten Generationen, trägt zum Sterben von Tierarten wie Bienen und anderen Insekten bei und führte auch zu einer Verarmung unserer Kulturpflanzen. "Von den 7000 kultivierten Pflanzenarten sind heute noch 120 für die Landwirtschaft relevant, und nur 30 Arten liefern weltweit 95 Prozent unserer Lebensmittel." Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund versteht man: Gärtnerei, also die Herstellung von Lebensmitteln ohne jeden Einsatz von Giftstoffen, ist ein Akt des Widerstands gegen unsere Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Die Autorin analysiert die Zusammenhänge industrialisierter Landwirtschaft, die grauenhafte Geschichte der Schädlingsbekämpfung mit der schwindenden Lebensqualität der Menschen - ohne jede Bitterkeit, mit viel Humor und Selbstironie; das ist einer der Gründe, die das Buch so lesenswert machen.

Dabei sitzt Christine Zeile keiner Illusion auf: "Allerdings muss ich mir nichts vormachen. Ich lebe noch immer so, dass für meinen Verbrauch 2,2 Planeten nötig wären. Damit liege ich etwas niedriger als der durchschnittliche Deutsche, aber, ja, nachhaltig ist es nicht. Die Schwingen der Konsumgesellschaft, die mich und meine Generation in den 1960- und 1970er-Jahren so himmelweit über den engen Horizont dessen, was meine Eltern für angemessen hielten, hinausgetragen haben, sie schmelzen dahin im immer heißer werdenden Licht des Ozonlichts, der CO₂-Vergiftung, des Mülls und der Landschaftszerstörung."

Nicht von ungefähr erinnert der Titel des Buches an Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - Christine Zeile machte sich auf den Weg, um jene Welt ihrer Kindheit wiederzufinden, den einprägsamen Geschmack alter Obstsorten und die giftfreien Gemüsebeete ihrer Kindheit. Erdbeeren, Birnen, Kirschen, Rhabarber, Tomaten, Kürbisse und Kartoffeln selbst anzubauen. Aber wie stemmt man sich im eigenen Garten gegen die Marktmacht von kommerziellen Saatgutkonzernen? Und wie bewältigt man die Auswirkungen des Klimawandels im eigenen Garten, wenn Hitzewellen die Kartoffelreihen verdorren lassen und Obstbäume im September blühen? Es verhagelt zunächst die Ernten, wurmige Früchte, Niederlagen, doch die Autorin führt den aussichtslos erscheinenden Kampf weiter - zuerst pflückt sie die Raupen des Frostspanners eigenhändig von den Bäumen, pflegt ihre Gemüsesetzlinge, kürzt und schneidet Äste an Obstbäumen und baut eine mit zu Kompost verarbeiteten Küchenabfällen fruchtbare Humusschicht auf. Sie lernt, dass etwa Zünsler und Frostspanner und Apfelwickler in den Apfelbäumen zu einem Leben dazugehören, das im Einklang mit der Natur atmet. Mit ausgeklügelten biologischen Maßnahmen gelingt es Christine Zeile schließlich, den Geschmack der Kindheit im eigenen Garten wiederzufinden - "Gärtner oder Gärtnerin ist man nicht, man wird es durch die Erfahrung und eine andauernde Auseinandersetzung mit der Natur."

Christine Zeile, die als Verlagslektorin jahrelang täglich an Sätzen ihrer Autoren feilte, Texte kürzte, den literarischen Nachwuchs aufbaute, ist selbst eine Schriftstellerin, die einen eleganten, französische Einflüsse verarbeitenden Stil entwickelt ha; fesselnde und unsentimentale Naturbeschreibungen geben dem Leser Auskunft über die "Grundtatsachen des Lebens", die auch Henry Thoreau gesucht hat - die Beobachtung eines sogenannten Schädlings lehrt einen neuen Blick auf die Welt, im scheinbar Kleinen offenbart sich das allgemeine Große. "Ein Buch", ist ihrem Werk als Geleitwort vorangestellt, "ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt."

"Auf der Suche nach dem Geschmack der Kindheit": Die Stadtbücherei Dachau lädt am Dienstag, 27. Juli, um 19 Uhr (Einlass: ab 18.30 Uhr) zu einer Lesung mit der Autorin Christine Zeile am Max-Mannheimer-Platz 3 ein. Durch den Abend führt Helmut Zeller, Leiter der SZ Dachau. Karten für neun Euro im Vorverkauf am Kassenautomaten.

© SZ vom 24.07.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB