ErinnerungskulturDachaus Straßennamen kommen auf den Prüfstein

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Noch legitim oder heute nicht mehr vertretbar? Die Ludwig-Thoma-Straße erinnert an den Autor der „Lausbubengeschichten“, der als junger Mann von 1894 bis 1897 in Dachau lebte.
Noch legitim oder heute nicht mehr vertretbar? Die Ludwig-Thoma-Straße erinnert an den Autor der „Lausbubengeschichten“, der als junger Mann von 1894 bis 1897 in Dachau lebte.
Toni Heigl
  • Der neue Dachauer Stadtrat will bald über etwa 25 bis 30 Straßennamen debattieren, die nach Nationalsozialisten, Antisemiten oder Rassisten benannt sind.
  • Im Mittelpunkt steht Ludwig Thoma, der in seinen letzten Lebensjahren über 140 antisemitische Hetzartikel schrieb und zur Gewalt gegen Juden aufrief.
  • Eine Expertenkommission hat bereits 2024 alle 525 Straßen überprüft, die Stadt hält die Ergebnisse aber unter Verschluss.
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Im neuen Stadtrat steht die überfällige Debatte über historisch belastete Persönlichkeiten an. Die Fraktionen wollen das Thema bald auf die Tagesordnung bringen. Ein Name wird dabei im Mittelpunkt stehen: Ludwig Thoma.

Von Helmut Zeller, Dachau

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„Das wäre doch fürchterlich“, sagt Peter Heller, „wenn man in der überregionalen Presse die Schlagzeile lesen müsste: In Dachau bleibt alles beim Alten.“ Heller, Sprecher des „Runden Tisches gegen Rassismus“, meint die längst überfällige Entnazifizierung der Straßennamen in der Großen Kreisstadt mit heute 47 500 Einwohnern. Seit Jahren schiebt die Stadtführung das Problem vor sich her. Jetzt aber steht der im März neu gewählte Stadtrat vor einer erinnerungspolitischen Debatte, die Dachau erschüttern könnte.

Etwa 25 bis 30 Straßen tragen die Namen von Nationalsozialisten, Antisemiten oder Rassisten, darunter bekannte Persönlichkeiten der Stadtgeschichte. Vor allem aber ein Name birgt Zündstoff: der des Heimatschriftstellers Ludwig Thoma (1867 bis 1921).

Der Name Ludwig Thomas ist vielfach im Dachauer Stadtbild präsent, zum Beispiel am Ludwig-Thoma-Haus.
Der Name Ludwig Thomas ist vielfach im Dachauer Stadtbild präsent, zum Beispiel am Ludwig-Thoma-Haus.
Niels P. Jørgensen

Der Mann, der in Dachau von 1894 bis 1897 eine Rechtsanwaltskanzlei betrieb, wurde am Ende seines Lebens zum Antisemiten und veröffentlichte zahlreiche Artikel, in denen er gegen Juden hetzte und zur Gewalt aufrief. Diese dunkle Seite des Heimatschriftstellers ist seit mehr als 30 Jahren bekannt. Dennoch wird er heute noch in Dachau verehrt. Neben einer Straße sind nach ihm auch die Festwiese und der städtische Kulturtempel – das Ludwig-Thoma-Haus – in der Augsburger Straße benannt.

Der Kultur- und Theaterverein Ludwig-Thoma-Gemeinde hat in früheren Diskussionen bereits Protest angekündigt, falls Thomas Name aus dem Stadtbild gestrichen werden sollte. Doch der Druck, diesen Schritt zu vollziehen, wächst. Vor zwei Wochen wurden auf Initiative des Kirchenrats Björn Mensing, Historiker und Pfarrer an der Evangelischen Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau, acht weitere Stolpersteine für NS-Opfer in der Stadt verlegt. Auf der anschließenden Veranstaltung im Thoma-Haus kritisierte Mensing die Namensgebung des Kulturhauses. Es „schmerzt und empört“, sagte er, dass jährlich am Holocaust-Gedenktag und zur Erinnerung an das November-Pogrom 1938, wenn der NS-Opfer gedacht werde, Nachkommen von Überlebenden in ein Haus eingeladen würden, das diesen Namen trage.

Erinnerungskultur im Ludwig-Thoma-Haus: die jährliche Gedenkfeier zur Pogromnacht, hier im Jahr 2024 mit Cora Wallach Sanches.
Erinnerungskultur im Ludwig-Thoma-Haus: die jährliche Gedenkfeier zur Pogromnacht, hier im Jahr 2024 mit Cora Wallach Sanches.
Niels P. Jørgensen

Heller hat jetzt – nach zwei Anläufen 2023 und 2025 - erneut an Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) appelliert, dass die Stadt nun endlich ins Handeln kommen müsse. Hartmann hatte bisher alle Versuche abgewehrt, die Namensdebatte im Stadtrat zu eröffnen.

Dabei hatte er selbst eine Expertengruppe beauftragt, alle 525 Straßen in der Stadt zu überprüfen. Sie bestand aus dem Kulturamtsleiter Tobias Schneider, dem Stadt- und Kreisarchivar Andreas Bräunling und dem ehemaligen Bezirksheimatpfleger und Schriftsteller Norbert Göttler. 2024 soll das Ergebnis der Experten-Kommission vorgelegen haben. Göttler erklärte, die Sache sei politisch abstimmungsreif. Heller schrieb in einem offenen Brief im April 2025 an Hartmann: „Die Zeit ist reif, um die Fakten auf den Tisch des Stadtrates zu legen und mit dem ohnehin langandauernden Verfahren endlich zu beginnen.“

Hartmann aber antwortete: „Wann sich der Stadtrat dazu in der Lage sieht, über den Umgang mit den belasteten Straßennamen zu entscheiden, das zu beurteilen obliegt allein dem Gremium selbst.“  Heller war, wie er der SZ sagte, doch erstaunt, weil ein Oberbürgermeister die Tagesordnung des Stadtrats bestimmen kann. Aber er habe von Hartmann erfahren, so Heller, dass die Fraktionen darum gebeten hatten, das Thema dem neuen Stadtrat zu überlassen.

Auch Göttler wunderte das Zaudern und Zögern, hatte er doch als Bezirksheimatpfleger schon Jahre davor dem Bürgermeisterbüro eine noch unvollständige Liste mit belasteten Straßennamen zukommen lassen. Die Liste der Experten ist nicht bekannt. Die Stadt hält sie unter Verschluss.

Auf der Liste stehen, wie zu erfahren war, der ehemalige Dachauer Bürgermeister Hans Zauner (1885 bis 1973), der 1933 in die NSDAP eintrat und im Naziregime politische Karriere machte. Die Dachauer wählten ihn 1952 zum Bürgermeister. Noch 1960 soll er sich in einem Interview abfällig über ehemalige KZ-Häftlinge geäußert haben. Auch aufgeführt wird der Maler und Mitbegründer der Künstlergruppe Dachau, Hermann Stockmann (1867 bis 1938), der den Festzug zur Stadterhebung Dachaus 1934 für die Nazis propagandistisch ausrichtete. Er erstellte für sie auch ein Gutachten über das Vermögen der 1938 vertriebenen und deportierten jüdischen Dachauer. An vier von ihnen erinnern heute Stolpersteine in der Hermann-Stockmann-Straße.

Der Maler und Mitbegründer der Künstlergruppe Dachau Hermann Stockmann war 1938 an der Vertreibung der jüdischen Familien aus Dachau beteiligt.
Der Maler und Mitbegründer der Künstlergruppe Dachau Hermann Stockmann war 1938 an der Vertreibung der jüdischen Familien aus Dachau beteiligt.
Repro: Toni Heigl
Auch an ihn erinnert eine Straße.
Auch an ihn erinnert eine Straße.
Toni Heigl

Nun aber kommen aus den Fraktionen von SPD, Grünen und CSU Signale, dass der Umgang mit den problematischen Straßennamen bald auf den Prüfstand gestellt werden soll. CSU-Fraktionssprecher Peter Strauch sagte der SZ, das Thema müsse unbedingt behandelt werden. Das werde auch zeitnah geschehen, wenn sich alle neuen Stadträte eingearbeitet hätten. Nur sei das Thema zu wichtig, als dass man es im Kommunalwahlkampf behandelt hätte.

Der Dritte Bürgermeister Dennis Behrendt (SPD) erklärte auf Anfrage: „Das Thema Umgang mit belasteten Straßennamen ist wichtig und wird nicht auf die lange Bank geschoben. Es besteht großes Interesse, sich mit dem Thema zu befassen. Da sich die Fraktionen eingehend mit den vorliegenden Fakten beschäftigen möchten, bitte ich noch um etwas Geduld.“ Der neue Stadtrat habe sich erst kürzlich konstituiert, 18 neue Stadträte müssten sich einarbeiten. „Ziel ist es, ohne Druck möglichst gute Entscheidungen zu treffen.“

Rückblende: Die US-Militärverwaltung hat die Dachauer Spruchkammer zur Entnazifizierung nach dem Kriegsende als „the slowest in whole Bavaria“ kritisiert. Vergessen ist heute, dass unter Entnazifizierung, wie sie im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta beschlossen worden ist, auch das Verbot von Symbolen und Schriften der Nazis fiel – und darunter auch von Straßennamen.

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Die höchste Auszeichnung, die eine Kommune vergeben kann, ist die Benennung einer Straße. Der Deutsche Städtetag erklärte 2021, welche Verantwortung das mit sich bringt: „Durch ihre wiederholte praktische Nutzung sickern Straßennamen tief in das ‚kommunikative Gedächtnis‘ (…) ein. Zugleich gehen die Namen als Ankerpunkte kollektiver Identität in das ‚kulturelle Gedächtnis‘ der Städte über.“

Das ist auch in Dachau so. Egal ob Zauner oder Stockmann – oder eben Ludwig Thoma. OB Hartmann hat vor geraumer Zeit gesagt, er wolle im Fall des bayerischen Volksschriftstellers die Expertise der Historikerkommission in München abwarten. Nur kam die dann zu dem Schluss, dass der Straßenname fallen müsse. Thoma sei, so das Fazit, frauenfeindlich, homophob, antisemitisch, völkisch-national und antidemokratisch gewesen.

Der Schriftsteller Ludwig Thoma hetzte in seinen letzten Lebensjahren in Zeitungsartikeln gegen Juden.
Der Schriftsteller Ludwig Thoma hetzte in seinen letzten Lebensjahren in Zeitungsartikeln gegen Juden.
dpa

Das hatte Göttler, einer der besten Kenner Thomas, der Dachauer Stadtspitze auch schon erklärt. In seinen letzten beiden Lebensjahren hat Thoma mehr als 140 antisemitische Hetzartikel für den Miesbacher Anzeiger geschrieben. Er hat etwa den tödlichen Anschlag eines rechtsextremen Antisemiten auf den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, Kurt Eisner, eines Juden, am 21. Februar 1919 als „Hinrichtung des Eisners“ bejubelt und brutal gegen Juden gehetzt. Thoma hat sich so auch zum Wegbereiter der Nationalsozialisten und ihrer Vernichtungspolitik gemacht.

Bereits in den späten 1980er-Jahren wurde der Ruf des bayerischen Literaten erschüttert. Die Landeshauptstadt stampfte daraufhin die Ludwig-Thoma-Medaille ein. Den ehemaligen Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter (SPD), hat das Urteil der Historiker weniger interessiert. Der Name Thomas, entschied er, werde nicht aus dem Stadtbild getilgt, solange er OB ist. Seit der Kommunalwahl im März ist Reiter nicht mehr OB der Landeshauptstadt.

Für Dachau lässt sich anhand der bisherigen Äußerungen aus den Fraktionen des Stadtrats vermuten, dass die Debatte über den Umgang mit den belasteten Straßennamen eher auf eine Kontextualisierung durch Zusatzschilder als auf eine Umbenennung hinauslaufen wird. Diese fordert Göttler allerdings in einem Fall deutlich: Ludwig Thoma. Dieser habe zu Mord und Gewalt aufgerufen und somit eine Grenze überschritten.

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